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Date: Nov 16, 2005
Title: Heimspiel Thiam
HEIMSPIEL Der Kicker vom Bahnhof Zoo
Für Pablo Thiam ist der Zug ein Ort der Ruhe, wo er zu sich selbst findet. Er pendelt daher regelmäßig auf der Schiene zwischen Berlin und Wolfsburg. Der 31-Jährige über morgendliche Rituale, eine Bombendrohung und wie er lästigen Dauerrednern entkommt
HEIMSPIEL
Der Kicker vom Bahnhof Zoo
Für Pablo Thiam ist der Zug ein Ort der Ruhe, wo er zu sich selbst findet. Der guineische Nationalspieler des VfL Wolfsburg pendelt daher regelmäßig auf der Schiene von Berlin zum Training und zurück. Der 31-Jährige über morgendliche Rituale, eine Bombendrohung und seinen Trick, wie er lästigen Dauerrednern entkommt. Aufgezeichnet von Oliver Lück

Pablo Thiam auf dem Weg zur Arbeit:
"Ich genieße die Ruhe" Foto Gianni Occhipinti
Seit zwei Jahren habe ich das Bahnfahren für mich entdeckt und pendle fast täglich zwischen Wolfsburg und Berlin, wo ich mit meiner Frau und meinen Kindern lebe. Vorher hatte ich nie gedacht, dass das so unglaublich entspannend sein kann. Ich habe zwar drei Autos, längere Strecken fahre ich aber nicht so gerne. Wenn ich mich 90 Minuten auf die Straße konzentrieren muss und auch noch im Stau stehe, komme ich völlig fertig nach Hause und muss erst mal die Füße hochlegen. Nicht mal wenn ich einen Chauffeur hätte, würde ich mit dem Auto zum Training fahren wollen. Auch Fliegen finde ich eher stressig. Im Zug ist das anders, da geht vieles an dir vorbei. Für mich ist das inzwischen Routine. Morgens werde ich im ICE wach, abends auf der Heimfahrt erhole ich mich und verarbeite das, was tagsüber so passiert ist. Ich versuche abzuschalten, gucke mir manchmal einen Film auf meinem Laptop an. Das ist die Zeit am Tag, die ich für mich habe. Das genieße ich. Denn ich finde meine Ruhe. Und zu Hause kann ich mich dann sofort entspannt um meine Familie kümmern.
Mittlerweile gibt es bei mir genaue Rituale, die sich wie bei jedem anderen Pendler auch verselbstständigt haben und sich Tag für Tag wiederholen: Ich muss jeden Abend daran denken, ein Taxi zu bestellen – ein Nichtrauchertaxi, immer für spätestens 7:35 Uhr. Der Fahrer darf allerdings nicht klingeln, damit die anderen nicht geweckt werden. Das wissen die in der Zentrale aber inzwischen. Wenn wir um zehn Uhr Training haben, stehe ich um Viertel nach sieben auf. Dann geht’s zum Bahnhof Zoo, wo ich mir jeden Morgen die verschiedenen Tageszeitungen hole und um 7:57 Uhr in den ICE steige. Im Zug bestelle ich das Bordfrühstück mit einem halben Liter Wasser, grünem Tee und – ganz wichtig – Erdbeermarmelade. Ich esse jeden Morgen das Gleiche. Diese Dinge passieren alle ganz automatisch, da muss ich gar nicht mehr überlegen. Wenn ich ein bisschen Abwechslung haben möchte, fährt mich auch mal meine Frau zum Bahnhof.
Ich habe eine Bahncard 100 für die erste Klasse. Am Anfang bin ich noch zweiter Klasse gefahren, das ging aber irgendwann nicht mehr, da ich häufig keinen Sitzplatz bekam und stehen musste. Das war natürlich keine gute Vorbereitung auf das Training. In zwei Jahren bin ich nur einmal zu spät gekommen, weil mein Zug wegen einer Bombendrohung nach Magdeburg umgeleitet werden musste – von dort bin ich dann mit dem Taxi gefahren. Ich habe die Taxinummern vieler Städte in meinem Handy gespeichert. Das gibt mir das Gefühl, jederzeit mobil sein zu können. Klar haben Züge hin und wieder mal Verspätungen, doch das kalkuliere ich ein. Daher bin ich morgens meistens der Erste in der Kabine.
Nach dem Training bringt mich manchmal mein Freund und Teamkollege Hans Sarpei zum Bahnhof, manchmal auch unser Zeugwart Heribert Rüttger. Während der Rückfahrt checke ich meine Mails, lese auf meiner Homepage und denke nach. Und nur 56 Minuten später bin ich schon da – das ist optimal. Das geht so schnell, dass ich nicht mal dazu komme, eine Zeitung komplett durchzulesen. Selbst wenn ich gestresst eingestiegen bin, hilft mir die Zugfahrt runterzukommen – auch wenn ich oft von Leuten angesprochen werde, die ein Autogramm haben oder über Fußball reden wollen. Da der ICE nach Köln weiterfährt oder aus Köln kommt – meiner Heimatstadt –, treffe ich häufiger bekannte Gesichter. Fast täglich auch mir bekannte Pendler, die wie ich nach Wolfsburg zur Arbeit fahren. Man kennt sich und grüßt sich. Oft unterhalten wir uns und machen Scherze: „Wo arbeitest du? – Bei Volkswagen. – Ich auch!“ So etwas ist ganz normal. Ich mache halt meine Schicht auf dem Fußballplatz, andere im Werk. Viele im Zug bleiben auch erst mal auf Distanz und gucken nur. Dann kommen sie aber doch zu mir und fragen, ob sie mich nicht von irgendwoher kennen. Das ist meist sehr nett. Es kommt aber auch vor, dass mich einer zu sehr voll quatscht und einfach nicht aufhören will. Dann helfe ich mir mit einem alten Trick: Ich setze mich in eine Ecke und tue so, als ob ich schlafe.


