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DFB-POKAL
Der Unwichtig-Tuer

Die Fans des 1. FC Nürnberg durften nach 39 Jahren wieder einen Titel bejubeln. Als Verantwortlicher für den Sieg im DFB-Pokal und den Aufschwung des Clubs gilt Trainer Hans Meyer. Doch der hält sich im Erfolg zurück und lässt lieber seine Spieler feiern.


Der Taktiker: Trainer Hans Meyer ist verantwortlich für den Aufschwung des 1. FC Nürnberg Foto Klaus Merz


Es ist 22 Uhr 45, als Hans Meyer langsam über den Platz schlendert. Seine großen Hände stecken tief in den Taschen der ausgebeulten Trainingshose, leer blickt er auf den Rasen des Berliner Olympiastadions. Vor zehn Minuten besiegelte der Abpfiff den Pokalsieg seiner Mannschaft über den Deutschen Meister aus Stuttgart. Spieler, Betreuer und Offizielle liegen sich in den Armen. Meyer aber sucht die Einsamkeit.

Auch die vorherigen 120 Minuten verbringt der Coach alleine. Neben der Bank stehend, durch eine Glasscheibe vom Trainerstab und den Ersatzspielern getrennt, registriert er gelassen den 0:1 Rückstand für seine Mannschaft. Ruhig nimmt er den Ausgleich durch ein Tor des Nürnbergers Marek Mintal noch in der ersten Halbzeit hin, ebenso die rote Karte für den Stuttgarter Cacao in der 30. Minute und das brutale Foul von Meira an Nürnbergs Torschützen.

An die Bank gelehnt sieht er zu, wie seine Mannschaft das Spiel in Überzahl zu ihren Gunsten dreht und nach einen Kopfballtreffer von Marco Engelhardt sogar die Führung übernimmt. Stoisch verzeichnet er zehn Minuten vor Ende der regulären Spielzeit den Stuttgarter Ausgleichstreffer, ein von Pavel Pardo getretener Elfmeter.

Nur selten setzt er sich neben seinen Assistenztrainer. Öfter geht er zum Rand seiner Coachingzone und redet auf den vierten Schiedsrichter ein. Der lässt ihn gewähren, wohlwissend, dass Meyer sich nach wenigen Worten von alleine wieder auf seinen Platz neben der Bank stellen wird. Von dort sieht er in der 109. Minute auch den Siegtreffer seiner Elf: Ein brillanter Schuss des Dänen Jan Kristiansen. Meyers ballt kurz die Hand zur Faust, klatscht ab – und verzieht keine Miene.

Während die Ersatzspieler und andere Bankdrücker nach dem Abpfiff schließlich auf das Feld rennen und ihre Freude ungehemmt in die Welt hinaus brüllen, steht Meyer am Spielfeld wie ein Baum am Straßenrand und wartet auf seinen Co-Trainer, immerhin, um diesen zu umarmen.

Kann dieser Mann sich denn gar nicht freuen? Seine Nürnberger haben das Finale verdient gewonnen. Meyer kompensierte den Ausfall von Schlüsselspieler Vittek und nach der verletzungsbedingten Auswechslung seines Torjägers Mintal konnte er auch den Offensivdruck aufrecht erhalten. Im Gegensatz zu Stuttgart hat sein Club diszipliniert gespielt, die taktischen Vorgaben eingehalten. Meyer hat alles richtig gemacht, er könnte sich als der große, der strahlende Gewinner geben.

Meyer weiß allerdings, dass die Euphorie nur eine begrenzte Haltbarkeit hat. Der überschäumenden Freude folgt meist die Ernüchterung: Ab jetzt werden mehr Erfolge erwartet und damit beginnen die Sorgen des Traineralltags. Verletzte Spieler müssen ersetzt und verlorene Partien gerechtfertigt werden. Schnell kann Meyer wieder als Versager dastehen, wenn die Siege ausbleiben.

Aber die fränkischen Fans lieben ihn. Nicht erst seitdem er den DFB-Pokal nach 45 Jahren wieder nach Nürnberg geholt hat. Schon zuvor, hat er sich das Herz der Fans durch zählbare Erfolge erobert. Als er den Club vor 18 Monaten übernahm, stand der Verein auf einem Abstiegsplatz. In dieser Saison ist Nürnberg immerhin Sechster geworden und hat sich für die Teilnahme am Uefa Cup qualifiziert. Die Fans haben ihm schon ein Lied zur Melodie von Biene Maja geschrieben. Im Refrain wird nicht die clevere Maja, sondern der clevere Meyer gelobt.

Auch die Medien liegen ihm zu Füßen. Kein anderer Bundesligatrainer hat den Charme, das Charisma, und vor allem den Humor eines Hans Meyer. Er selbst gibt zu, dass Ironie und Zynismus ihn vor allem vor stacheligen Nachfragen schützen sollen. Doch das schmälert nicht die Verehrung durch viele Journalisten.

Meyers Furcht vor dem tiefen Fall indes ist groß. So groß, dass er sich auch nach seinem größten Triumph als Trainer nicht traut, mit den Spielern ausgelassen zu feiern. Er ist kein Schleifer, er gönnt seinen Profis die Freude, doch selber will er sich nicht einbeziehen, weil er sich und seine Rolle nicht wichtig nimmt. „Trainer werden überschätzt", hat Meyer mal in einem Interview mit dem Tagesspiegel gesagt.

Verständnis für sein Understatement kann Meyer in dieser Nacht nach dem Gewinn des DFB-Pokals allerdings nicht erwarten. Vielleicht gibt er sich in seinem Schlendergang über den Platz deshalb einen Ruck und schließt zu den Spielern auf, die freudetrunken mit den ausgelassen Fans feiern. In diesem Moment kann auch ein Hans Meyer dem Ruhm nicht entgehen.

Ulrich Dehne, Zeit online


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