Die Personalie Ballack ist nur ein Medienthema. Der FC Chelsea gibt sich vor dem Spiel gegen die „Clown Elf“ Los Angeles Galaxy („Daily Mirror“) entspannt wie selten, seitdem José Mourinho die „Blues“ trainiert. Selbst eine Verletzung beim Spiel gegen die mitgereisten Journalisten konnte dem Portugiesen die gute Laune nicht nehmen. Von Raphael Honigstein, Los Angeles.
Fehlt in Kalifornien: Rekonvaleszent Michael Ballack Foto Heiko Prigge
Am Donnerstagnachmittag saß Roman Abramowitsch neben seiner jungen Freundin gemütlich auf dem Rasen und lächelte sein rätselhaftes Lächeln. So eine schlechte Chelsea-Mannschaft hatte der russische Eigentümer seit der Übernahme vor vier Jahren bestimmt noch nicht gesehen, aber die Sonne schien erstens unheimlich hübsch über dem Platz der UCLA (University of California, Los Angeles) und zweitens waren die Blauen zum Glück ja gar nicht das „echte“ Chelsea: José Mourinhos Mitarbeiterteam (Assistenztrainer, Vereinsangestellte, Romans Bodyguard) spielte gegen eine englische Journalistenauswahl. RUND durfte bis zur Oberschenkelzerrung bei den Kollegen mitkicken, doch das verbissen geführte Match forderte noch ein weitaus prominenteres Opfer. Mourinho, der für die „Blues“ das Tor gehütet hatte, lag nach einer starken Parade gegen Ende der zweiten Hälfte bäuchlings neben seinem Kasten. Ein Betreuer signalisierte: es geht nicht mehr. Der Portugiese musste beim Stand von 1:1 mit einer Muskelverletzung vom Platz. Ohne seine gewieften taktischen Anweisungen kam seine Truppe nur zu einem schmeichelhaften Sieg im Elfmeterschießen.
Aufregendere Ereignisse hat es, das ist nicht übertrieben, auf der lockeren Werbe- und Trainingsreise des englischen Spitzenteams kaum gegeben. Kapitän John Terry hat sich zwar einen Zehen gebrochen, aber das gilt unter Engländern nicht als ernsthafte Verletzung. Sein Saisonstart ist nicht gefährdet. Die nächtliche Zusammenkunft mit Paris Hilton und anderen Hollywood-Sternchen bei einer Party auf dem Sunset Boulevard blieb ohne größere Zwischenfälle und die Freundschaftsspiele gegen Club America (Mexiko) und die südkoreanischen Samsung Bluewings wurden in klassischer Chelsea-Manier – knapp und schnörkellos – gewonnen. Das für Samstagabend im Home Depot Center geplante Match mit The Los Angeles Galaxy dürfte ohne den immer noch am Knöchel verletzten David Beckham zudem ein deprimierend ungleiches Duell werden. Der „Daily Mirror“ schätzt Beckhams neues Team als „Clown-Elf“ ein; selbst die seriöse „Times“ sieht den Verein „bestenfalls auf Zweitliganiveau“. Die Gegenwehr wird sich in Grenzen halten.
Nachdem Mourinho in der ersten Woche noch ein paar verbale Attacken gegen den neuen, von ihm unerwünschten Sportdirektor Avram Grant geritten und ein bisschen Druck auf den verletzten Michael Ballack („er fängt bei Null an, sein Leben ist nicht einfach“) ausgeübt hatte, schien sich gegen Ende des 14-tägigen Betriebsausflugs kalifornische Gelassenheit im noblen Beverly Hills Hotel, dem pinkfarbenen Mannschaftsquartier auszubreiten. Mourinhos Versöhnung mit Abramowitsch, der ihn gegen Ende der Saison sehr gerne gefeuert hätte, jedoch keinen Ersatz fand, hat den Klub zumindest zwischenzeitlich befriedet. „Ich bin glücklich mit dem Verein, glücklich mit der Struktur, glücklich mit der Unterstützung (durch den Vorstand) und mit der Kommunikation“, sagte Mourinho, und er schien das so zu meinen. Dazu passt, dass die Vertragsverhandlungen mit Terry und Frank Lampard, die beide gerne wie Michael Ballack und Andreij Schewtschenko zehn Millionen jährlich verdienen würden, kurz vor dem Abschluss stehen. Real Madrids energisches Werben um Flügelstürmer Arjen Robben sorgt bei den Londonern nur für ein müdes Achselzucken. Abramowitsch schloss in einem Telefonat mit Reals Sportdirektor Pedrag Mijatovic einen Wechsel des Niederländers kategorisch aus.
Unterwegs in LA: Die echten Stars des FC Chelsea tingeln in Übersee Foto Dominik Gigler
Die Personalie Ballack war im Grunde auch nur ein Medienthema. Die hier und da geäußerten Spekulationen, der deutsche Nationalmannschaftskapitän könnte der Leidtragende einer Rückkehr zum 4-3-3-System mit Flügelspielern sein, entbehren jeder Grundlage. Mourinho sieht ihn am liebsten als einen von drei zentralen Mittelfeldspielern, als vorderster Mann in einer Raute fühlte er sich letzte Saison selber nicht richtig wohl. Und der neue Franzose Florent Malouda, der für 22 Millionen Euro von Lyon transferiert wurde, konkurriert als Spezialist für die linke Seite sicher nicht mit dem Deutschen. Die größten Probleme wird so wie im Vorjahr Andreij Schewtschenko bekommen. Der Ukrainer machte in LA keinen guten Eindruck. Schwerfällig und unmotiviert lief er über den Rasen. Der Ex-Münchner Claudio Pizarro droht, ihn als Ersatzmann von Didier Drogba zu verdrängen.
Für Ballack, der sich dem Vernehmen nach ein Karriereende in den Staaten vorstellen kann, gilt es genau wie für Beckham, so schnell wie möglich fit zu werden. Die Wunde über dem Sprunggelenk schmerzt noch immer. Mourinho hat meist wenig Geduld mit verletzten Spielern, aber dieses Mal könnte er ein bisschen mehr Mitgefühl beweisen. Der Trainer ist ja zur Zeit selber Rekonvaleszent.