
RUND: Frau Roche, wie geht es Ihrem Zahnfleisch?
Charlotte Roche: Alles wieder gut. Ich kann den Zahn leider nicht mehr rausnehmen. Seit dem Auftritt bei Harald Schmidt musste ich monatelang ein Provisorium tragen, das allerdings nicht danach aussieht. Ich habe gemerkt, dass Zahnfleisch etwas sehr Heiliges ist. Da ist man sehr fragil.
RUND: Über Ihren Auftritt in der „Harald Schmidt Show“, als Sie Ihren Zahn aus dem Mund nahmen und zielgenau in Ihren Mund zurück warfen, wurde sehr viel geredet.
Charlotte Roche: Ich habe noch nie so viel Feedback bekommen. Das Bild von mir ohne Zahn scheint auf jeden Fall hängen geblieben zu sein. Ich fand es nur so lustig, weil Schmidt selber davon nichts wusste. Ich hatte zwar vorgeschlagen, dass ich über meine Zähne reden könnte, aber da hat ja niemand mit so etwas gerechnet. Daher weiß ich, dass seine Reaktion real war.
RUND: Sie trugen auf Ihrem Hemd „BILDblog.de“ die aufgestickte Adresse des Weblogs, das sich kritisch mit der „Bild“-Zeitung beschäftigt.
Charlotte Roche: Ich habe Kontakt zu den Machern des Blogs, aber die wussten nichts davon. Ich wollte den Leuten, die so etwas Cooles machen, eine Freude machen. Dadurch wurde noch mal so richtig was losgetreten. Die kriegen viele Klicks mehr. Und sie sind aus den Puschen gekommen und machen jetzt ihre eigenen T-Shirts.
RUND: Als Kritikerin von „Bild“ dürfte Sie der Konflikt des Blattes mit Jürgen Klinsmann interessiert haben.
Charlotte Roche: Ich fand die Bockigkeit von Klinsmann extrem gut. „Bild“ und auch Beckenbauer haben Klinsmann vor der WM als absoluten Vollidioten dargestellt. Die haben alle immer in die gleiche Kerbe gehauen. Es waren immer nur die Rechten: die Bayern, die alten Säcke und die „Bild“-Zeitung. Beckenbauer wurde dann ein bisschen ruhiger, als es so gut lief. Ich kann die dann nicht mehr ernst nehmen. Und die „Bild“-Zeitung habe ich noch nie ernst genommen. Es war schön zu sehen, dass jemand wie Klinsmann sich zur Wehr setzt. Die müssten eigentlich alle zu Kreuze kriechen und sich entschuldigen.
RUND: Interessieren Sie sich für Fußball?
Charlotte Roche: Ich sehe jedes Spiel von Schalke 04 – wenn’s geht, auch im Stadion.
RUND: Haben Sie einen Lieblingsspieler?
Charlotte Roche: Levan Kobiashvili. Es gibt da zwar jede Menge gute Spieler, aber mir gefallen die ruhigen, strammen Arbeiter besser als die Superstars.
RUND: Bewerten Sie Spieler auch nach dem Aussehen?
Charlotte Roche: Eine sexistische Frage. Natürlich nicht. Ich will auf keinen Fall so Sex-and-the-City-mäßig darüber diskutieren, wie die aussehen, dieses „ach, den find ich gut, der ist so süß oder hat so’n geilen Arsch“. Die Spieler rennen ja nun nicht da rum, um Frauen geil zu machen. Die wollen endlich mal Meister werden.
RUND: Beschäftigen sie sich mit der Taktik des Spiels?
Charlotte Roche: Ich lerne das gerade und höre die ganze Zeit nur zu, was die Oberchecker und Chefanalysten so erzählen. Wenn man bei den Fußballspielen aufpasst und nicht währenddessen etwas anderes macht, lernt man rasend schnell dazu.
Foto Daniel Josefsohn
RUND: Seit Jürgen Klopp während der WM mit seiner Tafel alle taktischen Varianten aufgezeigt hat, spricht ja jeder Stammtisch vom Verschieben.
Charlotte Roche: Ich konnte diese ZDF-Arena mit Kerner nicht ertragen, weil der Lärmpegel einfach zu hoch war. Ich fand Klopp bis dahin auch gut, aber dabei war er mir zu sehr Sunnyboy. Der war selber so in dieser Euphorie. Absolut distanzlos, uncool, im WM-Geilheitsfieber. Ich mochte das nicht mit angucken. Das war definitiv nichts für Leute, die was lernen wollten. Das war nur dafür da, um Stimmung rüberzubringen. Wir hatten während der ganzen WM immer offene Tür, also das ganze Haus voll. Immer Bier, immer Grillfleisch da und alle Freunde konnten kommen und gehen, wann sie wollten. Und diese komische ZDF-Arena flog sofort raus, weil keiner richtig zuhören konnte und niemand verstanden hat, worum es ging.
RUND: Und Kommentatoren wie Reinhold Beckmann?
Charlotte Roche: Beckmann ist absolut verboten in unserem Haus. Da sind sich auch alle Freunde einig. Wenn Beckmann ein Spiel kommentiert, wird das nicht geguckt. Als es noch auf Premiere lief, haben wir immer Bundesligaspiele ohne Kommentar geguckt, also nur mit der Stadionatmosphäre. Dann haben wir selbst mitkommentiert.
Kommentieren Sie auch?
Charlotte Roche: Ab und zu sage ich auch mal was. Es gibt ein Spiel bei uns, bei dem man Sachen fachmännisch beurteilt. Dabei trifft man voll ins Schwarze, wenn man über die Szene schon ein paar Sekunden bevor der Kommentator sie analysiert, dasselbe gesagt hat. Da muss man das Spiel fühlen und merken, oh, da schlafft die Stimmung ab, man merkt, dass das Stadion leiser wird, die Spieler lahm werden, da gibt es ja viele Sprüche. Wenn man das dann treffend formuliert, etwa „Jetzt lullen die sich gegenseitig ein“ oder so, und es schafft, dies vor dem Kommentator zu sagen, ist bei uns immer Riesenparty.
RUND: Können Sie mit der Kuttenkultur auf Schalke etwas anfangen?
Charlotte Roche: Schalke hat ganz treue Gagafans, alle ein bisschen irre im Gegensatz zu Bayern-München-Fans zum Beispiel. Das merkt man auch im Stadion. Viele alte Typen, die keine Zähne mehr im Maul haben und dann Kutten und Schals tragen. Sehr sympathisch finde ich. Das macht ja so einen Stadionbesuch aus.
RUND: Es gab während der WM einen Auftritt von Jan Delay auf einem Festival, das vorher als fußballfreie Zone deklariert wurde. Das war ihm zu blöd, sodass er dort mit Deutschlandtrikot aufgetreten ist. Daraufhin wurde er angepöbelt. Was halten Sie von fußballfreien Zonen?
Charlotte Roche: Ich höre das von Jan Delay jetzt zum ersten Mal. Ich habe in den vergangenen Jahren die Bundesliga verfolgt und während der WM hat es mich wirklich genervt, die ganzen Mädels mit den schwarz-rot-goldenen Blumen im Haar zu sehen. Die Freude fand ich immer extrem verdächtig, wenn in Zeitungen dann geschrieben wird, wie toll das ist, dass junge Mädchen rausgeputzt, schick über die Straße gehen und in Deutschlandflaggen eingewickelt sind.
RUND: Wegen der Flaggen oder wegen der Inszenierung?
Charlotte Roche: Ich fand die Inszenierung sehr übertrieben und weit weg vom Fußball. Da ging es um Lebensgefühl, alle wollten lustig sein. Für mich war das ganz plumper Karneval. Für uns war von vornherein klar, dass wir das Spiel um Platz drei in unserem Zuhause nicht zeigen. Das zählt nicht, das ist totaler Schwachsinn. Und dann trifft man im Supermarkt Leute, die das Spiel um Platz drei gucken wollen und fragen: „Was interessiert mich denn Frankreich gegen Italien?“ Das ist ja totaler Wahnsinn, das fand ich ganz schlimm.
RUND: Ist die Stimmung nach dem Halbfinal-Aus der Deutschen so rapide gesunken?
Charlotte Roche: Ja, die WM wurde immer als das Fußballfest dargestellt, das war aber nicht so. Die Leute haben nicht Fußball gefeiert, die haben sich selbst gefeiert. Das war ein ganz komisches Event. Das war Eventgier – die Leute wollen in Gruppen sitzen, schreien und johlen. Und dann feiern die den dritten Platz einfach so, als ob sie Weltmeister sind und nicht Italien! Seit wann gibt es denn Weltmeister der Herzen?
RUND: Sie sind gegen die Eventisierung?
Charlotte Roche: Absolut, und auch dagegen, dass man sich nur solange dafür interessiert, bis Deutschland nicht mehr dabei ist. Das ist doch total verdächtig – die interessieren sich doch nicht für Fußball, sondern nur für sich selbst und für ihr Land.
RUND: Damit stehen Sie wieder gegen den Mainstream wie bei Ihrer Sendung „Fast Forward“. Als die bei Viva abgesetzt werden sollte, traten Sie in den Streik.
Charlotte Roche: Da bin ich sehr kämpferisch. Das muss man auch ernst meinen. Bei diesen großen Machtkämpfen kann man nicht hingehen, große Klappe haben und dann aber denken: „Oh, jetzt zwingen die mich, dann bleibe ich trotzdem.“ Man muss dann auch wirklich gehen und wissen, womit man da droht. Man muss auch damit rechnen, dass man dann erstmal keinen Job hat.
RUND: Waren Sie in den Augen der Entscheider bei Viva eine schwierige Zicke?
Charlotte Roche: Hinter verschlossenen Türen haben die mich bestimmt als Zicke oder etwas Schlimmeres bezeichnet. Es ging bei Viva immer um irgendeinen großen Werbedeal. Die Marketingabteilung hat da sehr viel zu bestimmen gehabt. Die sagen dann: „Irgendeine Firma möchte was mit Charlotte machen, und dann wird das in Fast Forward platziert.“ Die sagen das zu, ohne mich zu fragen. Und ich am anderen Ende sage dann: „Nein, das mache ich nicht.“ Dann sagen die: „Doch, du musst das machen, der Deal steht.“ Darauf kann ich dann nur antworten: „Da müsst ihr mich vorher fragen.“ So etwas gab es oft. Ich habe dann gedacht: „Oh Gott, wenn ich das mache, verkaufe ich meine Seele.“
