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presseschau
„Tor in Leverkusen!“
Ein Spieltag aus dem Kuriositäten-Kabinett: Leverkusen verliert 3:6 gegen Gladbach, Wolfsburg führt schon 3:0 und unterliegt 3:4 gegen Mainz – die Pressestimmen gesammelt von indirekter-freistoss.de.



Diego
Zurück in der Bundesliga: Neu-Wolfsburger Diego verliert gegen Mainz
Foto Pixathlon




Michael Horeni (FAZ.net) analysiert die Lage „auf“ Schalke und in Wolfsburg. „Null Punkte nach 180 Minuten Bundesliga-Fußball für den Vorjahreszweiten sowie den Meister von 2009 sind zunächst nicht mehr als klassische Fehlstarts zweier Klubs, die von höchsten Ambitionen getrieben werden und sich auf dem Transfermarkt mit einem Einsatz tummeln, dass einem schwindelig werden kann.“ Besonders bei den Königsblauen sei die Lage angespannt: „Das ‚System Magath‘ steht nach den beiden herausragenden Erfolgserlebnissen erst beim Wolfsburger Werksklub und dann beim
westfälischen Herzensklub auf dem Prüfstand. Das ist ein ebenso erstaunlich frühes wie eindeutiges Misstrauensvotum – und gar kein gutes Zeichen für eine langfristig angelegte Beziehung.“


Schalker Kaufhaus des Westens

Tobias Rabe (FAZ.net) fasst einen spektakulären Spieltag zusammen: „Wolfsburg mit Diego führt 3:0, aber Mainz siegt. Freiburg dreht die Partie in Nürnberg. Schalke verliert zu Hause, St. Pauli spät, Stuttgart wieder. In Bremen fallen sechs Tore, und in Leverkusen neun.“ Der Abschluss der
Transferperiode sei brisant wie nie, einige Klubs müssten noch nachrüsten:

„Der interessanteste Marktplatz ist das ‚Kaufhaus des Westens‘. Felix Magath hat den Schalker Kader schon kräftig verändert, nun kamen Ciprian Deac von CFR Cluj und Hans Sarpei, der gegen Hannover gleich in der Startelf stand. Der Einstand misslang. Mit dem AC Mailand soll über einen
Wechsel von Klaas-Jan Huntelaar Einigkeit bestehen; 13 Millionen Euro stehen als Ablöse im Raum.“


Ulrich Hartman (SZ) verabschiedet die bisher traditionell sichere Abwehr des FC Schalke 04: „Dass Spieler wie Rafinha, Marcelo Bordon und Heiko Westermann nicht mehr für Schalke spielen, machte sich in der Stabilität der Mannschaft ebenso fatal bemerkbar wie in der neuen Harmlosigkeit bei
Standardsituationen. Obwohl die Saison jetzt schon zwei Spieltage alt ist, erweckt Magaths Schalke den Eindruck einer Mannschaft im frühen Stadium der Saisonvorbereitung.“


Bremer Heißdüse wird zur Attraktion

Ralf Wiegand (SZ) begrüßt Marko Arnautovic in der Bundesliga: „Gerade erst
sind sie ja alle zusammen mühsam aus dem Sommerlock geklettert, das mit
Geschichten über den schwierigen Herrn Arnautovic, seine Autos, seine
Partys und seine Frauen randvoll gefüllt war.“ Werder sei wohl der einzige
Verein in der Liga dem man bedenkenlos zutraue, mit vermeintlich
schwierigen Charakteren zu Recht zu kommen: „Hier hat sich schon manche
Heißdüse zur Attraktion der Liga aufgeschwungen, oder würde jemand
behaupten, Ailton oder Mario Basler seien einfach gewesen?“

Moritz Kielbassa (SZ) warnt den FC Bayern nach der Niederlage in
Kaiserslautern: „Arjen Robben, der zentrale Antriebsspieler der Vorsaison,
ist schwer verletzt. Mit noch mindestens zehn Wochen Pause kalkulieren die
Bayern für ihren Dribbler. Noch streben die Bayern in diesem brisanten Fall
eine gütliche finanzielle Einigung mit dem niederländischen Verband an, der
Robben zur WM mitnahm, was aus Münchner Sicht unverantwortlich war.“


Gomez verpasst Neuanfang

Michael Horeni (FAZ.net) sorgt sich um Bankdrücker Mario Gomez: „Bei der Premiere fehlten Robben und Olic wegen Verletzung – Gomez blieb auf der Bank. Gegen Kaiserslautern bekam Olic trotz seiner Spiel- und Vorbereitungspause sofort den Vorzug in der Startformation. Gomez hat
Vertrag bis 2013, aber die nächste Chance auf einen Neuanfang geht schon am Dienstag dahin. Der FC Liverpool wollte nach der Verletzung seines Stürmers Torres hören, ob Gomez und sein Klub sich ein einjähriges Ausleihgeschäft vorstellen könnten. Gomez aber, der zu den höchstbezahlten Profis der Liga zählt, winkt ab. Egal, wer anfragt.“


Matti Lieske (Berliner Zeitung) freut sich über eine Bundesliga in der nichts selbstverständlich ist: „Die Bundesliga ist weit entfernt von englischen Verhältnissen. In der Premier League erledigen die Topklubs ihre Aufgaben gegen den inferioren Rest mit aufreizender Selbstverständlichkeit.
In Deutschland ist nichts selbstverständlich, nicht mal ein Bayern-Sieg beim Aufsteiger. Keine andere der großen Ligen kennt so viele Außenseitersiege, Einbrüche, Formkrisen, Überraschungsteams wie die Bundesliga.“


Gladbacher Raketen überholen Leverkusen

Frank Nägele (FR) kümmert sich nach einer spektakulären 3:6-Pleite um den Patienten Bayer Leverkusen: „Die Wenigsten durften sich trotz des Europa-League-Spiels am Donnerstag auf Erschöpfung berufen. Heynckes hatte fünf Spieler in die Startelf beordert, die er in Simferopol geschont hatte. Darunter auch Ballack, der sofort versuchte, sich als Mittelpunkt zu etablieren. Leider verlor er jeden Zweikampf und jedes Laufduell. Gladbach konterte einfach weiter über Idrissou und Reus, die wie Raketen wirkten im Vergleich zum gesamten Leverkusener Defensivverbund inklusive des Mittelfelds um Ballack. Jene Mannschaft, die in der Hinrunde der Vorsaison nur ein Gegentor nach Kontern hinnehmen musste, wurde von Mönchengladbach auseinandergenommen.“

Oliver Trust (Tagesspiegel) blickt auf die Baustellen in Stuttgart: „Neben Hauptbahnhof und Stadion zeigt sich auch die Mannschaftsleistung des VfB weiterhin als ausbaufähig.  Ein Gutes hatte die zweite Niederlage im zweiten Saisonspiel der Fußball-Bundesliga. Der Stuttgarter Manager Fredi
Bobic wird nicht mehr viel Zeit darauf verwenden müssen, die Klubführung von weiteren Verstärkungen zu überzeugen. Heute wird der Klub mit Mauro Camoransesi von Juventus Turin einen neuen Spieler vorstellen. Der 33 Jahre alte italienische Nationalspieler soll rund zwei Millionen Euro kosten und die rechte Seite im Mittelfeld verstärken.“

Nationalelf: Vorerst ohne Ballack - Löw scheut sich, Tacheles zu reden
Joachim Löw verzichtet für die beiden Spiele in Belgien und gegen Aserbaidschan auf Michael Ballack, die Presse findet das sportlich klug, den Stil bemängeln aber einige Kommentatoren

Michael Rosentritt (Tagesspiegel) billigt die vorläufige Nichtnominierung Ballacks: „Seit Jens Lehmann, Torsten Frings oder Kevin Kuranyi weiß man, dass der Bundestrainer alles andere als konfliktscheu ist. Er hätte Ballack zum Rücktritt aus der Nationalelf überreden können, wie er es mit Lehmann nach der EM 2008 getan hat. Er hätte ihn auch gar nicht mehr berücksichtigen müssen, wie einst Frings. Im Umgang mit Ballack bleibt Löw fair. Schön, er lässt ihn in der Kapitänsfrage öffentlich hängen (Lahm übrigens auch); aber die Zeit, die Löw sich jetzt nimmt, muss nicht gegen
Ballack sprechen. Ballack wird stark sein, wenn er zurückkommt. Stark genug, um Kapitän bleiben zu können. Aber auch stark genug, eine andere Entscheidung verkraften zu können.“

Andreas Hunzinger (FR) hingegen fordert von Löw eine Entscheidung, wer Kapitän sein wird: „Man wird den Verdacht nicht los, dass der Bundestrainer die Lösung der Frage, wer die Binde tragen soll, vor sich herschiebt. Man kann darüber streiten, ob Ballack mit seinem Machtanspruch und seinem
hierarchisch geprägten Denken noch in diese Mannschaft passt, die in Südafrika nicht nur auf dem Feld gut harmoniert hat. Man darf anzweifeln, dass das Team seinen in die Jahre kommenden Anführer sportlich noch zwingend nötig hat. Zumal der Leitwolf a. D. bei der nächsten großen
Meisterschaft fast sechsunddreißig sein wird. Löw könnte deshalb mit Recht argumentieren, der Neuaufbau des DFB-Teams müsse weiter vorangetrieben werden. Doch es macht ganz den Eindruck, als mangelte es dem Bundestrainer an Traute, als scheute er sich, Tacheles zu reden.“


Matti Lieske (Berliner Zeitung) zweifelt am Wert Ballacks für die DFB-Elf: „Dabei ist die eigentlich brisante Angelegenheit gar nicht die vieldiskutierte Kapitänsfrage, sondern eher die, wo Michael Ballack künftig spielen soll im DFB-Team. Im defensiven Mittelfeld haben sich Bastian
Schweinsteiger und Sami Khedira etabliert, in der Offensive wimmelt es von Jungspunden wie Mesut Özil, Toni Kroos oder Thomas Müller. Dringend gesucht: ein Platz für Ballack.“

Der sportlichen Frage widmet sich auch Klaus Hoeltzenbein (SZ): „Das ist eine verständliche Reaktion auf die WM, bei der sich Löws Mannschaft von ihrem Kapitän emanzipiert hat. Ballacks Rückkehr wäre jetzt nicht nur eine simple Personalie, sie ist zur Systemfrage geworden. Denn mit Ballack muss ein anderer, ein langsamerer, im besten Falle clever-kalkulierter Fußball
gespielt werden. Richtig ist es deshalb, erst einmal auf Zeit zu spielen und die Welle der WM zu reiten. Und dann liegt es an Ballack selbst, die sportlichen Fakten dafür zu schaffen, dass eine Nominierung unumgänglich wird. Einiges deutet darauf hin, dass ihm das gelingen kann. Im Moment aber ist Ballack nach langer Verletzung noch nicht fit, und die Nationalelf darf kein Therapiezentrum sein. Sie ist dem Leistungsprinzip unterworfen und kein Austragsstüberl.“

Vertrauensvolles Verhältnis?
Peter Ahrens & Jan Reschke (Spiegel Online) fügen hinzu: „Ballack ist und bleibt ein erfahrener Spieler, der in vielen Drucksituationen bewiesen hat, einer Mannschaft helfen zu können. Seine Klasse ist bei optimaler Fitness zweifellos unbestritten, seit nunmehr über einem Jahrzehnt spielt er auf höchstem europäischen Niveau. Auf so einen Spieler muss Löw nicht freiwillig verzichten – aber nur dann, wenn Ballack sich mit dem Gedanken anfreunden kann, künftig auch mal auf der Bank Platz nehmen zu müssen oder früh ausgewechselt zu werden. Der Capitano wäre dann nur noch
Ergänzungsspieler. Doch ist er dafür der Typ? Kaum zu glauben.“

Mit den atmosphärischen Details in der Beziehung zwischen Löw und Ballack beschäftigt sich Michael Horeni (FAZ): „Es war Löws erster Anruf nach der WM, zum Bundesliga-Start hatte Ballack eine aufmunternde SMS erhalten. Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen dem Bundestrainer und seinem langjährigen Anführer kann man sich natürlich auch anders vorstellen – zumal von einem Bekenntnis des Bundestrainers zu Ballack jede Spur fehlt. (…) Nach Ballacks Geschmack geht es bei der Nationalelf längst nicht mehr, spätestens seit Lahm darauf pocht, die für die WM geliehene Kapitänsbinde zu behalten. Im Umfeld von Ballack wird die Nichtnominierung, fachlich unangreifbar und nachvollziehbar, schon als Gefahr wahrgenommen.“






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