AUSLANDSREPORTAGE
„OM wird uns alle überleben"
Die Verehrung von Olympique Marseille ist die Voraussetzung, um in der Stadt geduldet zu werden. Doch wenn die Mafia die Aufstellung diktiert oder das Team schlecht spielt, hat mancher Spieler das Trainingsgelände schon im Kofferraum verlassen. Eine Reportage von Joachim Barbier und Christoph Ruf sowie Gerald von Foris (Fotos)

Bequeme Position: Thomas Deruda ist bei Marseille gesetzt, wil der Papa das so will
Das freut nicht nur Papa Deruda, sondern auch seinen Jugendfreund, den heutigen Sportdirektor José Anigo. „Mit Anigo erhält das Milieu Zutritt zur Entscheidungsebene des Klubs“, meint ein ehemaliger Vereinspräsident über Anigo. Undenkbar, dass Uli Hoeneß den Trainer von Bremen oder Schalke öffentlich als „Schwuchtel“ bezeichnet. Anigo kennt da keine falsche Scheu. Vor dem Ligacup-Finale in Paris zeigte er sich siegesgewiss und drohte in Richtung von Guy Lacombe, dem Trainer von Paris-Saint-Germain: „Ich werde ihm das Sperma aus dem Mund holen.“ Seit dem Samen-Eklat wimmelt Pressesprecher Grégory Cipriani alle Interviewanfragen für Anigo ab – mit einer Begründung, die Eingeweihte für fein ziselierten Sarkasmus halten: „José spricht nicht.“ Zumindest hätte das der Verein manchmal gerne. Pape Diouf, der als seriös und professionell geltende Präsident, mag dann auch nicht dementieren, dass Anigo mit seinen zahlreichen Loyalitätszwängen dem Erfolg im Wege steht. Der Zeitpunkt sich zu trennen sei allerdings nicht gekommen, „noch nicht“. In dem Maße wie Dioufs Aktien steigen, sinkt der Stern Anigos. Jetzt gilt es nur noch, den allmächtigen Gönner Jean-Louis Dreyfus zu überzeugen. Doch der Industrielle, der in den letzten zehn Jahren 200 Millionen Euro in OM investiert und damit in den Wind geschossen hat, hat sich noch nie mit der Alltagsarbeit aufgehalten.
Rückendeckung von Che: Rachid Zeroual und seine Freunde haben die "Faschos" vertrieben: "Nicht nur aus dem Stadion, aus der ganzen Stadt"
„Wer dem Licht gegenüber unempfindlich ist, wird Marseille nie verstehen“, hat Jean-Claude Izzo in seiner grandiosen „Marseiller Trilogie“ geschrieben. Sicher hat auch der vor fünf Jahren gestorbene Romancier öfter den Umweg über die Corniche Kennedy genommen, wenn er vom Stade Vélodrome in die Innenstadt zurückkehrte. Von der Uferstraße aus schweift der Blick über das tiefblaue Meer, das im November in einem fast unwirklich hellen Licht glitzert. An Mandel- und Olivenbäumen vorbei nähert man sich allmählich dem Alten Hafen, dem Wahrzeichen der Stadt.
Als Ludwig XIV., der Sonnenkönig, beschloss, die Hafenmauern zu befestigen, richtete er die Kanonen nicht aufs Meer, sondern auf die Stadt, die schon damals als Widerstandsnest galt. Seither hat sich an der Haltung der Marseiller gegenüber der Hauptstadt nichts geändert, wie Izzo plastisch zu Papier bringt: „Ich schere mich einen Dreck darum, was für ein Bild man sich in Paris oder sonst wo von uns macht. Für Europa sind wir immer noch die erste Stadt der Dritten Welt.“ In Marseille fühlt man sich als „Méditerranéen“, als Mittelmeermensch, dem Tunis und Algier näher sind als Paris.
2600 Jahre Geschichte: Der Alte Hafen ist das Wahrzeichen der Stadt
Das Leben hier spielt sich draußen ab, man nimmt sich Zeit. 27 Prozent der Marseiller leben unterhalb der Armutsgrenze, im Pariser Vorort-Département Seine-Saint-Denis, in dem regelmäßig Unruhen aufflammen, sind es 18. Und dennoch: Marseille ist kein zu groß geratenes Kreuzberger Straßenfest. Gerade im Marseiller Norden ist der Hass auf die Oberschicht spürbar, aber er ist weniger virulent als in anderen französischen Großstädten. Vielleicht, weil es hier weder Einheimische noch Fremde gibt. Nur Zugewanderte der ersten bis dritten Generation. Während Berliner Türken zu den drei Istanbuler Klubs halten und Hertha weitgehend ignorieren und bei Paris Saint-Germain der rechte Pöbel die Kurve regiert, gehen zu OM Menschen aller Hautfarben. Und das nicht erst seit 2004, als mit Pape Diouf ein gebürtiger Senegalese Präsident des Klubs wurde.
Der Text ist in RUND #18_01_2007 erschienen.
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