SPANIEN
Am Abgrund einen Schritt nach vorne
Den drohenden Imageverlust durch einen Generalstreik der Profis konnten die spanischen Profiligen gerade noch einmal abwenden. Die Klubs sind in den Sog der Immobilienkrise geraten, die Spanien erfasst hat. Von Elmar Neveling.


Timo Hildebrand
Schreien in Valencia: Timo Hildebrand spielt beim
Pokalsieger derzeit nicht, sein Klub ist hoch verschuldet. Foto: Hoch Zwei


Als Ende August die Saison begann, war die Primera División nur knapp an der großen Blamage vorbeigeschrammt: Der von der Spielergewerkschaft AFE geplante Generalstreik der Profis wurde in letzter Minute abgesagt. Die Einigung von AFE und Ligaverband gehörte für Millionen Fußballfans zur schönsten Nachricht ihrer Urlaubszeit – doch der spanische Fußball wird weiterhin von der Krise des Immobilienmarktes kräftig durchgeschüttelt.

Bei den Topklubs spielen auch in dieser Saison die absoluten Weltstars für Millionengagen. Doch in der Provinz sieht es anders aus: Viele Spieler warten monatelang auf ihr Gehalt, immer mehr Profis spielen für den vergleichsweise niedrigen tariflichen Mindestlohn von 66.000 Euro netto im Jahr. Laut AFE schuldeten die Profiklubs ihren Angestellten im Juli 2008 allein für die Saison 2007/08 insgesamt 38,5 Mio. Euro. Immerhin solidarisierten sich die Gehaltsmillionäre mit den Kollegen: Nach ihrer Drohung, den Spielbetrieb lahm zu legen, zahlten alle säumigen Schuldner bis auf Erstligaabsteiger Levante und die Zweitligisten Celta de Vigo und San Sebastián. Diese drei Klubs – zwei von ihnen Vereine mit ruhmreicher Tradition – hatten zur Senkung ihrer Personalkosten lieber den Gang zum Konkursrichter gewählt: Nach dem spanischen Insolvenzrecht dürfen die Gehälter erheblich gekürzt werden.

Damit sich das Beinahe-Desaster dieses Sommers nicht wiederholt, hat die Spielergewerkschaft die Einrichtung eines Garantiefonds durchgesetzt, der die Zahlungen übernimmt, wenn Klubs in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Außerdem sollen unseriöse Klubs ähnlich wie in Deutschland mit Punktabzug bis hin zum Zwangsabstieg bestraft werden können. Höchste Zeit, denn in der Primera División galt das Wirtschaften auf Pump bislang als ein Kavaliersdelikt, das einen Verbleib im Profifußball nicht gefährdete.

Wie ernst die Lage ist, zeigt ein Blick auf andere Klubs: Pokalsieger FC Valencia, den Klub von Timo Hildebrand, drückt eine Schuldenlast von mehr als 650 Mio. Euro. Deportivo La Coruña musste sich im Sommer nach einem neuen Trikotsponsor umsehen, nachdem die Zahlungsschwierigkeiten des bisherigen Partners Martinsa Fadesa absehbar wurden. Im Juli musste der spanische Immobilienkonzern mit Schulden von angeblich mehr als 5 Milliarden Euro Konkurs anmelden – eine der größten Firmenpleiten Spaniens überhaupt.

Auch bei Racing Santander herrschte große Aufregung, als die Baufirma Seop Konkurs anmeldete, denn das Unternehmen war nicht nur Sponsor, sondern auch Hauptaktionär des Klubs. Und die Liste lässt sich fortführen: Vor Beginn dieser Saison musste Immobilienunternehmer Vicen√ß Grande seine Mehrheitsanteile an Real Mallorca verkaufen. Grandes Konsortium Grupo Drac war mit kolportierten 600 bis 700 Mio. Euro Miesen ebenfalls in massive Zahlungsschwierigkeiten geraten und musste Insolvenz anmelden.

Für Insider kommt es nicht überraschend, wie hart die internationale Immobilienkrise Spanien und seinen Fußball getroffen hat, wo fast die Hälfte der Klubchefs aus der Baubranche kommt. Jahrelang herrschte unter den Baulöwen Goldgräberstimmung, einen Fußballklub hielt man sich als prestigeträchtiges Anlageobjekt. „Warum ich mir einen Flugzeugträger gekauft habe?“, wurde Jesús Gil y Gil einst gefragt und gab seine inzwischen legendäre Antwort zum Besten: „Weil ich noch keinen hatte.“ Der 2004 verstorbene Immobilien-Tycoon stand 16 Jahre an der Spitze von Atlético Madrid.

Die Bau- und Immobilienbranche boomte seit dem Ende der Franco-Diktatur Mitte der 1970er Jahre. Zum Vergleich: Allein in den vergangenen zehn Jahren wurden in Spanien etwa so viele neue Wohnungen gebaut, wie auf dem britischen, deutschen und französischen Markt zusammen. Auch Spaniens Rekordmeister Real Madrid profitierte einst von der Entwicklung, als es sich zu Beginn des neuen Jahrtausends über den millionenschweren Verkauf seines Trainingsgeländes entschuldete.

Jetzt, wo die jahrelang gestiegenen Immobilien- und Grundstückspreise erstmals zum Sinkflug ansetzen, greifen die findigen Vereinsverantwortlichen zu anderen Mitteln. Sie nutzen die schuldnerfreundlichen Vorschriften des spanischen Insolvenzrechts. Nach dem „ley concursal“ werden insolventen Unternehmen bis zu 50 Prozent ihrer Schulden sofort erlassen. Für die Tilgung der Restverbindlichkeiten bleiben fünf Jahre Zeit. Das Geschäftsmodell sah dann bislang so aus: Die Klubs hielten ungerührt an ihrer verschwenderischen Ausgabenpolitik bis zur Zahlungsunfähigkeit fest. Anschließend meldeten sie Konkurs an, um sich dann die Hälfte der Schulden streichen zu lassen. Inzwischen haben bereits acht spanische Klubs den Weg der „ley concursal“ gewählt. Auch aus sportlicher Sicht durchaus ein Erfolgsmodell: Dem FC Málaga glückte in der vergangenen Saison ebenso wie Sporting Gijon das Kunststück, trotz laufenden Konkursverfahrens in die Primera División aufzusteigen. Eine Ohrfeige und ein gravierender Wettbewerbsnachteil für alle seriös wirtschaftenden Klubs. Levante, San Sebastián und Vigo haben also momentan keine allzu großen Konsequenzen zu befürchten. Ihre Schuldenberge sind vergleichsweise gering, die halbierten Miese könnten zu stemmen sein. Zur neuen Saison 2008/09 nehmen alle drei Vereine am regulären Spielbetrieb der Segunda División teil.

Immerhin: Gegen den Missbrauch des Insolvenzrechtes will nun die spanische Regierung vorgehen. Das versprach jedenfalls der zuständige Staatssekretär für Sport Jaime Lissavetzk, der bei den Gesprächen zwischen Spielergewerkschaft und Liga mit am Verhandlungstisch saß. Dazu passt auch der neue Name, den die krisengeschüttelte Segunda División ihrem Sponsor, einer Bank, verdankt: Liga Adelante – die „Vorwärts-Liga“.

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