DOLMETSCHER „Lass mich mit Waschmaschinen zufrieden“ Für die Brasilianer Alex Silva und Thiago Neves hat der Hamburger SV über 14 Millionen Euro investiert. Ob sie Trainer Martin Jol verstehen, hängt von einem Studenten ab: Dennis Pauschinger ist der Dolmetscher der Stars. Von Roger Repplinger
Hamburg in Handschuhen: Alex Silva trotzt dem Winter in Norddeutschland auch dank seines Dolmetscher Dennis Pauschinger, der weiß, wo man sonntags Bohnen kaufen kann
Foto Henning Angerer/Hoch Zwei
Die Zipfelmützen in den Farben des Hamburger SV sehen auf den Köpfen der Spieler komisch aus. Auf Schirme und Kapuzen der Kiebitze, die das Training beobachten, trommelt der Regen. Der Himmel ist nicht da, wo er hin gehört, sondern auf den Bäumen des Volksparks.
Wenn HSV-Trainer Martin Jol „instruiert“, wie er das nennt, legt er den Arm um die Schultern des Spielers. Legt er den Arm um Alex Sandro da Silva, genannt Alex Silva, 23 Jahre alt, brasilianischer Nationalspieler, eilt ein junger Mann hinzu, Dolmetscher Dennis Pauschinger, ein 25-jähriger Hamburger. Er übersetzt, was der Trainer sagt, und versucht, dessen Ton zu treffen.
Pauschinger, der im neunten Semester in Hamburg Soziologie im Hauptfach sowie Portugiesisch, Politik und Lateinamerikanistik studiert, machte von 2002 bis 2003 Zivildienst in Sao Paolo, und studierte dort von 2004 bis 2006 Sozialwissenschaften.
Vor ein paar Wochen meldete sich der HSV bei ihm. Der Verein hatte beim Brasilianischen Honorarkonsulat nach einem Dolmetscher für Silva und Neves gefragt. Das Honorarkonsulat schlug Pauschinger vor.
Da klingelt sein Telefon. Kellen, Alex Silvas Frau, braucht ein Taxi. Pauschinger ruft ein Taxiunternehmen an, den Rest macht Kellen. Sie hat, wie ihr Mann, Sprachunterricht.
„Sprache ist sehr wichtig“, sagt HSV-Trainer Jol, „man kann ohne Sprache kommunizieren, aber mit ist es einfacher.“ Da seit der Saison 2006/2007 die Vereine der Bundesliga so viele ausländische Spieler einsetzen dürfen wie sie wollen, ob aus Europa oder nicht,
müssen sich die Clubs um das Thema Sprache kümmern. Auch die Sprache der Frauen ihrer Spieler, und deren Kinder. „Fühlt sich die Frau wohl, weil sie die Sprache kann, geht’s auch dem Spieler besser“, sagt Pauschinger. Das Wohlergehen des Spielers wirkt sich auf seine Leistung auf, und damit auf den sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg des Vereins.
Der HSV musste sich angesichts von etwa zehn Muttersprachen der Spieler auf eine Sprache einigen. „Deutsch, deutsch“, nickt Jol, der auch schon in der Premier League coachte, „genau so klar, wie die Sprache in der Kabine eines englischen Clubs Englisch sein muss.“
Jol, der beim HSV einige niederländische Trainer um sich, gibt zu, dass er, „immer wenn wir unter uns holländisch sprechen, ein komisches Gefühl“ hat, er weiß, „es ist nicht richtig. Weil, man denkt doch, wenn andere in deiner Anwesenheit in einer fremden Sprache sprechen, sie reden über dich“. Mit der Sprache, ist Jol überzeugt, lernt man mehr von einem Land als die Sprache.
Jol beobachtet die Fortschritte seiner Spieler im Fach Deutsch, „weil man daran erkennt, ob sie wissen, was so ein Wechsel für sie bedeutet“. Alex Silva und Thiago Neves haben zwei Mal pro Woche 90 Minuten Unterricht bei Katrin Belletti Marta und Katrin Brückner. Dabei geht es nicht um die Fußballsprache: Hintermann, links, rechts, raus, Leo. Das können sie. „Leo“ ruft derjenige, der den Ball nimmt – die erste Vokabel, die jeder neue Spieler lernt.
Die Lehrerinnen arbeiten mit dem „Deutschbuch für ausländische Ballkünstler“, das Uwe Wiemann als Doktorand am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Universität Dortmund mit Kollegen und Praktikern aus Leverkusen und Umgebung entwickelt hat. Er hatte in der Saison 2000/2001 von seinem Platz auf der Dortmunder Südtribüne aus gesehen, wie Dortmunds Trainer Matthias Sammer mit Einwechselspieler Evanilson per Dolmetscher sprach. Wiemann staunte: „Da stimmt was nicht. Die Vereine geben Millionen Euro für neue Spieler aus, und sind, was das deutsch lernen anbelangt, so unprofessionell, dass ein Spieler wie Evanilson nach eineinhalb Jahren immer noch nicht genügend gelernt hat, um die Anweisungen seines Trainers zu verstehen.“
Wiemann wandte sich an Frank Ditgens, der bei Bayer Leverkusen die Betreuung der ausländischen Fußballer koordiniert und mit den Lehrbüchern unzufrieden war. Als Lucio, damals noch bei Leverkusen, im Lehrbuch das Bild einer Waschmaschine sah, sagte er: „Lass mich damit zufrieden“, und schwänzte den Unterricht. „Sie müssen einen Spieler, der in der Sele√ß√£o und der Champions League spielt, ein Lehrbuch geben, das ihn motiviert“, sagt Ditgens.
In Wiemanns Deutschbuch kommen die Beispiele aus dem Fußballerleben. Die Zahlen von Eins bis Zwanzig werden an den Rückennummern berühmter Spieler erklärt, subtrahieren und addieren über die Drei-Punkte-Regel. Die Grammatik ist eingedampft. Die Spieler lernen, mit dem Trainer zu sprechen, dem Arzt, dem Physiotherapeuten, den Schiedsrichtern, ihren Mitspielern.
Als die Linguisten der Universität Dortmund das Buch sahen, waren sie nicht begeistert, dass hier nur die Du-Form der Verben gelehrt wird, und sowohl Artikel als auch Fälle wegfallen. Wiemann sieht das pragmatisch.
Südamerikaner lernen Deutsch schwerer als Osteuropäer. Grammatik und Aussprache sind anders. Portugiesisch ist fließend, melodiös, Deutsch abgehackt, kurz. Auch der kulturelle Unterschied ist groß. Thiago Neves brauchte an einem Sonntag Fleisch zum Grillen und staunte über geschlossene Geschäfte. Gut, dass Pauschinger in Hamburger Läden kennt, in denen es Bohnen gibt für Feijoada, das brasilianische Nationalgericht. Auch wenn Neves inzwischen auf Deutsch schimpfen kann, ohne Sonne und Feijoada, das wäre das Ende.