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WM
Spannend wie Elfmeterschießen
2010 ist WM-Jahr. Nicht nur im Fußball, sondern auch im Tischfußball. Im französischen Nantes haben sich jetzt schon die besten Spieler von Indien bis Amerika getroffen. Es gewinnt nur, wer nervenstark ist und jahrelang geübt hat. Von Holger Heitmann, Nantes

Tischfußball-WM

Ruhe bewahren: Zwei Teilnehmer der Tischfußball-WM in Nantes Foto Holger Heitmann



Auf der einen Seite des Kickertisches stehen die beiden Deutschen Marc Balic und Chris Marks, auf der anderen Seite die Amerikaner David Gummeson und Tracy McMillin, ihre Gegner. Doch das Sportgerät trennt die vier nicht, sondern bringt sie zusammen. „Das ist hier eine Familie“, hat der deutsche Nationalspieler Marc Balic am Tag vor dem Match gegen die USA gesagt. Auf dem Spielfeld einer gewaltigen Sporthalle ist in sechs langen Reihen Tisch an Tisch aufgebaut, wo sonst die Erstliga-Handballer des HBC Nantes vor 3.000 Zuschauern spielen. Im französischen Nantes treffen sich an vier Tagen mehr als hundert Spieler aus exakt 30 Nationen zur Tischfußball-WM.

Das indische Nationalteam etwa ist erst am Abend vor den ersten Begegnungen per Flugzeug in Frankfurt am Main gelandet. Von dort aus dürfen sie im deutschen Mannschaftsbus mitfahren und kommen in für sie ungewohntem Schneetreiben in der Bretagne an. Im Morgengrauen summen sie zu aus den Buslautsprechern plärrenden Liedern von Nusrat Fateh Ali Khan, die deutschen Spieler und Funktionäre klatschen mit.

Doch die Tischfußball-Gemeinde ist auch eine Leistungsgesellschaft. Gegen Deutsche und Briten haben die Inder in der Vorrunde keine Chance und sind schnell ausgeschieden. Amanveer Singh kommt aus der reichen Region Punjab, spricht gebrochenes Englisch und begrüßt seine Gegner gern mit einer Umarmung. „Ich spiele seit vier Jahren Tischfußball, aber mir fehlt die Zeit zum Üben“, erklärt er nach der Niederlage.

Marc Balic trainiert täglich zu Hause am mehr als 1.000 Euro teuren Profigerät und in seinem Verein. Der Stuttgarter ist stolz auf die Nominierung zum Nationalspieler. „Ich wurde aus 900 guten deutschen Spielern ausgewählt und darf für mein Land spielen.“ Da ist es egal, ob es um Fußball oder Tischfußball geht. Wie Michael Ballack bei der Fußball-EM trägt der 24-Jährige ein glänzendes, rotes Trikot mit Deutschland-Aufdruck.

Mit einer schnellen, kaum wahrnehmbaren Handbewegung spielt er den Ball schräg vorbei an den Figuren des Amerikaners McMillin genau auf die eigene Angriffsreihe. Dort verharrt die Kugel. Zu einem solchen Pass gehören Erfahrung und Nervenstärke. Balic wischt sich einen langen Haarschopf und etwas Schweiß aus dem bärtigen Gesicht. Dann lässt er den Ball ins Tor krachen, der Schuss ist für das menschliche Auge kaum zu erfassen. Wie beim Elfmeterschießen muss Torwart Gummeson taktisch vorausahnen, welche Ecke sich der Schütze aussucht.

Das macht Tischfußball zu einem fortwährenden Psychospiel, bei dem auch mal verbal angegriffen wird. Balic schreit die Anspannung hinaus und atmet tief ein. Diesen Satz hat er für sein Sieben-Mann-Team gewonnen. Doch die USA gewinnen drei von vier Spielen und damit das Achtelfinale gegen Deutschland. Am letzten Tag geht es für sie um die Weltmeisterschaft.

Gegner ist Gastgeber Frankreich. Die grünen Schalensitze der Haupttribüne sind darum plötzlich unter den Zuschauern nicht mehr zu sehen, die Haupttribüne ist voll wie sonst beim Handball. Das Spielgeschehen verfolgen die Fans live auf einer über den Tischfußballern hängenden, fünf Meter hohen Kinoleinwand.

Eine Produktionsfirma liefert Bilder aus sechs Kameraperspektiven. Die Blicke der Zuschauer wandern zwischen den realen Spielern und der Leinwand hin und her. „Das ist schon beeindruckend, wie schnell und präzise die agieren“, sagt Bruno Lecam. Der 55-jährige Franzose hat nur in seiner Jugend in Bars gespielt. Er stimmt ein in die „Allez la France“-Anfeuerungsrufe, die bis unters Hallendach schallen und sich abwechseln mit der Stille, während der Ball auf dem Tisch unterwegs ist.

Am Ende reißen aber die US-Spieler die Arme hoch und schmeißen ihre Landesflagge in die Luft. „Ich habe die ganze Fahrt hierher selbst bezahlt, aber ich wollte diesen Titel gewinnen“, erklärt Ryan Moore aus Kentucky. Der 1,90-Meter-Athlet mit Kurzhaarschnitt und Goldkettchen war der beste Spieler der WM, mit nach Hause nimmt er nur diese Ehre. Preisgeld gibt es bei anderen Turnieren, nicht bei der WM.

Sein weißes Polo-Shirt mit Moores auf die Brust gesticktem Namen bleibt ebenfalls in Europa. Ein im Halbfinale von ihm besiegter Österreicher bittet ihn nach der Siegerehrung um das Trikot. Moore unterschreibt es ihm und überreicht es mit Handschlag. Vielleicht es diese Geste, in der sich der familiäre Gedanke und der Wettkampfgedanke des Tischfußballs am Ende vereinen.

Holger Heitmann ist Redakteur des Tischfußballmagazins ZWEIFÜNFDREI, das Anfang März erstmals erscheint und auf Zweifuenfdrei.de bereits im Abo zu haben ist.



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