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BUCH
Aus der Zeit gefallen
"Im Wildpark": Es wird schon lange über einen Nachfolger diskutiert, daher gerät der neue, anspruchsvolle Bildband über den Wildpark in Karlsruhe zur Hommage an ein Stadion, das nicht mehr recht in die Zeit passen will. Und das gerade deshalb einen magischen Reiz auf Fußball-Nostalgiker ausübt. Von Christoph Ruf

Im Wildpark, Cover des Bildbands
160 Seiten über das Stadion des Karlsruher SC: Der Bildband "Im Wildpark"



Spötter sagen, das Schönste am Karlsruher Wildparkstadion sei sein Name. Doch das ist Unsinn. Das Schönste an ihm ist der Weg von der Innenstadt dorthin. Denn der führt statt wie anderorten durch seelenlose Vorstadtstraßen mitten durch die südlichen Ausläufer eines 4700 Hektar großen Waldes. Schloss und künstlicher See inbegriffen. Auch der Weg zum Ort des Geschehens wird von Matthias Dreisigacker und seinen Mitstreitern Christian Pfefferle und Jens Fischer fotografisch gewürdigt, ansonsten dominieren Bilder vom Stadion selbst – und von dem Geschehen, das aus Beton, Metall, Erde und Rasen etwas macht, das Generationen überlebt.

Dass Dreisigacker ein skrupulöser Schreiber ist, wussten die Leser des "Heldenmagazins" schon immer. Bei dem A-4-Heft, das sich historischen Themen rund um den KSC verschrieben hat, ist er zusammen mit Christian Pfefferle für alles zuständig: Die beiden schreiben so gut wie jede Zeile, machen die Fotos, organisieren Vertrieb und Verkauf. 3000 Menschen freuen sich im Schnitt über jedes Heft, Die beiden tröstet das über die abertausende hinweg, die für die drei Euro lieber noch ein Bier kaufen und ihnen entgegenlallen, ihr Heft sei zu teuer.

Und wie die Liebe zu seinem Verein in jedem Text durchschimmert, meint man auch an den Bildern zu merken, dass die Männer auf der anderen Seite der Linse jedes Detail mit liebevollem Blick aufgesogen haben: Nicht nur die jubelnde Fankurve. Auch den Rost am Stadiongeländer, die trauernde Rentnerin, das Unkraut am Tribünenaufgang. Freunde des Fernsehfußballs dürften nach dem Durchblättern des Buches eine Ahnung davon bekommen, was sie vor der Mattscheibe verpassen. Freunde ästhetischer Bilder werden ebenfalls aufmerken: An vielen Stellen gelingen künstlerische Stills. die man sich auch gerne als gerahmte Poster ins Zimmer hängen würde. Dreisigacker; Jens Fischer und Christian Pfefferle fotografieren analog, "die Bilder sind so ausdrucksstärker", sagt Dreisigacker, der schon anno 1990 Fotos vom Abriss der alten Haupttribüne gemacht hat.

Am Ende des 160 Seiten starken Buches umfällt den KSC-Sympathisanten über kurz oder lang Wehmut. Denn die Tage des Wildparks sind gezählt, von den Toilettenanlagen bis zur Laufbahn entspricht nichts dem Standard, den das Arena-Publikum dieser Tage gewohnt ist. "Das Stadion ist aus der Zeit gefallen", sagt auch Dreisigacker, "für viele in Karlsruhe ist es aber trotzdem ein sehr stimmungsvoller Ort." Manch einer wird vielleicht erst in ein paar Jahren dem Weihnachtsgeschenk aus dem Jahre 2009 die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die es verdient. Die nächste Arena wird dann schon lange entstanden sein. Vielleicht sogar dort, wo heute der Wildpark steht. Sie wird so makellos sein wie ein Model. Und so langweilig.

Christian Pfefferle / Jens Fischer / Matthias Dreisigacker: Im Wildpark
Bildband, 160 Seiten, 155 Abbildungen, Texte
Verlag Block Eins
21 Euro



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