REGIONALLIGA „Keiner mag uns –scheißegal“ Thierry Henry in New York, die Nachwuchsschmiede in Salzburg, die Champions League in Leipzig – der Getränkekonzern „Red Bull“ will im Fußball zum Global Player werden. Das Stadion des künftigen europäischen Aushängeschildes wurde am Samstag mit einem Spiel gegen Schalke eingeweiht. Von Christoph Ruf, Leipzig

Zweikampf im Testspiel: Carsten Kammlott (Leipzig, l.) gegen den Neu-Schalker Christoph Metzelder
Foto Pixathlon
Das mit der „La Ol√†“ war vielleicht nicht die beste Idee des Tages. Als der Stadionanimateur versuchte, die in seiner Zunft so beliebte Welle in Gang zu setzen, war die 44.000 Zuschauer fassende „Red Bull Arena“ allenfalls zu einem Fünftel gefüllt – was die Angelegenheit nicht eben beeindruckend aussehen ließ. Die missglückte Inszenierung sollte allerdings die einzige Peinlichkeit des Tages bleiben. So über-promotet wie beim Namensvetter in Salzburg, bei dem während des Spiels per Videoleinwand „Prima Bullerinen“ aus dem Publikum gesucht werden, soll es in der neuen Heimat der Leipziger Dependance offenbar nicht zugehen.
Der österreichische Energy-Drink-Hersteller hat sich die Namensrechte am dortigen WM-Stadion bis 2040 gesichert. Immerhin etwas. „Red Bull Leipzig“ darf sich der Club in Deutschland nämlich laut DFB-Statuten nicht nennen. „RB“ steht deshalb offiziell für „Rasen Ballsport“ (s. Kasten). Durch eine attraktive Spielweise des RB-Fußvolks will man künftig in einer Stadt für sich werben, die zwar nach erfolgreichem Fußball lechzt, bislang aber in aller Ruhe abwartet, bis einmal attraktivere Gegner vorbeikommen als Türkiyemspor Berlin, das Anfang August zum ersten Pflichtspiel erwartet wird. Am Samstag gegen Schalke kamen immerhin 21.566 Zuschauer. Sie sahen ein Spiel, bei dem RB zwar 1:2 verlor, aber selbst skeptischere Zuschauer durch intelligent dosierten Kombinationsfußball von sich einnahm.
Dass der Vizemeister als Wunschgegner zur Stadionpremiere gebeten worden war, ist dabei nicht ohne Pikanterie. Schließlich hat sich Dietrich Mateschitz im Sommer mit Felix Magath zum vertraulichen Gespräch getroffen. Leute wie Magath will Firmenchef Mateschitz bei RB sehen, zumindest in nicht allzu ferner Zukunft. Schalkes Trainer, der in der zweitgrößten Stadt Ostdeutschlands eine Immobilie besitzt, hat im Gegenzug immer wieder betont, wie spannend und erfolgsversprechend er das Projekt „RB“ doch finde: „Was Herr Mateschitz sportlich und privat auf die Beine gestellt hat, ist außerordentlich.“ Was nur schwer zu bestreiten ist.
Mit Red Bull New York will das derzeit vielleicht bekannteste Exportprodukt Österreichs den US-Markt erobern. Ex-HSV-Manager Dietmar Beiersdorfer fungiert nun von Salzburg aus als „Red Bulls Head of Global Soccer“ und ist auch für Leipzig zuständig – Manager Joachim Krug wurde im Frühjahr freigestellt. Zuletzt hat Beiersdorfer Thierry Henry zur Filiale nach New York gelotst. 50.000 Jerseys mit dessen Namen will man dort in dieser Saison verkaufen. In Europa soll Leipzig die Leuchtturm-Funktion übernehmen und schon bald in der Champions League spielen. Angeblich wurden am Firmensitz dafür bereits 100 Millionen Euro eingeplant. Red Bull Salzburg, immerhin amtierender österreichischer Meister, soll Schritt für Schritt zu einer Kaderschmiede für Leipzig umgemodelt werden – Champions League sei in Österreich auf Dauer nicht machbar, lässt Mateschitz neuerdings verkünden.
RB-Leipzig-Coach Thomas Oral hält wenig davon, die ehrgeizigen Ziele rhetorisch zu verbrämen. „Es ist kein Geheimnis, dass wir unbedingt aufsteigen wollen.“ In der Oberliga Nordost-Süd holte man in der vergangenen Saison 80 Punkte aus 30 Spielen. Manager Krug und Trainer Tino Vogel mussten trotzdem gehen. Mit attraktivem Fußball sollen nun auch die Leipziger ins Stadion gelockt werden, die den fußballerischen Ehrgeizling bislang noch skeptisch beäugen.
Um die Identifikation mit RB zu erhöhen, hat man vor dieser Saison verstärkt auf die Ost-Sozialisation der Zugänge geachtet. „Ziel ist es, ostdeutsche Talente an den Verein zu binden“, sagt Oral. Wie die beiden gebürtigen Sachsen Tim Sebastian und Tom Geißler haben auch die Neulinge Lars Müller, Timo Rost, Alexander Laas, sowie Sven Neuhaus, Ingo Hertzsch, Nico Frommer und Thomas Kläsener schon in der ersten Liga gespielt. Außerdem kamen U-20-Nationalspieler Carsten Kammlott (RW Erfurt) und Daniel Frahn aus Babelsberg. Guido Schäfer, Redakteur der „Leipziger Volks Zeitung“ und als ehemaliger Zweitligaprofi (Mainz) ein Mann vom Fach, glaubt, das Team könne „wohl jetzt schon in der nächsthöchsten Klasse lässig mithalten.“ Wer das Schalke-Spiel sah, widerspricht nicht. Nun hofft man, dass Leipzig sich allmählich mit dem Senkrechtstarter anfreundet, der noch vor einem Jahr bei vielen Spielen angefeindet wurde. „Wir wollen uns weiter sympathisch präsentieren“, sagt Kapitän Hertzsch, „arrogantes Auftreten kommt im Osten ganz schlechter an.“
„Keiner mag uns –scheißegal“, sang der etwa 50 Mann starke RB-Support-Block und hisste ein offenbar selbstironisch gemeintes Transparent mit der Aufschrift „Tradition trifft Zukunft“. Die RB-Verantwortlichen registrierten derweil hocherfreut, dass der Leipziger Treffer (Nico Frommer/11.) doch lauter bejubelt wurde als die der Schalker (Edu, 23./ Ivan Rakitic 42.), die von tausenden Fans begleitet worden waren. Dass die Herren in rot und weiß einen Fußball zeigten, der mit Regionalliganiveau so viel zu tun hat wie Versailles mit einer Hundehütte, hatten auch viele der neutralen Zuschauer registriert. „Also, schönen Fußball spielen sie ja“, sagte ein Familienvater. Er sah dabei aus, als plage ihn bei der Feststellung ein schlechtes Gewissen.
Der DFB will es so: „Rasen Ballsport“Um in Deutschland Fuß fassen zu können, musste Red Bull einen Umweg gehen. Das Spielrecht übernahm man in der vergangenen Saison vom Oberligisten SSV Markranstädt – in der 5. Liga gelten die DFB-Lizenzierungsauflagen nicht. Im Stadion des mittelständisch strukturierten Vereins aus dem Leipziger Umland trug man zunächst auch die Ligaspiele aus – und revanchierte sich mit einer sechsstelligen Summe. Da außer traditionellen Werksmannschaften wie Bayer Leverkusen oder Wacker Burghausen gemäß den DFB-Statuten kein Fußballverein den Namen eines Sponsors führen darf, steht das „RB“ im Vereinsnamen offiziell für „Rasen Ballsport“. Dass gemeinhin dennoch von „Red Bull Leipzig“ gesprochen wird, ist selbstverständlich ganz im Sinne des Salzburger Erfinders. RB Leipzig will schon bald in der Bundesliga und kurz darauf in der Champions League spielen. Die Grundlagen sind geschaffen: 100 Millionen Euro sollen für den Erfolg von RB Leipzig mittelfristig eingeplant sein.