BUNDESLIGA Totenkopf gegen „Ich-hab-dich-lieb-Club“ Zum Saisonstart treffen mit St. Pauli und dem SC Freiburg zwei Clubs mit alternativem Image aufeinander. Die Fans beider Vereine verstehen sich prächtig, die beiden Trainer sowieso. Und doch gibt es zahlreiche Unterschiede zwischen den Vereinen. Von Christoph Ruf.

Zum ersten Erstligaspiel seit neun Jahren gehts zum seelenverwandten Sportclub: Der FC St. Pauli spiel heute um 15.30 Uhr in Freiburg Foto Pixathlon
Im „Walfisch“ ist es am Donnerstag wieder voll geworden, im „My way“ auch. Und im „Atlantik“ erst recht. Freiburgs Kneipen, in denen neben SC-Devotionalien Totenkopf-Artikel von der Sympathie zum FC St. Pauli künden, verzeichnen schon Tage vor dem Aufeinandertreffen der beiden Vereine deutlich höhere Umsätze. Die Anhänger beider Clubs verstehen sich prächtig. Und reisen zuweilen dementsprechend früh zu den jeweiligen Auswärtsspielen an.
Auch die beiden langjährigen Trainer mögen sich. Wenn „Robin“ und „Stani“ übereinander reden, wird es geradezu feierlich in den jeweiligen Presseräumen. Den jovialen Hamburger Holger Stanislawski und den skeptischeren Robin Dutt eint dabei die Freude an feiner Ironie und eine gewisse Grundbescheidenheit. Beide stellen sich nahezu bedingungslos vor ihre Mannschaft, reagieren aber geradezu panisch, wenn die zu sehr gelobt wird. Vor allem aber haben sich da zwei schätzen gelernt, die an den entgegengesetzten Enden der Republik das gleiche Fußballverständnis predigen. Bei blind herausgeschlagenen Bällen sieht man deshalb beide mit schmerzverzerrtem Gesicht an der Seitenlinie.
In Freiburg gehören die spielerische Grundausrichtung und das Selbstverständnis als Ausbildungsverein seit 20 Jahren zu den Konstanten, die jeden Trainerwechsel überdauern würden. Der Sportclub hat als einer der ganz wenigen Bundesligisten eine eigene sportliche Identität. Allerdings auch einen Kader, der in der Breite arg dünn besetzt ist. Dementsprechend defensiv formuliert der Trainer das Saisonziel: "Wenn alle anderen alles richtig machen, steigen wir ab. Die Erfahrung zeigt aber, dass die anderen eben nicht alles richtig machen und der SC im Gegensatz dazu immer vieles richtig gemacht hat."
Stanislawski ist bei seiner Forderung nach fußballerischen Lösungen fast noch unerbittlicher als der Freiburger Kollege. Der ehemalige Manndecker Schwarzenbeck`scher Prägung modelte einen Club um, der sich jahrzehntelang über die strikte Weigerung Fußball zu spielen definierte. Wer als Spieler einen Pass spielte, der ankam, galt am Millerntor jahrzehntelang als jemand, der mit perfiden Mitteln seinen Wechsel zum HSV vorbereitete. Seit Stanislawski beim diesjährigen Aufsteiger am Ruder ist, hat auf St. Pauli das Kurzpassspiel Einzug gehalten. Viele der 72 Treffer in der vergangenen Saison waren der Endpunkt spektakulärer Spielzüge. „Stani hat einen klaren Weg vorgegeben und der heißt Kombinationsfußball. Wer den nicht mitgeht, hat ein Problem“, sagt Mittelfeldmann Florian Bruns, der am Spieltag 31 Jahre alt wird.
Bruns, der von 1999 bis 2002 beim SC Dienst tat und seit 2006 am Millerntor ist, kennt die Unterscheide zwischen beiden Clubs. „In Hamburg gibt es fünf Tageszeitungen, da muss man höllisch aufpassen, was man sagt. In Freiburg kommen die Leute selbst zum Training, wenn sie sich ein Bild von der Mannschaft machen wollen.“ Ansonsten seien beide „anders als die Norm.“ Rassistische Sprüche seien bei beiden Clubs tabu, auf Gästefans warte eher ein Freibier als eine geballte Faust.
Der FC St. Pauli hat es in den vergangenen Jahren bestens verstanden, sein alternatives Image zu vermarkten. Alle zwei Wochen karren die Billig-Airlines St. Pauli-Freunde aus England oder Schottland zu den Heimspielen, mit einem Totenkopfpulli sind hunderttausende Menschen zwischen Garmisch und Rügen ausgestattet. In Sachen Vermarktung spielt der FC St. Pauli längst in der deutschen Top-Five. Von einer überregionalen Bedeutung können sie hingegen beim SC nur träumen. Zwischen der Schweizer Grenze und dem mittelbadischen Offenburg – dazwischen steht sehr viele Nadelgehölz - ist der SC die Nummer Eins. Wer in Köln oder Berlin mit hartnäckigen SC-Sympathien erwischt wird, ist hingegen in aller Regel aus dem Badischen emigriert. Auch die Mitgliederzahl (2700) und der Zuschauerzuspruch (12.500 Dauerkarten) lassen zu wünschen übrig. Der SC, dem Umfragen bundesweit eine überdurchschnittliche Beliebtheit bescheinigen, hat es bislang nicht geschafft, Wohlwollen in Begeisterung umschlagen zu lassen. „Wir sind halt der Ich-hab-dich-lieb-Club“, hat Kapitän Heiko Butscher erkannt. „Als Spieler hättest du manchmal gerne ein prägnanteres Image.“