Categories: SPIELKULTUR
      Date: Nov  1, 2008
     Title: Buch: "Der lange Weg nach Wien"
BUCH
Hilfskäse aus Holland
Das originellste Buch zur EM: „Der lange Weg nach Wien“ glänzt durch die gnadenlose Subjektivität mit der die Autoren die Teams des Turniers beobachteten. Von Kaspar Heinrich

BUCH
Hilfskäse aus Holland
Das originellste Buch zur EM: „Der lange Weg nach Wien“ glänzt durch die gnadenlose Subjektivität, mit der die Autoren die Teams des Turniers beobachteten. Von Kaspar Heinrich

Rafael van der Vaart und Mark van Bommel
„Holland mit seinen klobigen Bergen“: Die Darbietungen von Rafael van der Vaart und Mark van Bommel ließen auch die Autoren in "Der lange Weg nach Wien" nicht kalt
Foto Hoch Zwei


Am Anfang stand das Losglück. 17 fußballbegeisterten Autorinnen und Autoren wurde jeweils eines der 16 EM-Teilnehmerländer zugeteilt, das sie während des Turniers literarisch begleiten sollten. Da erwischten Annett Gröschner und ihr Sohn Friedrich beispielsweise das ungeliebte Italien, während Anne Hahn ihrem Grasverkäufer Slatan einiges an Wissenswertem über die von ihr betreuten Kroaten entlocken konnte.

Die Auswahl der Autoren, die sich in „Der lange Weg nach Wien“ versammelt, setzt sich aus freien Schriftstellern und Journalisten zusammen, von denen einige auch die Lesebühnen der Republik unsicher machen. Der ein oder andere hat sich als Teil der Deutschen Autoren-Nationalmannschaft dem Thema Fußball zudem auch aktiv verschrieben – etwa Jan Bötcher, Jochen Schmidt oder Florian Werner.
Bei derart gebündeltem kreativen Potential verwundert es nicht, dass der Fußball manchmal gar nicht unbedingt im Vordergrund der Spielberichte steht. So wird beim Halbfinale zwischen Kroatien und der Türkei etwa das 17. Jahrhundert heraufbeschworen und von Siebenbürgen und Großwesiren erzählt – während Daniela Böhle bei der Partie Deutschland gegen Polen wiederum mehr mit der falschen Aussprache sämtlicher polnischer Namen durch den Fernsehkommentator zu kämpfen hat als mit der Niederlage, die ihr Team am Ende hinnehmen muss. Originalität siegt so immer wieder klar gegen die profane Beschreibung von Spielabläufen. Und dem Leser werden mitunter zitierfähige Sätze geschenkt – wie der von Frank Willmann: „Der Kaiser mit dem Hang zur Sekretärin jomeite in der Glotze.“

Die große Stärke des Buches besteht fraglos in der völlig unterschiedlichen Herangehensweise der einzelnen Autoren an ihre Teams. Während Uli Hannemann kein gutes Wort an Holland mit seinen „klobigen Bergen“ und dem dort produzierten „minder qualifizierten Hilfskäse“ Gouda lässt und letztendlich kein einziges der vier Spiele seines Teams verfolgt, zeigt sich Marion Pfaus in ihrem Final-Beitrag über die Spanier rückblickend mit dem Los durchaus zufrieden – dabei hatte sie sich ursprünglich die Franzosen gewünscht. Diese werden bei Friederike von Koenigswalds Texten zu den Comic-Galliern Asterix und Obelix und fiebern dem traditionellen Duell gegen die „römischen Legionäre“ im dritten Gruppenspiel entgegen. Norbert Kron mutiert als literarischer Begleiter der Griechen gar zum Göttervater Zeus und beobachtet von der heimischen Couch aus interessiert die Geschicke seiner Attikerschar, während Hera ihn mit Olivenflips und Backpflaumen versorgt. Seine Auslassungen über den „Halbsohn Rehakles“ und Christiano Ronaldo, den „narzisstischen Bootsmaat mit dem Servierkellner-Gesicht“, sind so unterhaltsam, dass man
das frühe Ausscheiden der Griechen – fußballerisch zweifelsohne berechtigt – im Nachhinein regelrecht bedauert.

Neben den Texten über die Teams und die hoffnungslos subjektive Betrachtung jedes Spiels durch die Autoren sowie eine ebenfalls enthaltene Hörbuch-Fassung der Länder-Porträts bietet das Buch auch für den Freund der klassischen Fußball-Statistik überraschend viel. So sind nicht nur die 31 EM-Spiele samt Torschuss- und Eckenverhältnis aufgelistet, sondern der Leser erfährt unter anderem auch noch, dass der russische Torwart Akinfejew die meisten Paraden im Turnier zeigte (nämlich genau 35) und die österreichische Mannschaft lediglich einmal ins Abseits lief. Und wer weiß, ob diese Informationen nicht vielleicht beim nächsten Fußballabend im Freundeskreis für bewundernde Reaktionen sorgen könnten...

Christof Meueler, Torsten Schulz, Frank Willmann (Hg.): Der lange Weg nach Wien, Voland & Quist, 160 Seiten + Audio-CD, 14,80 Euro