Categories: DER PROFI SPRICHT
      Date: Mär 11, 2015
     Title: Interview Moritz Volz
INTERVIEW
„Bei Arsenal war ich Opfer“
Volzy ist zurück: Moritz Volz spielte zehn Jahre lang in England, jetzt fährt er mit seinem Klapprad ins Bundesligastadion. Volz über seinen Wechsel zum FC St. Pauli und derbe Kabinenscherze der englischen Kollegen. Interview Rainer Schäfer

INTERVIEW
„Bei Arsenal war ich Opfer“
Volzy ist zurück: Moritz Volz spielte zehn Jahre lang in England, jetzt fährt er mit seinem Klapprad ins Bundesligastadion. Volz über seinen Wechsel zum FC St. Pauli und derbe Kabinenscherze der englischen Kollegen. Interview Rainer Schäfer


Moritz Volz
Auf den Straßen Londons: Moritz Volz in der englischen Hauptstadt Foto Pixathlon




Herr Volz, nach über zehn Jahren in England absolvieren Sie zum ersten Mal mit dem FC St. Pauli eine Saison-Vorbereitung bei einem Bundesligisten. Ein Kulturschock?
Moritz Volz: Ich erlebe täglich Überraschungen. Ich habe an der längsten Autogrammstunde der Welt teilgenommen, die über drei Stunden dauerte. Was ich nicht kannte: In England signiert man auch mal Babyklamotten, aber da nehmen sie das Baby vorher heraus.

Sie schildern die Erlebnisse Ihren englischen Fans auf der Homepage. Sie dürfen sich darüber amüsieren, weil Sie zwischen den Fußball-Kulturen stehen?
Moritz Volz: Ich verurteile nichts, ich möchte den Engländern den deutschen Fußball etwas näher zu bringen.

Sie sind das ganze Jahr 2009 wegen Leistenproblemen ausgefallen. Warum haben Sie sich den FC St. Pauli für das Comeback ausgesucht?
Moritz Volz: Ich bin sicher, dass St. Pauli genau das Richtige für mich ist. Bei einigen interessierten Klubs standen die Bedenken im Vordergrund. Bei St. Pauli hat man es als Chance gesehen, mich zu verpflichten. Frustrierend ist nur, dass ich Probleme mit dem Hüftbeuger habe und kürzer treten muss.

Was hatten Sie früher für ein Bild von diesem Klub?
Moritz Volz: In der Jugend war es der Feierklub und Pokalschreck für mich, diese Truppe mit Klaus Thomforde im Tor, am berühmt-berüchtigten Millerntor. Ich habe schon immer Sympathien für Underdogs empfunden. Diese Rolle fällt uns jetzt auch zu, mit einem klar gesetzten Ziel, dem Klassenerhalt.

In England ist es eine Lebensaufgabe, seinen Klub zu unterstützen. Auch der FC St. Pauli bestimmt das Leben vieler seiner Fans.
Moritz Volz: Die Fans am Millerntor nehmen einen Spieltag sehr ernst, sie treffen sich früh und sind bis spät in die Abendstunden zusammen. Das ist etwas sehr Britisches, zur 100-Jahr-Feier des Klubs wurde auch bewusst Celtic Glasgow eingeladen. St. Pauli hat eine Zuneigung für den britischen Fußball und genauso so ist im britischen Fußball eine Faszination für St. Pauli da. Das wird mir jetzt erst bewusst, weil ich viele Zuschriften von St. Pauli-Fans aus England bekomme.

In England huldigen Fans besonderen Profis mit Liedern.
Moritz Volz: In Fulham haben sie lange Jahre darüber nachgedacht, mich zu besingen. Das Schlagwort overlap wäre dabei sicher gefallen: Überholen. Weil ich als Außenverteidiger gerne mal meinen rechten Mittelfeldspieler über außen überholt habe. Es hat aber nie zu einem Text gereicht. Wahrscheinlich weil sie keinen passenden Reim auf meinen Nachnamen gefunden haben.

Was ist dran an den Klischees, dass englische Profis gerne wetten und trinken.
Moritz Volz: Ich habe schon Spieler gesehen, die kurz vor dem Einlaufen ins Stadion noch nach den Ständen im Pferderennen geschaut haben. Auch Siege werden ausgiebig gefeiert. Ob das hier verheerend anders ist, werde ich hoffentlich bald wissen.

Die Kabinen-Scherze in der Premier League sind legendär.
Moritz Volz: Da sind englische Profis sehr erfinderisch und auch skrupellos. Am Anfang haben sie immer meinen Akzent nachgemacht und dabei übertrieben: Als ob ich wie ein Roboter sprechen würde. Ich war meistens Opfer von Ray Parlour, einer Institution bei Arsenal.

Er hat sich mal mit einem Taxifahrer in Hongkong ein Wettrennen geliefert.
Moritz Volz: Er ist als Spaßvogel bekannt. Ich hatte mal ein T-Shirt an, da stand vorne in riesigen Buchstaben drauf: Freiheit. Da hat er mich in der Kabine gefragt: Volzy, was steht denn auf deinem T-Shirt? Ich habe es natürlich noch mal aufgesagt und alle haben sich weggeworfen vor Lachen. Das ist mir in der Anfangszeit ständig passiert.

Da hilft nur Selbstironie?
Moritz Volz: Ja und die lernt man sehr schnell. Als 16-Jähriger hat mich das noch geschockt, Naziwitze zu hören. Ich bin immer noch kein Freund davon, aber ich sehe das nicht mehr als Angriff, sondern als eine Möglichkeit, mit dem Thema umzugehen. Nach einer Weile habe ich auch selbst ausgeteilt. Die Engländer glauben, dass alle Deutschen David Hasselhoff lieben. Ich habe eine rote Badehose angezogen und mich mit Brusttoupet am Pool fotografieren lassen. Es muss nicht immer alles ernst sein im Leben.

Worüber haben Sie sich in England geärgert?
Moritz Volz: Über Handwerker. Es ist schwierig, an gute Männer zu kommen. Deshalb ereignen sich oft Pannen. Vor einem Freundschaftsspiel war ich mal auf meiner eigenen Toilette eingesperrt, weil das Schloss nicht mehr funktionierte. Ich hatte Glück, dass die Putzfrau noch im Haus war, sie konnte Hilfe rufen, damit ich aus meinem kleinen Gefängnis befreit werden konnte.

Für die „Times“ haben Sie Kolumnen geschrieben, auch über gesellschaftspolitische Themen wie den Einbürgerungstest in Deutschland.

Moritz Volz: Ich habe den Test spaßeshalber gemacht und bestanden. Trotz des langen Aufenthalts in England kann ich mich noch als Deutscher verkaufen. Aber es gab einige Fragen, die ich nicht richtig beantworten konnte. Welche das waren, verrate ich aber nicht.

Moritz Volz

Jetzt am Millerntor: Moritz Volz im Trikot des FC St. Pauli Foto Pixathlon

In London sind Sie manchmal am Spieltag mit dem Klapprad zum Stadion gefahren. Machen Sie das auch in Hamburg?
Ich werde es sicherlich versuchen. Ich habe es in England gemacht, weil es für mich die angenehmste Art und Weise war, schon mal an der frischen Luft zu sein und die Beine zu bewegen.

Sie sind in Hamburg noch auf Wohnungssuche.
Moritz Volz: Ich suche noch, auch weil ich gewisse Ansprüche an die Küche habe. Ich koche sehr gerne, deshalb wünsche ich mir einen guten Backofen, ein Kochfeld und einen Dampfgarer. Ich hoffe, dass ich bald wieder in der Küche werkeln kann.

Sie gelten als begnadeter Bäcker. In England haben Sie am Spieltag Kuchen gebacken, die zum Gegner passen.
Moritz Volz: Wenn es gegen die großen Klubs wie Arsenal oder Manchester ging, dann habe ich einen Biskuitkuchen mit Banane und einem Hauch grünem Tee gebacken. Wenn ein harter Gegner kam, wie die Blackburn Rovers, gab es etwas Schweres wie Karottenkuchen mit Nüssen.

Welcher Kuchen würde gegen Freiburg passen, Ihren ersten Gegner: Einer mit Körnern?
Freiburg ist eine spielerisch starke Mannschaft, Körner passen eher zu den körperlich unangenehmen Gegnern wie Köln. Freiburg liegt in der Nähe vom Elsass, da passt eine süße Quiche mit Kirschen. Wenn es gegen den HSV geht, ist das ein Festtag. Da muss viel Zuckerguss auf den Kuchen.

Essen Sie so gerne süß?
Moritz Volz: Nein, aber ich bin an Spieltagen kaum ansprechbar. Da kann es im Umgang mit mir schon mal schwierig sein. Mit dem Backen habe ich einen Weg gefunden, um mich abzulenken und die Anspannung vor dem Spiel zu lösen. Backen macht nicht müde, es bringt Struktur in den Spieltag und man sieht ein Ergebnis.

Moritz Volz

Publikumsliebling: Moritz Volz in Fulham Foto Pixathlon


Moritz Volz wurde am 21. Januar 1983 in Siegen geboren. Mit 16 Jahren wechselte er aus der Jugend von Schalke 04 zu Arsenal London. Der Sprung in die erste Mannschaft gelang dem Rechtsverteidiger dort allerdings nicht. Seine weiteren Stationen auf der Insel waren Wimbledon, Fulham und Ipswich Town. Seit dieser Saison spielt Volzy beim FC St. Pauli. Moritz Volz hat 20 Länderspiele bei der deutschen U21-Auswahl bestritten. Unter Jürgen Klinsmann wurde er 2004 in das Aufgebot zum A-Länderspiel gegen Kamerun berufen, aber nicht eingesetzt.
www.volzy.com/
aufmacherbild: 
Moritz Volz mit Klapprad in London