BUNDESLIGA
Kleines Latinum im Volkspark
So ein Derby bringt Hamburger und Bremer auf merkwürdige Ideen: Werder siegt beim HSV und zeigt den Hamburgern die Grenzen auf – wieder einmal. Von Roger Repplinger

Gegentor im Nordderby: Mladen Petric, Heiko Westermann, Dennis Diekmeier und Jaroslav Drobny verlieren mit dem Hamburger SV gegen Werder Bremen Foto Pixathlon
Mit dem Schlusspfiff wäre fast noch das 1:4 gefallen. Das wäre zu viel des Schlechten für den Hamburger SV und zu viel des Guten für den SV Werder Bremen gewesen. Ein verdientes 1:3 (0:2) vor 56 550 Zuschauern reichte.
Kleines Latinum? Na, wie sieht es aus? „Libertatem quam peperere maiores digne studeat servare posteritas“, zeigten die HSV-Fans vor Spielbeginn auf einem Spruchband ihren Freunden von der Weser. Und zwei Löwen, die das Hamburger Stadttor verteidigen, mit Zungen rot wie Flammen. Ah!
Die Bremer zündeln in ihrem Block mit Pyro, gehört inzwischen dazu. Der lateinische Satz steht, in Stein, über dem Portal des Hamburger Rathauses. Übersetzt: „Die Freiheit, die schwer errungen die Alten, möge die Nachwelt würdig erhalten.“
Zwei Hamburger Fans werden verhaftet, als sie versuchen, ein mit Benzin getränktes Transparent ins Stadion zu schmuggeln. In der 43. Minute fliegt ein Bierbecher, darin Wasser und ein Feuerzeug, Marko Marin, der im offensiven Mittelfeld des SV Werder ein gutes Spiel macht, an die rechte Wade. Marin, auf dem Weg zum Eckball, sackt zusammen. Schiri Thorsten Kinhöfer unterbricht, Marin überlegt, ob er nicht mehr aufstehen soll, und entscheidet sich dann für den Eckball.
So ein Derby bringt Leute auf merkwürdige Ideen.
Werder beginnt mit dem 20-jährigen François Affolter als Innenverteidiger neben dem Griechen Sokratis, dem Linksverteidiger Florian Hartherz, 18, vor ihm im linken Mittelfeld Tom Trybull, 18. Werder geht zu Recht davon aus, dass der HSV über die andere Seite kommt. Die beiden zusammen sind etwa so alt wie Claudio Pizarro, der den Altersschnitt versaut. Wenn Sie die Jungen nicht kennen, grämen Sie sich nicht, in zwei Jahren kennt sie jeder.
Der HSV versucht es mit der Taktik, die den Bayern Probleme bereitet hatte: die Außenverteidiger – Dennis Aogo links und Dennis Diekmeier rechts – stehen tief in des Gegners Hälfte, vor den Mittelfeldspieler auf ihrer Seite, die, bei eigenem Ballbesitz, ins zentrale Mittelfeld oder den Sturm vorrücken. Geht super, wenn man den Ball sicher durchs Mittelfeld bringt. Also versucht Werder, das zu verhindern.
Der SV Werder kommt mit der Taktik, mit der Dortmund gegen den HSV erfolgreich war: Pressen, das erschwert den Spielaufbau, und kontern. „Wir waren gut eingestellt“, lobt Marin seinen Trainer nach dem Spiel.
In der 9. Minute holt sich Markus Rosenberg den Ball von Tomás Rincón. Rincóns Fehler ist provoziert, der kommt nicht einfach so. Rosenberg tut viel dafür, dass Rincón den Fehler macht. Der Ball landet bei Marin, der verliert ihn fast und schießt dann doch das Tor. „Damit war unser Plan kaputt“, sagt HSV-Stürmer Paolo Guerrero, der selbstkritisch fest stellt, dass „nicht Bremen das Spiel gewonnen, sondern wir es verloren haben – durch die Fehler, die wir gemacht haben“. So sieht es auch HSV-Trainer Thorsten Fink, der bei Bremen „so viele Fehler wie bei uns“ gesehen hat, „aber die haben unsere besser genutzt“.
Nach einem Eckball fällt das 0:2: Trybull köpft, der Ball setzt auf, HSV-Keeper Jaroslav Drobny ist geschlagen. Kinhöfer pfeift Tor und Halbzeit
Aus einer der vielen Standardsituationen macht Mladen Petrić den Anschlusstreffer, weil Bremens Clemens Fritz den Ball ablenkt, sonst hätte Tim Wiese den auch noch gehalten. Der HSV drückt, hat Chancen wie die von Guerrero, als der Ball an den Pfosten titscht, Bremer macht den Sack zu, als der eingewechselte Marko Arnautović ein Missverständnis zwischen den HSV-Innenverteidigern Slobodan Rajković und Heiko Westermann nutzt.
Auf die Frage, ob ihm seine Nase, die einen Schlag abgekriegt hat, weh tut, sagt Guerrero: „Das Derby zu verlieren tut mehr weh.“

Foto Pixathlon
Wie viel besser als der SV Werder Bremen muss der Hamburger SV sein, um zu gewinnen? Viel besser! Ein bisschen besser, ein 20-jähriger Innen-, ein 18-jähriger Außenverteidiger und ein 18-jähriger Mittelfeldspieler. reichen nicht. Der SV Werder macht seit Jahrzehnten – nicht nur mit dem HSV – die Erfahrung, dass der vermeintlich bessere Gegner nicht gewinnt.
Werder schafft es seit Jahrzehnten, sein Potenzial auszuschöpfen. Vielleicht noch ein bisschen mehr. Das ist eine Leistung. Spieler kommen und gehen, die Fähigkeit, sich als Mannschaft in ein Spiel zu verbeißen, nicht aufzugeben, auch wenn es aussichtslos scheint, alles herauszuholen und dabei ordentlich Fußball zu spielen, schafft der SV Werder fast immer.
Der SV Werder ist ein Stein, sperrig, kantig, er tut weh, er vermiest dem Gegner das Spiel. Der SV Werder gibt nichts her, der Gegner muss sich alles holen. Der SV Werder ist giftig, seine Augen funkeln, er ist ein bisschen böse, weiß genau, wann wer wie zu foulen ist. Der SV Werder läuft viel, kämpft, arbeitet. Beim Derby noch mehr.
Der HSV schafft es seit Jahren nicht, sein Potenzial auszuschöpfen. Immer ist irgendwo der Wurm drin. Es passt nie zusammen. Marcell Jansen im linken Mittelfeld weiß nicht, was er tun soll, wenn ihn sein linker Außenverteidiger Dennis Aogo überholt. Soll er ins zentrale Mittelfeld aufrücken? Oder in den Sturm? Jacopo Sala geht es auf der anderen Seite mit Dennis Diekmeier ähnlich. Die Idee mit den stürmenden Außenverteidigern ist gut, Barcelona und Dortmund machen das auch. Aber dann müssen alle mehr laufen. Nicht die Stärke des HSV. Laufen.
Spieler kommen und gehen, Trainer auch, aber die Fähigkeit, unter ihren Möglichkeiten zu bleiben, hatten fast alle HSV-Teams der vergangenen zehn Jahre. Auch eine – Leistung.
Der SV Werder und der HSV haben Kulturen in ihren Vereinen etabliert. Unterschiedliche Kulturen. Thomas Schaaf kann viel Geduld mit einem Spieler haben, wenn er vermutet, dass der irgendwann kapiert, was er von ihm will. Möglich, dass Marko Marin es noch kapiert, oder Marko Arnautović. Der HSV – mehr Schein, große Namen, weniger Siege – will seine Kultur ändern. Wer hin guckt, sieht, mit welchen Spielern das nicht geht.
Thorsten Fink hat Spieler, die was ändern wollen, und andere. „Nächste Saison sehen wir weiter“, meint er nach der Niederlage gegen Werder. Der Blick in die Zukunft sagt nichts Gutes über die Gegenwart.