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BUNDESLIGA
Bester Stimmung trotz drückender 16 Grad
In Freiburg hoffen sie nach dem 2:1 gegen Schalke weiter auf den Klassenerhalt. An Spielern wie Jan Rosenthal kann sich das wacklige Kollektiv des Sportclubs aufrichten. Von Christoph Ruf, Freiburg.

 

Raúl und Daniel Caligiuri

Raúl (li.) wurde ausgewechselt, Daniel Caligiuri machte ein prima Spiel für Freiburg
Foto Pixathlon

 

Jan Rosenthal ist ein Mensch, der so spricht wie er Fußball spielt: Gewandt und technisch versiert. Die üblichen Floskeln sind seine Sache nicht, weshalb er auch nie behaupten würde, dass seine Mannschaft am Samstag Schalke 04 den Schneid abgekauft habe. Stattdessen stellte er fest, nach der frühen 1:0-Führung sei „klar gewesen, dass Schalke nicht die Stimmung auf den Platz bringen konnte, groß etwas dagegenzusetzen. Wir haben sie zu vielen langen Bällen gezwungen, die dann verpufft sind.“

 Rosenthal, der bei einem Verein mit Kollegen spielt, die „Flumi“ (Johannes Flum), „Batzi“ (Daniel Batz) oder „Höhni“ (Immanuel Höhn) heißen und deshalb konsequenterweise „Rosi“ genannt wird, ist einer, der lange Bälle für ein archaisches Mittel hält, allenfalls geeignet für Schulhof-Bolzereien. Weswegen er auch am Samstag immer wieder im Zusammenspiel mit den Kollegen Daniel Caligiuri, Cédric Makiadi oder Flum für die Überraschungsmomente sorgte, die Schalke 04 nach gut einer Stunde 2:0 hinten liegen ließ. Die SC-Verantwortlichen sehen dem gebürtigen Nedersachsen dabei nach, dass er außerhalb des Platzes immer noch nicht so ganz im Süden angekommen ist. Grünkohl ziehe er der badischen Küche vor, ließ er die Stadionzeitung wissen. Und die einheimischen Journalisten überraschte er am Samstag mit dem Bekenntnis, dass die Temperaturen doch auf dem Platz „ganz schön gedrückt“ hätten. Das Thermometer zeigte bei Anpfiff 16 Grad an.

Doch solche Wahrnehmungstrübungen sind zweitrangig bei einem Spieler, der mit seinem Spielverständnis so blendend ins Gesamtkonstrukt passt. Zumal Rosenthal einer der Spieler ist, an dem sich das wacklige Kollektiv aufrichten kann. Dass das Team spielerisch nicht zum unteren Drittel gehört, hat sich in der Branche rumgesprochen – doch das bedeutet nicht, dass die Mannschaft unumschränkt bundesligatauglich ist. Am Samstag spielte Andreas Hinkel auf der linken defensiven Außenbahn – und legte einen schlimmen Auftritt hin. In der Vorwoche stand Jonathan Schmid beim 1:4 in Stuttgart auf der gleichen Position neben sich. Die Abwehr hat nicht umsonst bereits 52 Gegentreffer zugelassen.

 Auch im Sturm glänzt es seit dem Weggang von Papiss Demba Cissé selten golden. Gegen Schalke lief ein Spieler als einzige Spitze auf, dem in Köln zuletzt kaum noch einer etwas zutraute. Sebastian Freis schoss in der 18. Minute ein sehenswertes Tor, indem er zwei Schalkern davonlief, Torwart Timo Hildebrand umkurvte und aus reichlich spitzem Winkel traf. Man habe, „den Gegner oft schon im Spielaufbau entscheidend gestört“, so Freis, „deswegen konnte ich am Schluss nicht mehr.“ Musste er auch gar nicht – er wurde gegen Stefan Reisinger eingetauscht, einen von vielen Freiburger Spielern, die anderswo nicht zum Zuge kämen, die aber bis zur Erschöpfung übers Feld rennen und zusammen mit den guten Fußballern im Team und einigen vielversprechenden Talenten eine Mannschaft formen, die vielleicht doch die vier Siege zusammenbekommt, die schon den Klassenerhalt bedeuten könnten. Mit dem erstaunlich cleveren Immanuel Höhn, Schmid und Oliver Sorg haben sich unter Streich jedenfalls schon drei Nobodys festgespielt, die den Fans ebenso viel Freude machen wie der konsequente Offensivfußball.

Überhaupt ist der Stimmungswandel im Breisgau mit Händen zu greifen, seit Streich das Kommando übernahm. Seinem Vorgänger, dem freundlichen, aber konsequent unverbindlichen Marcus Sorg, traute am Schluss kaum noch einer zu, eine Leidenschaft zu wecken, die er selbst nicht ausstrahlte. Streich hingegen könnte wohl gläubige Katholiken zu Zeugen Jehovas machen, wenn man ihm dafür zehn Minuten an der Haustür einräumen würde. Er würde den Versuch aber nur dann unternehmen, wenn er selbst Zeuge Jehovas wäre. Anders gesagt: Offenbar folgen die Spieler dem „Top-Fachmann“ (Keeper Oliver Baumann), weil er ausstrahlt, dass er selbst von seinen Vorgaben überzeugt ist.

„Wir sind der SC Freiburg“, hat Christian Streich auch am Samstag wieder gesagt. Und dabei so entschuldigend dreingeblickt, dass die Präzisierung nicht lange auf sich warten ließ: „Wir müssen immer wieder den Stein nach oben rollen. Und der ist manchmal so schwer...“ Beim SC hoffen sie inständig, dass der Stein grad mal wieder oben auf dem Gipfel ist, wenn die Saison zu Ende geht.



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