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INTERVIEW
Beidfüßig in Mailand
Lothar Matthäus war der letzte Weltfußballer aus Deutschland. Ein Gespräch über Treppenläufe am Bökelberg, Schussübungen mit Giovanni Trapattoni und die Statistiken von Franz Beckenbauer. Interview Matthias Greulich

 

Loothar Matthäus

Beidfüßig in Mailand: Bei Giovanni Trapattoni lernte Lothar Matthäus, Tore mit links zu schießen
Foto Pixathlon

 


Überall, wo Lothar Matthäus in diesen Tagen ist, die Kameras sind schon da. Die Kameras filmen ihn auch an einem Sonntag in Köln, wenn er im Büro seines Managements Autogramme schreibt. Sein Manager Wim Vogel hat ihm einen Stapel Autogrammkarten auf den Schreibtisch gelegt, die Matthäus in beachtlichem Tempo signiert. Er weiß, wie das geht. "Vor 15 Jahren, kein Witz, da mussten wir bei Bayern München 1.000 Autogrammkarten abgeben. In der Woche", sagt er und schaut routiniert in die Kamera. Demnächst ist das Leben von Lothar Matthäus bei Vox zu sehen. Bevor die Doku-Soap auf Sendung geht, bleibt noch Zeit für ein Gespräch über Fußball.


RUND: Herr Matthäus, gab es, als Sie 1979 bei Borussia Mönchengladbach Ihre Profikarriere begannen, eigentlich noch diese Läufe mit Medizinbällen?
Lothar Matthäus: Wie ich in Mönchengladbach angefangen bin, wussten wir nicht, was ein Fitnessraum ist. Wir haben uns alles auf dem Platz erarbeitet. Einiges auch mit Methoden, die man aus den „Rocky“-Filmen kennt. Was bin ich im Bökelberg-Stadion die Treppen hochgelaufen.

RUND: Die waren steil.
Lothar Matthäus: Die waren richtig steil. Mit unserem Konditionstrainer Drygalski. Und das nicht nur einmal. Wir hatten Medizinbälle, Gewichte. Aber alles ist auf dem Platz passiert. Ich habe mich früher gewundert, wo man die Muskulatur herbekommt. Heutzutage geht man in den Fitnessraum, aber das gab’s damals nicht. Wir sind sehr viel im Wald gewesen. Einmal die Woche. Bergläufe. Wo du immer wieder ausgerutscht bist.

RUND: Wie unterschiedlich dazu waren die Trainingsmethoden neun Jahre später bei Inter Mailand?
Lothar Matthäus: Die Möglichkeiten waren nicht anders als in Mönchengladbach. Inter Mailand hatte damals nicht soviel Geld investiert, wie beispielsweise der AC Milan. Wir hatten einen ganz kleinen Kraftraum. Trapattoni hat sehr viel im defensiven und taktischen Bereich gearbeitet. Teilweise auch sehr viel ohne Ball. Wir hatten eine längere Vorbereitung, weil die Saison später begann. Du warst drei Wochen am Stück im Trainingslager. In den ersten zehn Tagen der Vorbereitung hast du keinen Ball gesehen. Das war für mich damals eine ganz andere Welt. Bei Bayern zwischen 1984 und 1988 hatten wir offensiv gespielt, bei Inter war die Defensive das Wichtigste. Deshalb hat es häufig Diskussionen zwischen mir und Trapattoni gegeben.

Andere Geschichte. Noch mal Training. Das erste Tor gegen bei der WM 1990 gegen Jugoslawien – nicht der Alleingang – war ja der Schuss nach links ins lange Eck. Ich habe nie mit links schießen können. 1988 wie ich nach Italien gegangen bin, sagte Trapattoni zu mir: „Hey, du hast zwei Beine. Zwei Füße. Warum schießt du nur mit rechts?“ Ich sagte, dass ich es nie gelernt hatte, mit links zu schießen.

RUND: Was hat Trapattoni gemacht?
Lothar Matthäus: Hat mir zwei Übungen gezeigt und das zwei Wochen mit mir gemacht nach dem  Training. Und dann habe ich es jede Woche alleine für mich gemacht. Bin dageblieben. Slalomstangen aufgestellt. Von rechts. Parallel zum Sechzehner, nach innen und dann mit links geschossen. Ohne Torhüter, die wollten nicht mehr bleiben, habe ich Fahnenstangen einen Meter rechts und links vom Pfosten aufgestellt. So hatte ich zumindest ein Ziel. Und genauso war das erste Tor gegen Jugoslawien. Der Ball kam lang von Stefan Reuter. Ich habe ihn angenommen, bin nach innen gegangen und mit links aufs lange Eck.

RUND: Wie häufig haben Sie das geübt?
Lothar Matthäus:Zweimal die Woche: 20 mal mit links und mit links nach innen und mit rechts geschossen. Den starken Fuß darf man auch nicht vergessen. Ich habe das noch durchgezogen, als ich zehn Jahre später bei Bayern München war. Das waren Situationen, von denen ich wusste, dass die im Spiel auf mich zukommen. Ich war so häufig von rechts nach innen gekommen, aber nicht zu einem Abschluss gekommen, weil ich mit links nicht schießen konnte.

RUND: War Andreas Brehme von jeher beidfüßig?
Lothar Matthäus: Die Beidfüßigkeit hat er in die Wiege gelegt bekommen. Die hätte ich gerne gehabt. Aber ich habe nach 1988 noch viele schöne Tore mit links geschossen. Ich war wirklich erschrocken, dass ich aus 28 Metern Tore mit links geschossen habe.

RUND: Wie lange braucht man dafür?
Lothar Matthäus: Es hat zwei Jahre gedauert. Die Sicherheit muss kommen. Bei der WM 1990 hatte ich die. Es ist auch eine Kopfsache. Der Ball liegt auf einmal irgendwo, und du hast nicht die passende Bewegung dazu. Du brauchst die Koordination. Ich habe auch versucht, das dem einem oder anderen beizubringen. Aber die Spieler sind heutzutage zu faul. Die wollen sich nicht individuell verbessern. Wie ich es wollte.

RUND: Wurde bei Trapattoni mit Seilen gearbeitet, wie bei Arrigo Sacchi?
Lothar Matthäus: Das hat Trapattoni nicht gemacht. Er hat aber das Training sehr häufig unterbrochen. Die Trainingseinheiten dauerten zwei Stunden und mussten solange dauern. Ihm ging es um die richtige Positionierung. Die richtige Distanz zwischen den Abwehrspielern. Er pfiff, alle mussten stehen bleiben. Dann packte er die Spieler am Arm und hat dich dahin geschoben, wo du eigentlich zu stehen hattest. Eigentlich lustig, aber wir Deutschen konnten damit nicht umgehen. Deswegen hatte er 1994 am Anfang große Probleme wie er zu Bayern München gekommen ist. Wir wollten etwas mit dem Ball machen. Er hat stattdessen die Spieler auf dem Platz spazieren gehen lassen. Taktische Laufwege. Oder er ließ uns in den Positionen Handball spielen. Du hast dir den Ball nicht mit dem Fuß zugespielt, sondern zugeworfen.

RUND: Gab es Videovorführungen?
Lothar Matthäus: Bei Inter Mailand damals nicht. (überlegt) In meiner Laufbahn als Spieler eigentlich ganz wenig. Wir haben vielleicht einige Standardsituationen zusammengeschnitten gesehen: Angriffe über links. Angriffe über rechts.

RUND: Welche Hilfsmittel gab es stattdessen?
Lothar Matthäus: Statistiken hatte Franz Beckenbauer. Franz hat viel mit dem Roland Loy zusammengearbeitet. Franz sagte dann solche Sachen wie „65 Prozent der Flanken der Holländer kommen über rechts. Da ist ihre starke Seite.“ So etwas wie Laufwege bei Standardsituationen sind uns erst Ende der Neunziger mitgeteilt worden: Dass da fünf reingelaufen sind, einer kurz, zwei zum Torwart und zwei auf den langen Pfosten.

RUND: Muss man der heutigen Spielergeneration den Sinn einer Übung erklären?
Lothar Matthäus: Gottseidank, ja. Ich bin ein Trainer, der vor jedem Training erklärt: Warum machen wir was. Bevor wir auf den Platz gehen, in der Kabine. Du erklärst ihnen, was du vorhast. Gerade bei neuen Übungen. Die Spieler fragen mittlerweile mehr als früher. Früher hat man sich nicht zu fragen getraut, wenn man etwas nicht verstanden hatte. Sie sind selbstbewusster und interessierter. Ich finde das gut.

 

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