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TOR ZUM OSTEN
Die verkaufte Europameisterschaft
An der EURO 2012 verdienen sich ukrainische Oligarchen eine goldene Nase. Das liegt vor allem an der korrumpierten Einheit von Sport und Politik – und an der UEFA, ihrem besten europäischen Geschäftspartner. Von Olaf Sundermeyer.


UkraineAnatoli Timoschtschuk lädt in das Kiewer Olympiastadion ein, das wohl teuerste Stadion der Welt.
Foto Olaf Sundermeyer


Rinat Achmetow gehört zu den Menschen, die durch das Fernsehen immer reicher werden. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass dem Oligarchen aus dem ostukrainischen Donezk eine eigene regionale Mediengruppe mit eigenen Sendern gehört. Nein, vor allem das deutsche Fernsehen hat zuletzt für eine weitere Mehrung seines ohnehin stattlichen Vermögens gesorgt. Denn seitdem auch der rbb vor drei Jahren über die schleppenden Vorbereitungen für diese EURO 2012 berichtet hat, über desolate Straßen, untaugliche Flughäfen und nicht existierende Stadien – etwa im westukrainischen Spielort Lemberg (Lwiw), hat sich die Summe, auf die das seriöse US-amerikanische Wirtschaftsmagazin „Forbes“ Rinat Achmetow schätzt, fast verdreifacht: auf 16 Milliarden US-Dollar. Der Präsident und Eigentümer des neureichen Fußballklubs Schachtar Donezk ist der reichste aller 45 Millionen Ukrainer. Und er ist der mächtigste von allen. Präsident Wiktor Janukowitsch, der ebenfalls aus der Gegend von Donezk kommt und ein enger Vertrauter Achmetows ist, setzt um, was dem Oligarchen nutzt. So läuft es im ganzen Land, vom Präsidenten bis zu den Bürgermeistern der Kleinstädte, die jeweils von lokalen Potentaten eingesetzt und instrumentalisiert werden. Die Bauunternehmungen des Rinat Achmetow jedenfalls sind fleißig damit beschäftigt, die staatlichen Aufträge zur Vorbereitung der EURO 2012 zu erfüllen.

Und just nachdem die eklatanten Versäumnisse in der Vorbereitung auf das Turnier im westlichen Europa publik wurden, also dort, wo es auch die maßgeblichen Fußballfunktionäre der UEFA wahrnehmen, fügte es sich, dass Wiktor Janukowitsch von der Ukrainern Anfang 2010 zu ihrem Präsidenten gewählt wurde. Zuvor war der besorgte UEFA-Präsident Michel Platini noch zu Kontrollreisen in der Ukraine unterwegs gewesen, und hatte sogar die Drohung ausgesprochen, dem Land das Turnier wieder zu entziehen. Seit dem Regierungswechsel zu Gunsten von Wiktor Janukowitsch, der die mächtige „Partei der Regionen“ anführt, hat die ukrainische Infrastruktur einen rasanten Fortschritt erlebt. Dafür zuständig ist vor allem der stellvertretende Ministerpräsident und Minister für Infrastruktur, Boris Kolesnikow, ein Schulfreund von Rinat Achmetow, der ehemals Vizepräsident von Schachtar Donezk und dortiger Regionalchef des ukrainischen Fußballverbands (FFU) war. Zu dieser Machtclique der Donezker, wie sie hier genannt werden, gehört auch der ostukrainische Politiker und erste Vizepräsident des FFU, Sergej Storoschenko, der im persönlichen Gespräch vor einigen Monaten die aktuelle Regierung für den Fortschritt lobte, und mit ihren Vorgängern abrechnete: Janukowitsch hatte das orangefarbene Lager des einstigen Medienlieblings Wiktor Juschtschenko abgelöst.

Seither geht es mit den Vorbereitungen zur EURO 2012 schneller voran – warum?
Sergej Storoschenko: Die höchste Autorität des Landes, der Präsident Wiktor Juschtschenko, hatte keinen angemessenen Blick für das Ausmaß der Kalkulationen und staatlichen Investitionen hinsichtlich der Vorbereitung der EURO 2012.

Das heißt, dass die nun beschleunigte Vorbereitung unmittelbar mit dem Regierungswechsel zusammen hängt?
Ja! Ja! Es gab keine wirklich professionellen Kalkulationen über das Ausmaß der Investitionen, die für die EURO 2012 getätigt werden mussten.

Welche Probleme müssen Sie denn noch lösen – bis zum Anstoß der EURO 2012 im kommenden Sommer?
Da geht es zuerst noch um die beiden Stadien in Kiew und Lemberg, mit denen wir hoffentlich bald fertig werden. Wir kommen mit den Stadien im Augenblick sehr schnell voran. Das andere ernsthafte Problem sind die Autobahnen, weil wir ja ein großes Defizit an guten Straßenverbindungen zwischen den Städten haben.


Charkiv Lenin und die oligarchen: er wartet bislang vergeblich auf die knüppelschwingenden proletarier, die diese karossen zerbeulen. Foto Olaf Sundermeyer


Fußballoligarchen unter sich
 
Zur selben Zeit, als Storoschenko dieses Interview gab, wirkten in Lemberg Heerscharen von Achmetwos Bauarbeitern. Inzwischen wurde in beiden Stadien, in Kiew und in Lemberg, bereits gespielt. Die deutsche Nationalmannschaft lieferte bei dem Eröffnungsspiel gegen die ukrainische Sbornaja im Kiewer Olympiastadion am 11. November 2011 (3:3) ein weltweit gültiges Alibi dafür, dass die Vorbereitungen in der Ukraine erfolgreich laufen. Dabei hat das Finalstadion der EURO 2012, das lediglich eine Sanierung erlebt hat, und kein Neubau ist, die ukrainischen Steuerzahler fast 600 Millionen Euro gekostet – damit war es annähernd doppelt so teuer wie die neue Allianz Arena in München. Nun, Stand April 2012, wird an beiden Baustellen immer noch gewerkelt, vor allem in Lemberg ist das Stadionumfeld noch nicht fertig, die Parkplätze, die Zufahrtsstraße, all das ist noch im Bau. Auch die erforderliche Verlängerung der Landebahn am Lemberger Flughafen wird bis zum 12. April längst nicht fertig sein. Obwohl UEFA-Präsident Michel Platini an diesem Tag das neue Terminal einweihen wollte – das ebenfalls längst nicht fertig ist. Der Rohbau steht. Immerhin geben einige Baufirmen aus dem ostukrainischen Donezk im westukrainischen Lemberg immer noch fleißig das Geld aus dem Staatshaushalt aus. Deshalb wird Rinat Achmetow, und mit ihm einige seiner guten Freunde, immer reicher. Die EURO 2012 ist ihr bestes Geschäft, seitdem sie die Überreste der zerschlagenen Sowjetunion untereinander aufgeteilt haben.


Am unteren Ende der Achmetowschen Lohnlisten beschreibt ein Lemberger Bauarbeiter die Situation wie folgt: Er war auf der Stadionbaustelle der Lemberger Arena beschäftigt, wo die deutsche Elf zwei ihrer Vorrundenspiele austrägt, hat dort im Akkord meterweise Beton gegossen. Für 25 Griwna (2,25 Euro) pro Meter. "Aber ich muss jeden fünften Griwna an meinen Kolonnenschieber abgeben, damit der mich dort arbeiten lässt", sagte er. Er heißt hier Oleg, um ihn zu schützen. Er lebt immer noch in Lemberg, mit seiner jungen Familie. "So wie bei dem Material gespart wurde, bricht der Bau wohl in ein paar Jahren zusammen", behauptete er. Immer wieder hätten sie dort ihre Arbeit unterbrechen müssen. Manchmal tagelang. Ich traf ihn während so einer Zwangspause, in der er kein Geld bekam, aber auch schlecht eine andere Arbeit annehmen konnte. Er war verzweifelt, wartete ständig auf einen Anruf von der Baustelle. Hast du denn keinen Arbeitsvertrag? Bei dieser Frage hat Oleg gelacht, heiser, er war ein starker Raucher. Mitte 20, mit einem aschfahlen Gesicht. Er kam mir viel älter vor. "Vertrag? Worte! Ich habe nur Worte", sagte er. "Manchmal kam einfach kein Material an. Wahrscheinlich ist das Geld dafür in irgendwelchen Taschen verschwunden, oder sie haben mit dem Zeug wieder ein paar Villen am Stadtrand gebaut."

Als er die offiziellen Zahlen hörte, wie viel Geld die Arena Lemberg (35.000 Zuschauer Fassungsvermögen) angeblich kosten sollte (220 Millionen Euro), musste er wieder lachen. "Wie viel kostet denn ein Stadion in Deutschland? Ich habe gehört, dass sie dort billiger sind. Aber wie soll das gehen? Oder glaubst du etwa, dass eure Arbeiter weniger verdienen als wir hier? Für das Geld, das dieses Stadion angeblich gekostet hat, kannst du zwei Stück bauen." Tatsächlich hatte man sich am Wörthersee Stadion (32.000 Zuschauer) in Klagenfurt orientiert, das zur EURO 2008 errichtet wurde und rund 50 Millionen Euro gekostet hat. Die ursprünglichen Planungen der Arena Lemberg über 70 Millionen Euro haben sich schließlich zu einem Betrag ausgewachsen, der über dem Dreifachen liegt. Denn das Geld für das neue Stadion in Lemberg kam größtenteils aus dem Staatshaushalt, den die Donezker Wiktor Janukowitsch und Boris Kolesnikow verantworten. 




Olaf SundermeyerAuf der Trainerbank des Finalstadions, dem Olympiastadion in Kiew: Olaf Sundermeyer
Foto Olaf Sundermeyer


Tor zum OstenOlaf Sundermeyer: Tor zum Osten, Werkstatt Verlag, 12,90 Euro, ISBN-13: 978-3895338533



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