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TOR ZUM OSTEN
Pakt mit der Kleptokratie
Die EURO 2012 findet in der Ukraine statt, um das lukrative Geschäft mit dem Fußball geografisch auszudehnen. Und weiter geht’s mit der WM 2018 in Russland, denn der Fußball mehrt Macht und Vermögen. Von Olaf Sundermeyer.

 

Tribüne in DonezkMindestens westeuropäischer Standard: Die VIP-Tribüne in Donezk Foto Özgür Albayrak

 

Wenn es früher für Fußballer in den Osten ging, in die Ukraine, oder gar nach Russland, gegen Dnjepr Dnjepropetrowsk oder Spartak Moskau, musste immer der Koch vorgeschickt werden, mit vakuumverpackten Lebensmitteln. Aber inzwischen haben sich die Bedingungen dort verändert. Viele Klubs in den ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken nutzen eine Infrastruktur, Stadien, Trainingszentren, Hotels, die mindestens westeuropäischen Standards entsprechen. Etwa auch Schachtar Donezk, der Klub, der seine Spieler mit diesen schönen orangefarbenen Trikots auflaufen lässt. Die wecken gar Erinnerungen an die Orangene Revolution, zu der viele Ukrainer gegen das kleptokratische System der Oligarchen aufgestanden sind. Zwar steht Schachtar Donezk für die Konterrevolution und die Rückwärtsbewegung, die das Land längst wieder eingeschlagen hat, aber wer in Europa wusste das schon? Bevor Julia Timoschenko, die einstige Ikone der Orangenen Revolution, zum viel beachteten Opfer des ukrainischen Staates wurde, der ja in den Händen der Oligarchen steckt (wenn auch zwischenzeitlich in ihren eigenen, die – dem Vernehmen nach – auch nicht besonders sauber waren).

Fans von Schachtar DonezkFans von Schachtar Donezk: Die Vereinsfarben haben nichts mit der orangenen Revolution in der Ukraine zu tun
Foto Özgür Albayrak

 

Aber die beiden großen internationalen Fußballverbände, die UEFA, der europäische, und der Weltverband FIFA, öffneten mit ihren weitreichenden Entscheidungen (nach der EURO 2012 geht auch die WM 2018 wieder in die Region, nach Russland) einen gigantischen Markt, der von der deutsch-polnischen Grenze aus bis nach Wladiwostok, runter in die Krisenregion des Kaukasus und bis zur chinesischen Grenze reicht. Es geht um Sportartikel, milliardenschwere Fernseh- und Markenrechte, um eine professionelle Erschließung der Champions und Europa League in eine Richtung, die vielen lange Zeit als nicht beachtenswert galt. Es geht um sehr viel Geld. Denn Fußball ist eine Konsumware, die jeder haben möchte, der in Europa mitmachen will. Längst wird die Hymne, die sich zu den Spielen der Champions League verbreitet, als verbindende europäische Hymne wahrgenommen. Das soll sie wohl auch. Freude schöner Götterfußball!

Ronaldo ersetzt Madonna und Sylvester Stallone
Denn die UEFA ist ein zentraler politischer Akteur auf dem Kontinent (auch wenn sie das stets abstreitet), zumal in jenen Ländern, die nicht Mitglied der EU sind. Wie in der Ukraine, wo Uefa-Präsident Michel Platini als eine Art europäischer Superstaatschef verstanden wird. Aber sein Fußballgeschäft funktioniert auch ohne Menschenrechte. Und längst hat die Champions League in vielen Ländern Ost- und Mitteleuropas die starke Anziehungskraft übernommen, die in früheren Zeiten von der US-amerikanischen Popkultur ausgegangen ist. Ronaldo hat Madonna und Sylvester Stallone verdrängt. 

Auch der junge Traceur, der auf dem Theatervorplatz im ostukrainischen Charkow akrobatisch über die Betonklippen der sowjetischen Architektur springt, lebt keine amerikanische Straßenkultur nach: Er steckt in einem stylischen ausgehfähigen Trainingsanzug aus dem fränkischen Herzogenaurach und bewegt sich in der aus Paris stammenden Sportart Parkour. Nicht von ungefähr gehört Adidas zu den entscheidenden Triebkräften im ukrainischen Fußballgeschäft. Es gibt kaum eine Stadt, in der die trendy gestaltete Adidas-Filiale nicht in Toplage residiert. Selbst das Büro des nationalen Organisationskomitees der EURO 2012 in Kiew wirkt wie ein Adidas-Shop; so blickt OK-Chef Markian Lubkiwski auf eine komplette Wand mit signierten Adidas-Fußbällen. 

Während sich Polen, als vollwertiges Mitglied der Europäischen Union (EU), auch über den Fußball weiter demokratisiert, wirkt der Fußball in der Ukraine ebenfalls als Verstärker – er manifestiert die herrschenden Verhältnisse. Dient als Machtmittel der Oligarchen, die das Land als ihre Privatangelegenheit missbrauchen. Die großen Klubs Dynamo Kiew, Metallist Charkow, Dnjepr Dnjepropetrowsk, und Schachtar Donezk sind reale Machtzentren. Unter ihren Wappen versammeln sich Politiker und Oligarchen zu privat geführten Clans, die den Staat aushöhlen. Ihre Verbindung mit der UEFA wirkt hier gleichermaßen den zarten Einflüssen einer demokratischen Kultur entgegen. Und Russland missbraucht den Fußball, wie den gesamten Sport, zu seiner weiteren Großmachtwerdung.

Natürlich sind die erwähnten ukrainischen Klubs – ebenso wie die Klubs der russischen Premier Liga – für ausländische Fußballer äußerst lukrativ: Transfersummen und Handgeld sind überdurchschnittlich hoch, Spielergehälter enorm und steuerfrei: Dabei treiben das autoritäre Russland und die ukrainische Oligarchie die sportlichen Leistungen aber nur an, weil sie dem eigenen Machterhalt nutzen. Die Spieler werden als Leistungsdarsteller dieser Systeme instrumentalisiert. Damit muss jeder Fußballer leben, der sich für einen Wechsel zu Schachtar Donezk oder Rubin Kasan entscheidet. Und auch UEFA und FIFA haben sich mit der bevorstehenden EURO 2012, auch mit der WM 2018, entschieden, diese Zustände zu unterstützen. Soll keiner sagen, sie hätten bei dem jeweiligen Pakt, den sie geschlossen haben, nicht gewusst, auf wen sie sich eingelassen haben.



 

Olaf Sundermeyer
Auf der Trainerbank des Finalstadions, dem Olympiastadion in Kiew: Olaf Sundermeyer
Foto Olaf Sundermeyer

 

Tor zum OstenOlaf Sundermeyer: Tor zum Osten, Werkstatt Verlag, 12,90 Euro, ISBN-13: 978-3895338533



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