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INTERVIEW
„Ich wünsche mir den Mut zu einem weiblichen Klubvorstand“
Von 1955 bis 1970 war Frauen in Deutschland das Fußballspielen noch offiziell untersagt. Denn der Deutsche Fußball-Bund fürchtete damals um die Unversehrtheit der Damen und verkündete: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“ Doch die Zeiten haben sich geändert: Mädchen und Frauen kicken heute nicht nur mit Hingabe selbst, sondern verfolgen auch als Fans begeistert den Männer-Fußball. Frank Dopheide, Experte für Markenführung, erklärt, warum das so ist.


Mädchen beim FußballVoll im Trend: Mädchen im Stadion Foto Pixathlon



Herr Dopheide, lassen Sie uns darüber sprechen, wie Frauen und Männer Fußball schauen. Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?
Frank Dopheide: Unbedingt. Frauen verfolgen den Fußball kommunikativer und machen andere Dinge nebenbei. Jungs sind deutlich mehr auf den Fußball selbst konzentriert. Jungs sind an Zahlen und Fakten interessiert, die wollen wissen: wie viel Pässe, wie viel Punkte, wie viel Abstand zum Nächsten – das ist für Frauen alles nicht so wichtig.

Wie wichtig ist es für beide Geschlechter, zu gewinnen?
Dopheide: Für Jungs ist das fast lebenswichtig, Mädels sind da entspannter. Nehmen wir den FC St. Pauli, der bei Frauen sehr beliebt ist. Dort sind die Fans zwar traurig, wenn der Klub verliert, wissen aber: Selbst wenn der Verein absteigt, zerbricht er nicht daran. Die Fans bleiben, das Stadion ist nächste Saison wieder voll und eigentlich hat sich außer der Ligazugehörigkeit nichts geändert. Das ist bemerkenswert.

Welche Vereine sind noch sehr gefragt bei Frauen?
Dopheide: Mainz 05 steht für Kreativität, Freude und Offenheit. Das sind sehr weibliche Merkmale – im Gegensatz zu Ruhm oder Dominanz, die auch mit Fußball verbunden werden, aber eher zur männlichen Denkweise gehören. Oder nehmen Sie Werder Bremen, das angesichts der Konstanz auf der Führungsebene für Zusammenhalt, Zugehörigkeit und Freundschaft steht. Das sind ebenfalls Inhalte, mit denen sich Frauen identifizieren können.

Dass die Stadien moderner geworden sind und Public Viewing aufgekommen ist – sind diese beiden die relevanten Triebfedern, weshalb sich immer mehr Frauen für Fußball interessieren?
Dopheide: Sicher spielt das Sommermärchen der WM 2006 eine wesentliche Rolle. Doch noch etwas anderes ist entscheidend: Das Gesellschaftsbild hat sich geändert und damit auch das Selbstverständnis der Geschlechter. Noch vor zwanzig Jahren durften nur die Söhne zusammen mit Papa zum Fußball. Gerade dieses erste gemeinsame Stadionerlebnis begründet oft die Liebe zum Fußball. Doch davon waren Mädchen früher meist ausgeschlossen, somit war es bewusst nicht ihre Welt. Das führte zu Abstand und Abneigung. Heute ist Fußball ein spaßiges Gemeinschaftserlebnis, ein ganz wichtiger Aspekt gerade für das weibliche Geschlecht.

Können Sie zeitlich bestimmen, seit wann dieser Umdenkprozess eingesetzt hat?
Dopheide: Ich glaube, das Männerbild hat sich geändert, als das klassische Rollenverständnis aufgehoben wurde – á la „ich gehe arbeiten und verdiene das Geld und du bleibst zuhause und erziehst die Kinder“. Vor fünfzehn Jahren fing das etwa an, vor zehn Jahren hat es richtig Fahrt aufgenommen. Plötzlich waren auch Töchter akzeptiert und durften mit Papa ins Stadion. Und seit dieser Zeit hängen sie ebenfalls an der „Fußballnadel“. Auch die Jungs habe ihre Sichtweise geändert. Hieß es früher: „Bleib’ Du zuhause, ich gehe mit meinen Kumpels ins Stadion“, durften die Freundinnen nun mit. Somit gab es eine physische Annäherung zum Thema: „Guck’ mal, jetzt gehöre ich auch dazu.“

Männer fühlen sich also nicht bedroht auf ihrem einst ureigenen Terrain?
Dopheide: Ganz im Gegenteil, Jungs finden die Entwicklung gut. Sie machen sie mit. Denken Sie mal zurück: Früher saßen Vater und Sohn samstags alleine und andächtig vor der Sportschau. Entweder durfte frau währenddessen gar nicht ins Wohnzimmer oder nur dann, wenn nichts gesagt und nur leise geatmet wurde. Heute malen sich die Jungs an, setzen sich Perücken auf, gehen nach draußen, schauen das Spiel mit anderen und umarmen die, die sie gar nicht kennen. Dazu kommt auch ein Wandel bei den Spielern selbst.

Und der fällt wie aus?
Dopheide: Heute gibt es vermehrt Fußballspieler, die Jungs und Mädels gleichermaßen gut finden. Weil die Jungs denken, „och, das ist ein guter Typ und ein guter Kicker“ und die Mädels finden, „der sieht auch noch gut aus und redet nett. Außerdem hat der drei Kinder und kann sich vernünftig artikulieren, das gefällt mir auch.“ Wenn die Spieler noch Interessen abseits des Fußballs haben, sind sie mir näher, als jemand, der bloß durch rohe Gewalt Kopfballtore macht. Und darauf kann man sich einigen. Das war vor fünfzehn Jahren noch nicht möglich, da gab es noch getrennte Welten.

Ist das nicht zu schwarz-weiß gedacht? Interessieren sich Mädchen nicht auch für das rein Sportliche, anstatt nur für die Dinge neben dem Rasen?
Dopheide: Das bestreite ich gar nicht. Doch tatsächlich schwarz-weiß gedacht wird bei den Spielerfrauen. Sie werden bisher wie Dekoration zu den Spielern bewertet: Sie sehen hübsch aus und dürfen auch im Stadion in der ersten Reihe sitzen. Damit schafft man aber keine Identifikation, sondern dann, wenn man zeigt, dass auch bei ihnen der Druck hoch ist, dass sie ebenfalls Kinder haben und mit den gleichen Problemen wie jederfrau zu tun haben. Dann lassen sich auch andere Frauen ansprechen, die sich bisher nicht für Fußball interessieren.

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, noch mehr Frauen für den Fußball zu gewinnen?
Dopheide: Fußball ist letztlich noch immer eine Männerdomäne. Ich wünsche mir den Mut zu einem weiblichen Klubvorstand oder einer Sponsoringbeauftragten. Das könnte frische Denkansätze bringen. Die Begeisterung von Frauen für den Fußball ist noch längst nicht ausgereizt.



Frank DopheideFrank Dopheide ist geschäftsführender Gesellschafter bei Deutsche Markenarbeit GmbH und war zuvor Chairman der renommierten Werbeagentur Grey. Dort verfasste er die Studie „Die Welt wird weiblich.“



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