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RÜCKBLICK
Als Dunga in die Bundesliga kam: General nach Solariumsbesuch
Es war im Sommer 1993 wohl der spektakulärste Transfer der Bundesliga: Carlos Dunga, seinerzeit der Kapitän der Seleção, heuerte beim VfB Stuttgart an, feierte einen Einstand nach Maß und verzückte mit einem Traumtor das Schwabenland. Sebastian Knoth erinnert sich.


Carlos Dunga
Kapitän der Seleção: Carlos Dunga, Profi beim VFB Stuttgart von 1993 bis 95.
Foto Pixathlon


Alles begann mit einem leichten Ziehen in der Magengrube, gefolgt von einem Herzstechen. Im zarten Alter von neun Jahren bekam ich zu spüren, dass das sonst so amüsante Dasein eines Fußballfans gelegentlich auch körperliche und seelische Beschwerden mit sich bringt. Als Anhänger des VfB Stuttgart starb im Oktober 1992 etwas in mir. Eine Empfindung, die man wohl als Frohsinn, Heiterkeit oder ganz einfach als Glück beschreiben könnte.

Der Grund für mein Unwohlsein: Im Vormonat September hatte der VfB den englischen Meister Leeds United im Erstrunden-Hinspiel der neu ausgetragenen Champions-League im Neckarstadion mit 3:0 vom Platz gefegt und dabei das gefürchtete Offensiv-Trio um Gary McAllister, Eric Cantona und Gary Speed kalt gestellt. So weit, so gut. Und auch im Rückspiel lief eigentlich alles nach Plan: Zwar verloren die Mannen um Meister-Trainer Christoph Daum mit 1:4 deutlich, doch dank des Auswärtstreffers von Andreas Buck in der 34. Minute schien das Weiterkommen erreicht: „Bucks Tor lässt die Schwaben schweben “ , titelten die Zeitungen wenige Stunden später.

„Meine Mannschaft, der erste deutsche Vertreter in der Champions-League “ , dachte ich und prahlte mit einem Cola-Glas in der Hand vor den zahlreichen Bayern-Kutten-Trägern in der Dorfkneipe. Das Problem: Meine Schwärmerei währte ungefähr so lange wie das Leben einer namibischen Obstfliege am Nordpol. Binnen weniger Stunden riss man mich von meiner Glückswolke in ein Tal des Schmerzes, in dem sich nach meinen infantilen Vorstellungen üblicherweise nur Anhänger von Fortuna Köln oder dem Hallescher FC wiederfanden. Eine Hiobsbotschaft jagte die nächste. Erst wurde publik, dass Christoph Daum nicht bis vier gezählt und beim Rückspiel einen Ausländer zu viel eingewechselt hatte. Eine dritte Partie im Camp Nou wurde von der UEFA angesetzt. Meine einstigen Freudentränen hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst in kindlichen Angstschweiß verwandelt. Und dann kam es noch derber: In Barcelona verlor der VfB Stuttgart vor einer Trauerkulisse von 15.000 Zuschauern mit 1:2 und verspielte so die sichere Teilnahme an der Gruppenphase der Champions-League. Innerhalb von zwei Wochen hatte sich der Verein vom Neckar aufgrund eigener Unzulänglichkeiten zum Gespött der ganzen Nation gemacht. Diesem Werdegang verdankte ich meine erste fußballbedingte Depression, ich durchlebte höllische Qualen und jeder Zeitungsartikel über das Spiel glich zudem einem Tritt in die Weichteile: „Meisterlicher Ruin – Zeigen wollte der VfB Stuttgart Fußball-Deutschland, dass er zu Recht den Titel holte in der Schlussminute der letzten Saison, und nicht mit Glück und fremder Hilfe “ , hieß es in der „SZ“ . „Gezeigt hat er aber nur Nerven und, dass er im Wettbewerb von Europas Elite nicht viel zu suchen hat.“

Ab diesem Moment berechnete man in Stuttgart das Fußballgeschehen ungewollt nach einer neuen Zeiteinheit. Fortan wurde die Klub-Historie in vor und nach Leeds eingeteilt. Vor Leeds hatte der VfB als Deutscher Meister über dem Rest der Liga gethront, nach Leeds drohte plötzlich der Abstiegskampf. Alles nach Leeds tat irgendwie weh, erregte Angstgefühle, verursachte Argwohn.
Gab es einen Ausweg aus dieser prekären Lage? War Daum noch der richtige Trainer? Hatten Haudegen wie Fritz Walther, Eike Immel oder Guido Buchwald ihren Zenit möglicherweise schon überschritten? Würde ich das Trauma von Leeds je vergessen können?

Mich plagten diese Fragen. Ich verspürte auf einmal eine große Leere, aber an Ablenkung durch Frauen oder Alkohol war ob meines unschuldigen Kindesalters nicht zu denken. Auch beim VfB spitzte sich die Lage anno 1993 immer mehr zu. Im Nu befand sich der Klub in einem erschreckenden Zustand. Die Mannschaft spielte nach dem Abgang von Matthias Sammer gen Mailand weit unter ihren Möglichkeiten, Meistertrainer Christoph Daum verlor peu à peu sein Image als Wunderheiler und bei den Spielern rumorte es gewaltig: „Die Mannschaftsaufstellung bei uns ist eine einzige Wurstelei“, beschwerte sich Kapitän Guido Buchwald über die chaotischen Verhältnisse.

Nachdem ich fast ein Jahr lang diese bedauernswerte Situation miterleben musste, verbesserte sich mein Gemüt überraschenderweise am 6. Spieltag der Saison 1993/1994 schlagartig. Ich erinnere mich, dass auf der roten Tartan-Bahn des Neckarstadions braungebrannte Brasilianerinnen zu Samba-Rhythmen ihre Hüften schwangen. Die Zuschauer lachten wieder. Es herrschte Aufbruchstimmung unter den Anwesenden, da die Verantwortlichen um Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder endlich den mehrfach angekündigten Königs-Transfer des Sommers präsentierten. Einen gewissen Carlos Caetano Bledorn Verri. Kurz: Dunga. Letzter Verein: Pescara Calcio. Ablösesumme: stolze 4,5 Millionen Mark.

Aber als sich besagter Dunga zwischen den wirbelnden Tanzmäuschen auf den Rasen schlängelte, war ich irritiert. Dieser Mann mit Igel-Haarschnitt und Litfaßsäulen-Schenkeln sollte ein Brasilianer sein? Für mich entsprach er eher einem deutschen Bundeswehr-General nach einem Solariumbesuch. In meiner kleinen Phantasiewelt zauberten brasilianische Spieler mit dem Ball, schossen Traumtore, sie bewegten sich geschmeidig, waren Künstler. Dunga hingegen grätschte, ordnete die Abwehr als defensiver Stratege, vermied akrobatische Kunststücke und besaß einen Schuss wie ein Zuchtbulle.
Was ich während der Anfangsviertelstunde noch nicht wissen konnte, der Typ hatte dem Stuttgarter Spiel gefehlt. Zumindest in dieser Partie. Ein Spieler, der sprach, ohne zu reden, organisierte, ohne zu befehlen und schoss, ohne zu denken. Und genau diese Fertigkeiten offenbarte mir Dunga in der Nachspielzeit. Kurz zuvor war der Gast aus Dortmund in der Schlussminute in Führung gegangen. Geschockte Gesichter. Nicht aber bei dem Spieler mit der Trikotnummer 8: Dunga. Vor einem Freistoß entriss er seinem verdutzten Kollegen Ludwig Kögl in der 94. Minuten den Ball, nahm gefühlte neununddreißig Schritte Anlauf, ignorierte Anweisungen von der Seitenlinie und erzielte mit einem fulminanten Kanonen-Schuss aus 30 Metern  den Ausgleich.

Was nach diesem kühlen Septembernachmittag geschah, ob Dunga in den folgenden Wochen und Monaten gut spielte, warum der VfB am Saisonende nur auf Platz 7 landete, warum Dunga zwei Jahre später nach Japan wechselte, das weiß ich heute nicht mehr. Aber eines ist sicher: Dank Dunga vergaß ich das Trauma von Leeds.

Carlos DungaDa ist das Ding: Carlos Dunga mit dem Weltpokal nach dem Finale 1994 Foto Pixathlon



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