A N Z E I G E

Zurück  |  

GEDENKEN
„... sonst gehst du am Jud zu Grunde“
Der 1. FC Nürnberg gedenkt seines von den Nazis vertriebenen ehemaligen Trainers Jenö Konrad – dank einer Initiative der eigenen Ultras. Von Christoph Ruf, Nürnberg.


Almog Cohen
Profi beim 1. FC Nürnberg: Almog Cohen, israelischer Nationalspieler. Foto Pixathlon


Almog Cohen war sichtlich bewegt. Was er gerade von Evelyn Konrad, dieser „wunderbar charismatischen Frau“ gehört hatte, hatte den israelischen Nationalspieler in Diensten des 1. FC Nürnberg ebenso tief beeindruckt wie die rund 200 Gäste, die am Dienstag Abend ins FCN-Clubzentrum gekommen waren, um zu hören, was die in New York lebende Tochter von Jenö Konrad zu berichten hatte.

Konrad, der 1978 in New York starb, war von 1930 bis 1932 Trainer des fränkischen Traditionsvereins. Nach einem geifernden Pamphlet („Klub, gib dem Trainer eine Fahrkarte nach Jerusalem, sonst gehst du am Jud zu Grunde“) im von NSDAP-Gauleiter Julius Streicher herausgegebenen „Stürmer“ beschloss Konrad, Deutschland zu verlassen – seine Frau fürchtete um ihr Leben. Er fliehe „wehmütig und mit viel Herzweh“, schrieb er. Es sollte 81 Jahre dauern, bis die damals dreijährige Evelyn Nürnberg wiedersehen sollte.

Zeit, sich nach dem Interkontinentalflug auszuruhen, brauchte die 84-Jährige am Montag Abend nicht, stattdessen ließ sie sich von Katharina Wildermuth erst einmal die Stadt zeigen. Die Frau, die mit 77 Jahren ein Jurastudium beendete, ist eben rüstiger als die meisten ihrer Altersgenossinnen.
Dieser Eindruck bestätigte sich am Dienstag vollauf. Die Zuhörer, darunter Ex-Präsident Michael A. Roth, Ex-Trainer Hans Meyer, das Trainerteam und zahlreiche aktuelle Club-Spieler, hörten gebannt zu, als Konrad in perfektem Deutsch von der Odyssee der Trainer-Familie berichtete, die von Nürnberg über Wien, Triest, Lille und Lissabon schließlich in die USA geführt hatte. „Ich freue mich wieder hier zu sein, es ist sehr ehrenwert, was der Verein tut.“

Manager Martin Bader, der die Veranstaltung eröffnet hatte, verlieh Jenö Konrad post mortem die Ehrenmitgliedschaft, nahm den Aufnahmeantrag von Tochter Evelyn entgegen und annulierte symbolisch alle Vereinsausschlüsse, die der 1. FC Nürnberg in eilfertiger Umsetzung des NS-„Arierparagraphen“ umgesetzt hatte. Wie schamlos der FCN dabei vorgegangen war, hatten die Recherchen des Nürnberger Journalisten Bernd Siegler ergeben. Das Schreiben, in dem jüdischen Mitgliedern wie dem Kaufmann Franz Anton Salomon ihr Vereinsausschluss zum 1. Mai mitgeteilt wurde, datierte vom 28. April und begann mit der zynischen Formel, „Wir beehren Sie, davon in Kenntnis zu setzen...“. Als Salomon das Schreiben aus dem Briefkasten holte, fand er neben dem Kuvert einen Freifahrtschein der Reichsbahn „nach Jerusalem – hin und NICHT wieder zurück.“ Im April 1933 war der Club, der vorher stolz auf seine kosmopolitische Tradition gewesen war, also voll auf NS-Linie. Später als 1860 München, das bereits 1932 seine Vereinskorrespondenz mit „Heil Hitler“ unterschrieben habe, so Siegler. Aber weit früher als Vereine wie der 1. FC Kaiserslautern oder Eintracht Frankfurt, die bis 1936, bzw. 1937 noch jüdische Mitglieder hatten.

Dass der fränkische Bundesligist nun auch öffentlich Stellung zum damals geschehenen Unrecht bezieht, ist den Nürnberger Ultras zu verdanken. Die Fans hatten zum Heimspiel gegen Bayern München am 17. November, eine riesige Choreographie zu Ehren Konrads gestaltet. „Diese Geste gegen Antisemitismus und Rassismus wurde medial fast nicht gewürdigt“, sagte Bader, „offenbar interessiert es die Öffentlichkeit mehr, wenn sich irgendwo Rechtsradikale produzieren.“ Diesen Eindruck hat auch Christian Mössner von „Ultras Nürnberg“, der in einer Filmeinspielung die Entstehung der Choreographie über acht Wochen dokumentierte. „Dass wir Jenö Konrad geehrt haben, ist ein Signal nach innen und außen“, sagte Mössner, der die Aktion als klare Absage an Rassismus verstanden wissen will.

Almog Cohen hat in den vergangenen eineinhalb Jahren übrigens nie den Eindruck gehabt, dass es in dieser Hinsicht etwas klarzustellen gäbe. Anfeindungen habe er noch nie erlebt. In Israel wüssten viele Menschen nicht, „wie es in Deutschland wirklich ist. Deshalb sage ich dort in Interviews immer besonders deutlich, wie wohl ich mich in Nürnberg fühle.“



Zurück  |