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PORTRÄT
Flitzen für die Freiheit
Er setzte  Lionel Messi die katalanische Mütze auf und berührte bei seinem legendären Lauf übers ganze Spielfeld den WM-Pokal in Südafrika – bevor er von einem Sicherheitsmann zu Boden gerissen wurde. Jimmy Jump, berühmtester Flitzer der Welt, hat durch die Geldstrafen, die er wegen seiner unzähligen Läufe erhielt, einen Schuldenberg in sechsstelliger Höhe angehäuft. Aber er möchte nicht aufgeben, denn der Jump ist seine Kunst und sein Leben. Von Marc Andruszko, vom Onlineportal Schlenzer.

 

Jimmy Jump
Mitten drin beim Clásico: Jimmy Jump beim Spiel Real Madrid gegen den FC Barcelona  Foto Pixathlon

 

Es ist der Moment, wenn ein Raunen durch das Stadion geht, die Spieler das Spielen einstellen und Ordner nervös werden. Wenn er losrennt steht das Spiel für kurze Zeit still. Dann macht er sich das Stadion zu seiner ganz eigenen Bühne. Jimmy Jump, mit bürgerlichem Namen Jaume Marquet, ist unzählige Male durch das Fernsehbild des durchschnittlichen Fußballkonsumenten gerannt und hat dabei den Kameras sein T-Shirt „I feel free“ – ich fühle mich frei –, präsentiert. Die slapstickartigen Verfolgungsjagden mit den hinterher hetzenden Ordnern, die oft nicht mit dem Tempo des leidenschaftlichen FC Barcelona-Fans mithalten können, haben Menschen rund um die Welt zum Lachen gebracht. Seine Videos sind legendär, auf Facebook folgen ihm über 200.000 Fans. Wenn er über den Platz flitzt, meint man, er imitiere Iniesta oder Messi, die Stars seines Lieblingsvereins aus der Heimat, immer Haken schlagend, eine Körpertäuschung nach der anderen, dem Gegner stets einen Schritt voraus. Schaut man genau hin, sieht man einen Mann, der mit kindlicher Freude Fangen spielt. Er kostet den Moment aus, will so lange über den Platz rennen, wie möglich.

Wenn man den Begriff „Flitzer“ hört, sieht man unweigerlich klischeehafte Bilder vor dem inneren Auge: Bilder von bierbäuchigen, oberkörperfreien und angetrunkenen männlichen Fans, die für eine Minute Berühmtheit auf den Platz stürmen und sich öffentlich der Lächerlichkeit preisgeben. Oft mögen wohl verlorene Wetten hinter diesen Aktionen stecken oder schlicht machohaftes Gehabe. Vielleicht hat man sich beim Bier in der Eckkneipe vor dem Spiel hochgeschaukelt und die Kumpels glauben nicht, dass man die Nummer wirklich durchzieht. Es geht um männlichen Stolz und darum, nicht zurückzuziehen. Wenn man es aber philosophisch aufdröselt, geht es Flitzern im Kern darum, einmal im Leben etwas Verrücktes zu tun, einmal den routinierten Alltag hinter sich zu lassen und gegen den Strom zu schwimmen, unkonventionell zu sein, sich frei zu fühlen.

Viel ist über Jimmy Jump in den letzten Jahren geschrieben worden. Markus Lanz lud ihn zu seiner nächtlichen Talkrunde im ZDF ein und sprach mit ihm über das Flitzen. Dass Jimmy über 200.000 Euro Schulden durch das Flitzen angehäuft hat, weiß inzwischen ein Millionenpublikum. Jaume Marquet wurde in Barcelona geboren. Er hat als Buchverkäufer und Immobilienmakler gearbeitet bevor er seine Leidenschaft, das Flitzen, für sich entdeckte. Wir haben Jimmy Jump nicht nur bei großen Spielen gesehen, wo er unter anderem Lionel Messi  – der es ganz friedvoll über sich ergehen ließ –, die rote Mütze aufsetzte, sondern auch in einem ungarischen TV-Studio, wo er beim Wetterbericht für gute Laune sorgte. 2010 vollbrachte er das Kunststück, beim Eurovision Song Contest mit den Spaniern auf der Bühne zu tanzen. Ein besonderer Punkt in seiner Flitzerkarriere war sicherlich die Beinahe-Eroberung des WM-Pokals bei der WM in Südafrika.

Die Kunstfigur Jimmy Jump

Doch ist er ist nicht der typische Flitzer, der aufgrund einer Schnappsidee oder einer verlorenen Wette einmal im Leben etwas Verbotenes tun will. Im Gegenteil. Jaume Marquet sieht Jimmy Jump als Kunstfigur und will eine Botschaft von Freiheit, Liebe und Frieden in die Welt hinaustragen. Es sei nicht etwa seine Droge, nein. „Ich bin kein Verrückter“, stellt er klar und erklärt seine Leidenschaft damit, dass er einfach ein impulsiver Kerl mit einem großen Herzen sei. Er renne für die Freiheit, das sollen seine Läufe symbolisieren. Seine Aktionen haben dann auch ganz wenig mit den kopflosen Blödeleien von Spontanflitzern zu tun. Er analysiere vorher genau, wie er erfolgreich zu seinem „Jump“ komme. Erschwert werde das dadurch, dass er mittlerweile überall bekannt sei und man vor dem Stadion nach ihm suche. „Kurz vor dem Flitzen bin ich nervös wie ein Moderator vor der Fernsehsendung“, gesteht er.

Jimmy Jump geht bei seinen Aktionen mit einiger Kreativität zu Werke. Beim Eurovision Song Contest schmuggelte er sich mit einem Fernsehteam in die Halle und setzte sich einfach auf einen freien Platz. Aus Südafrika flog er in der First Class zurück. Auch dort fand sich ein unbesetztes Plätzchen für den mutigen Katalonier.

Strafe, Schadensersatz und Schulden

Obwohl offensichtlich viele Menschen Jimmy Jump mögen, bleibt er nach seinen Aktionen auf sich alleine gestellt. Dann kann ihm niemand helfen. Denn wenn Jimmy rennt, ist ihm bewusst, dass er in Gewahrsam genommen wird und sich danach der Justiz stellen muss. Es geht immer zumindest um Hausfriedensbruch, der finanziell noch am ehesten zu verschmerzen wäre, aber auch um exorbitante Schadensersatzansprüche: Denn Jimmy Jump bringt den Event Fußball, der in unserer Fußballwelt minutiös durchgeplant ist, aus den Fugen. Die DFL wacht mit Argusaugen darüber, dass die Sicherheit der Spieler, Schiedsrichter und Verantwortlichen im Stadion gewährleistet ist. Sie kann einen Verein mit einer Geldstrafe belegen, sollte diese Sicherheit nicht wie vorgeschrieben ausreichend gewährleistet sein. Vereine, die bestraft werden, versuchen wiederum zivilrechtlich Ansprüche gegen den Flitzer geltend zu machen. Hier handelt es sich dann regelmäßig um geltend gemachte Schadensersatzansprüche mit Beträgen im zumindest vierstelligen Bereich. Es geht vermutlich nicht nur um den Schutz der Akteure auf dem Spielfeld, sondern ebenso um die Zufriedenstellung von Unternehmen, die Unsummen für Werbeplätze und Bandenwerbung im Profifußball zahlen und es ungerne sehen, wenn ein Mann diese Plattform für sich nutzt, ohne dafür nur einen Cent bezahlt zu haben.

 

Jimmy Jump in BerlinSt. Pauli, Bier und Grünkohl: Jimmy Jump liebt den Winter in Berlin

 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das Flitzen soll an dieser Stelle nicht verharmlost werden. Ja, es handelt sich beim Flitzen mindestens um Hausfriedensbruch, ein strafbarer Tatbestand. Und ja, es gibt mit Sicherheit Verrückte, die eine potenzielle Gefahr für die Spieler darstellen könnten und die besser nicht über den Platz rennen sollten. Für Jaume Marquet aber ist das Flitzen als Jimmy Jump zur Berufung geworden. Das Fernsehen ist sein Medium, der Fußballplatz seine Leinwand, wo er seinen Traum lebt und seine Botschaft in die Welt hinausträgt.

Wege aus der Sackgasse

Er ist nach Deutschland gekommen, wo er den kalten Winter, Grünkohl, Berliner Kindl und den FC St. Pauli liebt, um sich endlich freizulaufen. Er möchte sich integrieren und neu anfangen: „Die Sprache ist schwierig aber ich besuche gerade einen Sprachkurs“.  Einen Anfang in die richtige Richtung machte er beim FlexStrom-Cup Hallenturnier in der Max-Schmeling-Halle Berlin, wo er engagiert wurde, um im Wettrennen gegen Fans zu flitzen. Er könnte regelmäßig von Fußballvereinen oder Eventveranstaltern gebucht werden, um der Menge einzuheizen. Und er könnte mit Jugendlichen und Kindern arbeiten, um ihnen seine Geschichte zu erzählen.

Jaume Marquet will nicht mehr der Flitzer sein, der Schadensersatz zahlen muss, um seine Kunst zu leben. „Ich kann und will so nicht mehr weitermachen“, sagt er. Jahrelang habe er jegliche Unterstützung von Sponsoren abgelehnt, weil er frei sein und sich nicht abhängig machen wollte. In der Hinsicht hat er seine eigene Botschaft vorgelebt. „All die Jahre, die ich trotz Widerstands und Schulden aus voller Überzeugung geflitzt bin, sind Grund genug, dass ein Unternehmen mir in irgendeiner Form Hilfe anbietet, um Jimmy Jump am Leben zu halten, zum Beispiel mit einer eigenen Kleidermarke oder den schnellsten Sneakers der Welt“, ist Marquet überzeugt. Er schaut optimistisch in seine Zukunft in Deutschland, wo er versuchen will sich endlich freizulaufen und den Schatten der Schulden abzuschütteln. Vielleicht wird er das mit der jugendlichen Leichtigkeit tun, mit der er über die Fußballplätze dieser Welt rennt. Es wäre ihm zu wünschen.

 

Jimmy Jump in BerlinDer neue Jimmy Jump: mit dem Maskottchen des 1. FC Union beim Berliner Hallenturnier Foto: Jimmy Jump



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