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EUROPA LEAGUE
Clevere Böhmen lassen Neapolitaner alt aussehen
Pilsen und Prag setzen in der Europa-League ZeichenVon Giovanni Deriu.

 

Edinson CavaniStutzen hoch nach der Blamage gegen Viktoria Pilsen: Edinson Cavani, Star des SSC Neapel
Foto Pixathlon

 

Das "Miracolo", auf das die Neapolitaner nach dem 0:3 von San Paolo bei Viktoria Pilsen so hofften, blieb aus. Mal ehrlich, um das Wunder von Pilsen zu schaffen, hätten die Spieler des einstigen Maradona-Clubs schon mehr tun müssen. Mit insgesamt 0:5-Toren (Hin- und Rückspiel) brach der SSC Neapel gegen Viktoria Pilsen ein, und die Böhmen zogen verdient ins Achtelfinale ein. Mit dem FC Viktoria ist weiterhin zu rechnen. Auch beim 2:0 von heute Abend in der Doosan-Arena von Pilsen, zeigte sich das Team von Trainer Pavel Vrba sehr laufstark, gut organisiert, und sich dennoch nicht verausgabend. Neapel musste ja kommen, offensiv mit einem 4:3:3 ließ Walter Mazzari seine Elf attackieren, wobei Edinson Cavani erst einmal auf der Bank saß. Seine Akkus waren leer, Bedenkzeit der schwachen Leistung aus dem Hinspiel wegen. Bei Fünf Grad unter Null dachte man, würden sich die Neapolitaner schnell heiß spielen - Pustekuchen, gerade mal eine halbe Stunde machten sie Dampf. Gegen das abgeklärte böhmische 4:3:2:1-System kamen Pandev, Insigne und Zuniga kaum an.

Torlos zur Halbzeit, dauert es ganze fünf Minuten bis das 1:0 für Pilsen fiel: Tor durch Jan Kovarik per Volleyschuss, vorbereitet vom abermals überragenden Außenverteidiger Frantisek Rajtoral. Cavani kam, doch Napoli gab sich früh auf. Mit einem schönen Schlenzer sorgte Tecl für den Einzug ins Achtelfinale. In Pilsens Altstadt  wurde noch lang gefeiert, während sich Neapel nun intensiv auf das Spitzenspiel gegen Juventus am 01. März vorbereiten kann. Ein neues Selbstbewusstsein macht sich in Tschechien breit, fußballerisch kann das kleine Land, in dem auch der Eishockey-Sport dominiert, in Europa wieder mitreden. Erst die Viktoria, und am selben Abend setzte auch Sparta Prag ein Zeichen, auch wenn es letztendlich beim FC Chelsea doch nicht für die Sensation reichte. Lafata brachte die Prager an der Stamford Bridge in Führung (17.), alles sah nach einer Verlängerung aus, als Hazard doch noch zum Ausgleich traf. Ganz Tschechien drückt nun Pilsen die Daumen.


Hinspiel: SSC Neapel - FC Viktoria Pilsen 0:3

Der SSC Neapel ist zwar der ärgste Verfolger von Tabellenführer Juventus Turin in der Serie A, doch die Stadt unterhalb des Vesuvs hat dennoch schon bessere Tage erlebt. In den 80ern und 90ern ließ Diego Maradona das Stadion brodeln, jetzt sollen es Stars wie Marek Hamsik, Edinson Cavani und Goran Pandev richten.

Viktoria Pilsen? Die Spieler von SSC-Trainer Walter Mazzari haben im Geiste wohl schon mit anderen Teams beschäftigt (vielleicht mit Borissow oder Fenerbahce, eines von beiden würde im Viertelfinale warten) – nur so kann man das Desaster gegen FC Viktoria Pilsen begründen. Immerhin hatten die Böhmen, derzeit Tabellenführer in der Gambrinus-Liga, in der Europa-League schon Atletico Madrid ausgeschaltet. Die tschechische Liga pausiert zwar noch, aber Trainerfuchs und Meistermacher Pavel Vrba hat seine Viktoria bestens eingestellt.

Unmittelbar nach dem Match, Tecl hatte gerade zum 3:0 für Pilsen getroffen, sprachen alle italienischen Journalisten und Spieler von einer "brutta figuraccia", von der schlechten Figur, die man abgegeben habe. Die Tschechen hätten "verdient" gewonnen, meinte auch der fast sprachlose SSC-Trainer Maazzari. Seine Spieler, besonders den Uruguayer Edinson Cavani, wolle Mazzari in Klausur schicken. Cavani, sonst enorm treffsicher und von halb Europa gejagt, gab eine erbärmliche Figur im eigenen Stadion ab. Bälle verstolperte er, und drei hochkarätige Chancen ließ er sich entgehen. Nicht besser erging es Dzemaiili und Pandev. Kurz, die Tschechen machten ihre Sache einfach gut. Diszipliniert ließen sie sich zurückfallen, um dann ebenso geordnet schnelle Spielzüge zu fahren. In Neapel staunte man nicht schlecht über die Laufarbeit in Vrbas Team. "Ja", gab Trainer Vrba später zu, "unser Spiel ist schon sehr laufintensiv". Pavel Pillar, der Pressesprecher, erklärte einigen auf Englisch: "Trainer Vrba ist ein Disziplinfanatiker. Er erlaubt zwar auch Freiheiten, aber wenn der Gegner am Ball ist, dann muss dieser von drei bis fünf Spielern umzingelt werden."

Nach einer halben Stunde traf Vladimir Darida ganz abgeklärt, Neapels Abwehr war kaum im Bilde. Frantisek Rajtoral ein offensiver Verteidiger sorgte elf Minuten vor dem Ende für die 2:0-Führung, der Rest in bekannt. Das Stadion San Paolo, manchmal wieder mit, aus Sicherheitsvorkehrungen, nur 60.000 (früher 85.000) Zuschauern ausverkauft, wirkte gegen Pilsen gähnend leer. Die Krise ist auch in Italien angekommen, 15.000 wollten die Tschechen sehen, darunter waren 800 Fans aus der böhmischen Großstadt angereist. Die feierten natürlich als gäbe es kein Morgen - genauso wie im Brauerei-Restaurant in Pilsen, dort waren alle Tische schnell reserviert. Zwei Großbildschirme zeigten das Match vom Vesuv.

Als die Chartermaschine von Smart-Wings, einer tschechischen Airline, Freitagmittag in Prag landete, wurde der Tross von ein paar Fanclubs frenetisch gefeiert. Trainer Pavel Vrba aber trat flugs auf die Euphoriebremse: "Vergesst nicht, wir haben noch ein Spiel! Neapel hat starke Spieler, die ein Spiel entscheiden können...". In Neapel einigte man sich auf folgende Sprachregelung: Nur ein "Miracolo" kann den SSC retten.

Giovanni Deriu, derzeit in Pilsen, beobachtet seit Jahren den italienischen und tschechischen Fußball, besonders den FC Viktoria Pilsen.



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