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FILM
Mit dem Charme des Ruhrgebiets
Wie im Sommermärchen: Für seinen gelungenen Dokumentarfilm „Weltklasse Kreisklasse“ hat Regisseur Daniel Huhn die Mannschaft von Genclikspor Recklinghausen ein Jahr lang begleitet. Von Matthias Greulich.

 

 

 Genclikspor Recklinghausen
Entspannung nach dem Heiratsantrag des Mitspielers: Die Erste Mannschaft von Genclikspor Recklinghausen ist gut drauf. Foto: Fietscher Film

 

Bei Genclikspor Recklinghausen regiert das Matriarchat. Das sagt Özcan Ermek, der diesen türkisch geprägten Klub im Ruhrgebiet vor 20 Jahren mit aufgebaut hat. Der Film „Weltklasse Kreisklasse“ zeigt deshalb eine Fitnessstunde, bei der Frauen im Kopftuch trainieren, Mütter die beim Grillen mit ihren Kindern bolzen und eine Lehrerin, die zwei Nachwuchskickern vor dem Training Deutschunterricht gibt. Die Hauptdarsteller des Dokumentarfilms sind allerdings die Spieler der ersten Mannschaft von Genclikspor. Sie sind talentiert, aber können das auf dem Platz zu selten umsetzen. Als Aufstiegsaspirant gestartet, droht zum Saisonende der Abstieg aus der Kreisliga A.

Özcan Ermek hat was dagegen. Er übernimmt das Traineramt und hält seinen jungen Spielern flammende Motivationsreden. „Wir sind viel zu stark um uns über da unten Gedanken machen zu müssen.“ Am meisten leidet Geschäftsführer Muharrem Gürbüz im Abstiegskampf. Er kassiert bei Genclikspor das Eintrittsgeld, wendet die Würstchen am Grill und macht den Stadionsprecher. Ein Spitzentyp, der in bester Ruhrgebiets-Tradition die Ärmel hochkrempelt, aber nun an der Seitenlinie hilflos zusehen muss.

Seltene Einblicke bietet der Film von Regisseur Daniel Huhn in das Alltagsleben der jungen Recklinghausener, die für Genclikspor spielen. Ähnlich wie die Nationalspieler in Sönke Wortmanns „Sommermärchen“ haben die 20-Jährigen bald vergessen, dass sie von einem Kamerateam begleitet werden. Sie rauchen eine Shisha und erzählen, wenn sie den Dampf der Wasserpfeife ausatmen, warum sie sich im ethnisch geprägten Klub wohlfühlen. Als sie zu einem Turnier nach Frankreich fahren, vermissen sie das Ruhrgebiet. Sie lassen sich auch filmen, als ein Mitspieler seiner Freundin einen Heiratsantrag macht: Die Mannschaft begleitet ihn zur Arztpraxis, wo die Freundin arbeitet und breitet ein Transparent aus. „Normale Recklinghausener Jungs", sagt Huhn, dem es mit seinem Film gelingt, die arg verkrampft geführte Integrationsdebatte auf den Boden des Ruhrgebiets zu holen. Und Daniel Huhn gelingt das Kunststück, den Spaß, den der Fußball in der Kreisklasse macht sowie den Frust rund um den Platz einzufangen, wenn Genclikspor ein wichtiges Spiel verliert.

 

Muharrem Gürbüz
Muss tatenlos aus seiner Sprecherkabine zusehen: Muharrem Gürbüz, Mann für alles bei Genclikspor Recklinghausen. Foto: Fietscher Film

 

„Die Wahrheit liegt nicht nur auf dem Platz"
Interview mit Regisseur Daniel Huhn über „Weltklasse Kreisklasse“.

RUND: Herr Huhn, Sie haben Genclikspor Recklinghausen ein Jahr lang begleitet. Wie haben die Mitglieder des Klubs Ihren Film aufgenommen?
Daniel Huhn: Da ich vom Verein insgesamt sowie allen Protagonisten einen großen Vertrauensvorschuss bekommen habe und ein Jahr lang, ohne Einschränkungen, in sportlich brisanten Phasen und privaten Momenten mit meinem Filmteam drehen durfte, war ich natürlich sehr gespannt, wie die Spieler und Ehrenamtlichen von Genclikspor den Film aufnehmen werden. Als die Stimmung bei der Vor-Premiere dann großartig war und sich in vielen Gesprächen nach der Filmvorführung abzeichnete, dass alle zufrieden mit und auch stolz auf den Film sind, war ich sehr erleichtert.
 
RUND: Sie zeigen den Alltag der jungen Mannschaft, die auf einem Turnier in Frankreich bereits die Heimat Recklinghausen vermissen. Sind die Fußballer weiter als es die oft arg verkrampft geführte Integrationsdebatte in Deutschland nahelegt?
Daniel Huhn: Ich glaube, dass das Einwanderungsland Deutschland generell weiter ist, als die Integrationsdebatten, die es führt. Im Fußball und speziell im Ruhrgebiet wird dies – wie der Film zeigt – in verschiedenen Momenten in besonderer Weise sichtbar. Etwa wenn die Spieler bei der Reise nach Frankreich die Vorzüge ihrer Heimatstadt Recklinghausen preisen oder wenn die französischen Fans, die Mannschaft von Genclikspor (die bei dem Turnier in Frankreich zu den Publikumslieblingen avancierten) im Finale mit „Allemagne! Allemagne!“ anfeuern.

RUND: Die Spieler reflektieren in Ihrem Film durchaus ihre Probleme mit Schiedsrichtern. Im „Stern“ gab es im Juni 2013 einen Insider-Bericht eines jungen Journalisten („Fußball brutal: Türken gegen Deutsche in der Kreisliga“) , der bei Selimiye Spor Dortmund mitspielte. Er beschreibt, wie ansonsten ruhige und umgängliche  Familienväter auf dem Platz ausrasten. Geht Genclikspor besser mit Aggressionen auf dem Rasen um?
Daniel Huhn: In der Tat habe ich den Verein so erlebt, dass dort viel Wert auf ein diszipliniertes Verhalten auf und neben dem Platz gelegt wird. Das klappt in einem so emotional geführten Sport wie dem Fußball sicherlich auch nicht immer – bei Genclikspor ebenso wenig wie bei anderen Vereinen in der Kreis- oder auch in der Bundesliga. Für den Film habe ich nicht primär nach den Konflikte auf dem Platz gesucht, aber ich habe diese auch an keiner Stelle bewusst ausgelassen. Ich denke, dass Ausschreitungen und interethnische Konflikte im Fußball gerade in den Medien oft besonders stark gemacht werden, ohne jedoch nach den Ursachen zu fragen. Wenn man über eine Saison am Platzrand bei einer türkisch geprägten Mannschaft steht, erlebt man wie viele Ressentiments und auch rassistische Provokationen auf und vor allem neben dem Platz. Das entschuldigt sicherlich nicht manche gewalttätigen Ausschreitungen, doch ich denke, dass die Ursachen für die Konflikte in den Kreisligen auch abseits der Formel vom „hitzigen Türken“, zu suchen sind. Kurzum, und frei nach Otto Rehagel: Ich glaube, die Wahrheit liegt – in dieser Frage – nicht nur auf dem Platz.
 
RUND: Als Zuschauer fragt man sich: Wieso ist Trainer Özcan Ermek in der Saison zurückgetreten?
Daniel Huhn: Das hatte im Wesentlichen private Gründe. Er musste für einige Zeit in die Türkei und konnte die Mannschaft zu der Zeit nicht zu hundert Prozent betreuen. Als der Trainerwechsel geschah, war ich im Rahmen eines anderen Projekts im Ausland und konnte das leider nicht einfangen. Daher war es für die Dramaturgie des Filmes und auch für den Saisonverlauf sicherlich sehr wertvoll, dass er nochmal zurückgekehrt ist.
 
RUND: Verfolgen Sie, wie sich Genclikspor in der laufenden Saison schlägt?
Daniel Huhn: Ja, ich bin immer noch im Austausch mit dem Verein. Wenn ich in der Gegend bin, schaue ich mir die Heimspiele im „Eintracht Stadion“ an. Ansonsten gucke ich dann Sonntagabends im Internet die Ergebnisse nach. Und in dieser Saison sieht es gut aus. Der Aufstieg in die Bezirksliga ist diesmal möglich. Es wird, wie auch im Film, wieder einmal spannend …

 

Weltklasse Kreisklasse, 96 Minuten, Regie Daniel Huhn, Kamera Klaus Betzl, DVD für 15 Euro zu bestellen

 



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