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TAKTISCHE FOULS
Foulspiel an der Idee
Es ist verpönt, aber dennoch kommt es immer wieder vor: Das taktische Foul gehört zum Fußball. Ein guter defensiver Mittelfeldspieler weiß genau, wann er dieses Mittel einsetzen muss. Und vor allem, wie er es vermeiden kann. Von Roger Repplinger

Foul

Gehört zum Fußball: das
taktische Foul Foto Hochzwei

Es gibt Fouls im Mittelfeld, die werden nicht begangen, um einen Torschuss zu verhindern, Frust abzubauen, den Gegenspieler zu stoppen, zu warnen, zu strafen, zu verletzen. Die werden begangen, um einen Konter, eine Torchance erst gar nicht entstehen zu lassen, indem man die Spielidee abwürgt. Taktische Fouls.

Thomas Schaaf kennt sie gut. In seiner Mannschaft steht mit Diego der meistgefoulte Spieler der Liga. Diego bekommt noch häufiger einen mit als Johan Micoud, der vorherige Spielmacher der Bremer, der den Ball blitzschnell abgab, als sei er glühend heiß und verbrenne ihm den Fuß. Je länger ein Spieler den Ball hält, je mehr Dribblings er riskiert, desto häufiger wird er gefoult. Diego ist ein großer Dribbler. Schaaf hat eine Statistik über die Fouls an Diego gelesen, aber er kommt nicht auf die Zahl. „Ich weiß nur noch, dass sie sehr hoch war“, sagt er.

Zu allen Zeiten waren es die Spielmacher, die taktisch gefoult wurden. „Was Wolfgang Overath, Günter Netzer und meine Wenigkeit auf die Socken bekommen haben, das geht auf keine Kuhhaut“, erinnert sich Paul Breitner, „weil die Spielmacher diejenigen sind, die eine Taktik umsetzen. Wenn ich da als Mannschaft keine spielerischen Gegenmittel habe, muss ich foulen.“

Diego ist nicht nur Spielmacher der Bremer, seine Fähigkeiten provozieren taktische Fouls: „Er ist in seinen Bewegungen schwer einzuschätzen“ sagt Schaaf, „er geht rechts wie links weg, er ist ein leichtfüßiger Spieler, er hat einen tiefen Drehpunkt, kurze Beine, ist flexibel, und dann ist er auch noch ein kräftiger Bursche – das macht es für Gegenspieler schwer.“ Die grapschen nach Diegos Trikot, nehmen die Schulter raus oder lassen ihn auflaufen. „Diego“, sagt Bayern Münchens defensiver Mittelfeldspieler Owen Hargreaves, „ist der Maßstab in der Bundesliga, er kann alles, was man auf dieser Position können muss.“ Im Ligapokal spielten die beiden gegeneinander „Das hat großen Spaß gemacht“, findet Hargreaves.

Das taktische am taktischen Foul ist, dass es weniger dem Körper gilt, sondern den Ideen im Kopf. Da man Ideen nicht treten kann, nimmt man stellvertretend den Körper, weil man mit ihm auch die Idee zu Fall bringt. Das geht so: Alle Mann des Gegners sind in der Vorwärtsbewegung, in all ihren Köpfen offensive Gedanken, und dann unterläuft ein Fehlpass. Ein Werder-Spieler bekommt überraschend den Ball, jetzt muss der Gegner umschalten. Das ist schwer. Der Ball landet bei Diego, der hat eine Idee, wie man die Situation ausnützen kann, und gerade als die Bremer Post dabei ist, abzugehen, kommt ihm ein haariges Bein dazwischen. Diego purzelt, der Schiedsrichter pfeift, Spiel unterbrochen, Idee kaputt.

In dem Moment, in dem sich ein Spieler zu einem taktischen Foul entscheidet, hat er den gleichen Gedanken wir der Spieler, den er foulen wird. Werders Kapitän und defensiver Mittelfeldspieler Frank Baumann sagt: „Das ist eine bewusste Sache. Ich weiß, wann eine gefährliche Situation droht, genau wie der Spieler, der gefoult wird. Ich sehe die eigene Schwachstelle und gehe davon aus, dass auch der andere sie wahrnimmt.“ Dass der defensive Mittelfeldspieler sich in dem Kopf des offensiven Mittelfeldspielers hineindenken kann, ist eine Sache der „Intuition, des Talents und des Trainings. Das kommt mit der Zeit, wie das Gespür, wann ich draufgehen muss und wann nicht“, sagt Hargreaves. Das taktische Foul ist das verzerrte Spiegelbild der Spielidee.

Aus der Sicht der foulenden Mannschaft geht es um Zeit. Zeit, um die Ordnung wieder zu finden, die Positionen wieder einzunehmen, durchzuschnaufen. Baumann sieht das taktische Foul „als Chance, die Löcher, die etwa durch einen Ballverlust entstanden sind, zu stopfen“. Zu taktischen Fouls muss es nicht kommen, wenn die eigene Mannschaft auch bei Ballverlust gut organisiert ist. Es gibt keine Situation im Spiel, die zwangsweise zum taktischen Foul führt: „Wer gut steht, braucht keine taktischen Fouls“, sagt Baumann, „wer gut steht, kann auf alles reagieren.“ Wer schnell genug ist auch, sagt Hargreaves: „Ich versuche, einen Spieler noch einzufangen, auch wenn er schon weg ist.“

Doch wenn eine Überzahlsituation droht, weil auch die schnellsten Beine nicht schnell genug sind, „dann kann ein taktisches Foul die letzte Chance sein, um die eigene Unterzahl zu vermeiden“, sagt Baumann. Es gibt Situationen, in denen Thomas Schaaf seine Spieler für ein taktisches Foul lobt, „wenn es in einem bestimmten Moment die beste Lösung war, weil es keine andere Lösung gab“. Es sind vor allem die defensiven Mittelfeldspieler, die zum Mittel des taktischen Fouls greifen. Das taktische Foul gehört zur Drecksarbeit, die sie dann und wann machen müssen, um Fehler auszubügeln, die an einer anderen Stelle im Spiel der eigenen Mannschaft entstanden sind.

Fouls sind unfair, aber nicht unmoralisch. Sie gehören dazu, sie sind ein Teil des Spiels. „Weil das schon immer so war, haben sich die Engländer im 19. Jahrhundert Regeln ausgedacht, die das Foul bestrafen“, erklärt Breitner. Etwas Unfaires richtig zu machen – auch das muss man lernen. Das Foulen muss man üben, das ist wie bei allem anderen im Fußball. „Es geht beim Foul nicht darum, den Gegner wegzutreten“, sagt Breitner, der den Begriff „taktisches Foul für einen Schmarren“ hält, und nur von Fouls spricht. Breitner hat mal in einem Buch gefordert, dass der Nachwuchs das Foulspiel erlernen muss, gerade um Verletzungen des Gegners zu verhindern, und sich dabei „fürchterlich das Maul verbrannt“. Frank Baumann formuliert es so: „Ein cleveres Foul ist, wenn man nur ein wenig am Trikot zieht, den Gegner etwas auflaufen lässt.“

Schaaf sieht das Perfide gerade in der scheinbaren Harmlosigkeit des taktischen Fouls: „Deshalb werden, entgegen der Regel, viele taktische Fouls doch nicht mit einer gelben Karte bestraft.“ Weil dieses Foul nicht dem Spieler, sondern nur der Spielidee wehtut. Oft ist es nicht mal die Häufigkeit der taktischen Fouls, die dazu führt, dass der Schiedsrichter Gelb zeigt. „Auch beim fünften oder sechsten Foul gegen Diego passiert nichts“, moniert Schaaf, „dabei müssen die Schiedsrichter irgendwann sagen: ,Jetzt reicht’s!‚Äò Tun sie aber nicht – jedenfalls nicht alle.“

Die Fouls üben, obwohl jedes für sich nicht schlimm ist, in der Summe doch eine Wirkung auf den gefoulten Spieler aus. Er landet für einen guten Einfall auf dem Rasen. Auf die Dauer kann ihn das zermürben, vielleicht hat er irgendwann die Schnauze voll und keilt zurück. Oder er wird angestachelt und versucht, es den anderen zu zeigen.

Breitner unterscheidet defensive Mittelfeldspieler, die ihren Körper einsetzen und häufiger zum Mittel des taktischen Fouls greifen, und solche, die gegen die Idee spielen, nicht gegen den Körper, und ohne taktische Fouls auskommen. Claude Makele vom FC Chelsea spielt fast körperlos, arbeitet mit Technik, Taktik und Strategie, wie etwa in der Bundesliga Andreas Ottl von den Bayern und Baumann. Inter Mailands Patrick Viera spielt robuster, wie etwa Baumanns Mannschaftskollege Torsten Frings in der deutschen Nationalmannschaft. Dann gibt es noch Spieler wie Hargreaves, die ihren Vorteil vor allem über sein Tempo suchen und dadurch weitgehend ohne Fouls auskommen. „Es gibt eben, wie auf jeder anderen Position, unterschiedliche Typen“, sagt Baumann, „ich versuche, es gar nicht erst zu gefährlichen Situationen kommen zu lassen, durch Zustellen der Laufwege. Wenn ich weiß, welche Idee der gegnerische Spielmacher hat, kann ich früh darauf reagieren.“

Hargreaves glaubt, dass die technischen, taktischen und strategischen Fähigkeiten eines defensiven Mittelfeldspielers zu den selbstverständlichen Voraussetzungen gehören und das Tempo international den Unterschied macht. „Vier bis fünf Bälle klaue ich pro Spiel“, sagt Hargreaves, und bekanntlich kann man nur Sachen klauen, die man ausbaldowert hat. Wenn der defensive Mittelfeldspieler weiß, was der Spielmacher plant und dann schneller handelt, „kommt er dadurch an den Ball“, sagt Breitner. „So habe ich das immer gemacht.“ Aber manchmal geht es nur anders. Eben durch ein taktisches Foul.



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