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ARSÈNE WENGER
„In mir lebt ein Japaner“
Bei Arsenal London hat er nicht zum ersten Mal eine junge Mannschaft aufgebaut, die einen begeisternden Fußball spielt. Lesen Sie im RUND-Interview, wie Arsène Wenger fast beim FC Bayern gelandet wäre und was er über den Tod und Politiker denkt. Interview Rico Rizzitelli.



Arsene Wenger
Seit dem 30. September 1996 bei Arsenal: Arsène Wenger Foto Pixathlon

 

RUND : Monsieur Wenger, wie sind Sie eigentlich zu Arsenal gekommen? Wann haben Sie David Dein, den ehemaligen Vizepräsident von Arsenal und denjenigen, der Sie nach England holte, kennen gelernt?
Arsène Wenger: Das war 1988, eher zufällig. Ich schaute mir am 1. Januar ein Arsenal-Spiel in Highbury an. Danach standen wir uns plötzlich gegenüber, und er lud mich ein. Seinerzeit trafen wir uns gelegentlich an der Cote d’Azur. Ich war Trainer bei Monaco, und er hatte ein Schiff, die „Take It Easy“. Und wenn ihm der Sinn nach take it easy stand, kam er an die Cote d’Azur, wo wir uns trafen, zusammen aßen, ohne jemals über Bestimmtes zu reden.

RUND: War Arsenal für Sie der passende englische Klub?
Arsène Wenger: Ich weiß es nicht, aber es war der Verein, den ich brauchte, als ich hierher kam. Kompromisse in der Freiheit meiner Arbeit kamen nicht mehr in Frage. Hier bin ich Herr meiner Entscheidungen. Gleichzeitig brauchte es eine gewisse Reife, um dem Druck standzuhalten. Ich war 47 und hatte wahrscheinlich genug Widerstandskraft, um das alles auf mich zu nehmen; zehn Jahre früher wäre dies vielleicht noch nicht der Fall gewesen.

RUND: Sie haben gegenwärtig eine unglaublich junge und talentierte Mannschaft und Sie verfügen über ein neues Stadion. Werden Sie in zehn Jahren noch hier sein?

Arsène Wenger: Ich argumentiere anders. Ich denke, den Klub wird es auch in zehn Jahren noch geben, mich aber nicht. Ich muss mich damit abfinden, dass ich in zehn Jahren 67 Jahre alt sein werde. Dies ist ein Job, der eine instinktive physische Kraft verlangt, die animalische Kraft des Willens siegreich zu sein. Das muss ganz tief in einem drinstecken. Aber mit dem Versickern des Testosterons, mit Arthritis und Arthrose, mit dem Altern kann sie verschwinden.

RUND: Kann ein Trainer von seinen Spielern zu viel verlangen?
Arsène Wenger: Die Befriedigung eines Trainers besteht darin, auf die Spieler zuzugehen und das Maximum aus ihnen herauszuholen, ihnen die Gewissheit zu geben, dass sie mit ihren vorhandenen Möglichkeiten etwas erreicht haben. Die Schwierigkeit in unserem Beruf ist es, präzise den eigenen Wert zu erkennen. Du kannst Meister sein und sagst dir, dass ein anderer Trainer es ebenso gut, wenn nicht besser hätte machen können. Meine in dieser Hinsicht größte Befriedigung war, dass ich 2003/04 nicht ein Spiel verloren habe. Aber vielleicht hat der Kerl, der in der gleichen Saison seine Mannschaft vor dem Abstieg bewahrt hat, größere Verdienste als ich erworben. Andererseits, keine Niederlage – es ist schon schwierig, es besser zu machen.

RUND: Was ist die Grundlage Ihrer Beziehung zu Ihren Spielern?
Arsène Wenger: Der Respekt und der Glaube an den anderen. Die Aufgabe des Trainers besteht darin, seinen Jungs zu sagen: „Mein Schicksal liegt in euren Händen, ich glaube an euch.“ Es ist eine Sache des Vertrauens. Wenn man eine Gemeinschaft bildet, braucht man eine Leitlinie, aber was der Trainer dann schließlich sagt, ist nicht so wichtig. Was zählt ist, was auf der anderen Seite passiert. Gewinnen die Spieler den Eindruck, dass sie für ihre eigenen Ideen spielen und kämpfen, dann sind wir in der Lage, Berge zu versetzen.

RUND: War das Restaurant Ihrer Eltern ein grundlegendes Element ihrer abgrundtiefen Leidenschaft für den Fußball?
Arsène Wenger: Davon bin ich felsenfest überzeugt. Ich glaube, dass alle Leidenschaften in der Kindheit entstehen, manchmal durch Ablehnung, manchmal aus Trotz, manchmal aus Begeisterung. Bei mir war es die Begeisterung, denn im Restaurant meines Dorfes gab es ein Komitee, das die Mannschaft für das Sonntagsspiel bestimmte. Donnerstagabends wurde im Restaurant die Aufstellung bekannt gegeben. Da musste ich dann denken: „Mensch, sie haben den genommen statt jenen, und der wird den linken Läufer spielen.“ Es ist schon merkwürdig, nicht wenige Trainer sind in Restaurants aufgewachsen.

RUND: Wovor haben Sie Angst? Vor dem Rückzug ins Privatleben, vor dem Tod?

Arsène Wenger: Das ist eine Sache, die mich andauernd beschäftigt. Vielleicht habe ich lange gelebt, ohne zu spüren, wie die Zeit vergeht. Hat man die 50 erreicht, wird einem bewusst, dass man den Gipfel überschritten hat. Man macht plötzlich die schmerzhafte Entdeckung, dass die Zeit, die einem noch bleibt, knapper wird. Dann fragt man sich, wie man die verbleibende Zeit nutzen soll. Was mich aber in meinem Leben wirklich antreibt, ist der Gedanke, dass ich morgen besser sein werde als heute.

RUND: Für Ihre Angehörigen muss es schwer sein, mit Ihrer Besessenheit für Ihre Arbeit zu leben.
Arsène Wenger: Es ist eine Tätigkeit für Leidenschaftliche, und das bedeutet, egoistisch zu sein. Darunter leidet mit Sicherheit die Umgebung. Solange man jünger ist, hat man weniger Abstand zu dem, was man macht, wie man lebt, und der Aufprall gegen die Mauer erwischt dich voll. Als Trainer bewegt man sich mental niemals im Mittelfeld. Entweder du bist ganz oben oder ganz unten. Man muss sich das Wissen aneignen, Enttäuschungen verarbeiten zu können, ohne die Hingabe aufzugeben. Das ist zweifellos die Bedingung, um als Trainer zu überleben. Jede Niederlage ähnelt einer enttäuschten Liebe. Wirst du fähig sein, erneut zu lieben? Seit eineinhalb Monaten spielen wir jeden dritten Tag. Du kommst aus einem Spiel und denkst an das nächste. Wenn du es im Leben eines Trainers etwas laufen lässt, dann ziehen sie dir am Samstag den Scheitel nach. Jeden dritten Tag absolvierst du eine Prüfung, und alle Welt spielt sich zum Richter auf. Was meine familiäre Existenz betrifft, sie ist wirklich nicht einfach. Meine Familie lebt autark, ich mische mich von Zeit zu Zeit ein, aber meine Tätigkeit frisst mir 90 Prozent meiner Tage.

RUND: Vor einigen Monaten hatten Sie an der Seitenlinie ein körperliche Auseinandersetzung mit Alan Pardew, dem damaligen Trainer von West Ham United, weil der sich so übertrieben über ein Siegtor in letzter Minute gefreut hat. War das das Ende des Japaners, der angeblich in Ihnen schlummert?
Arsène Wenger: Ja, es stimmt schon, es ist der Japaner in mir, insofern es ein Japaner als unehrenhaft empfindet, sollte jemand meinen, er habe nicht sein Bestes gegeben. Außerdem kontrolliere ich meine Gefühle ein wenig wie ein Japaner. Es gibt noch andere Facetten, die mir gefallen, zum Beispiel Sumo. Dabei gibt es kein Unentschieden, nur einen Gewinner und einen Verlierer. Ersterer zeigt, aus Achtung gegenüber dem Unterlegenen, niemals seine Freude über den Sieg. Hier dagegen springt dir der Typ ins Gesicht. Japan hat mich unter anderem gelehrt: „Sei bescheiden im Sieg, unterlass es, den Verlierer zu demütigen.“ Aber der Streit mit Pardew war dennoch nicht das Ende des Japaners, der in mir lebt, das können Sie mir glauben.

RUND: In gewisser Weise verkörpern Sie aber auch den europäischen Bürger.
Arsène Wenger: Es hat mich unglaublich schockiert, dass Frankreich gegen die europäische Verfassung votiert. Das Elsass hat mir den Geschmack Europas vermittelt. Nach dem Krieg wuchs ich im Hass auf Deutschland auf, aber nachdem ich die Brücke bei Kehl überqueren konnte, stellte ich fest, dass die Menschen auf der anderen Seite des Rheins sich von mir nicht unterschieden.

RUND: Später wären Sie fast in Deutschland gelandet.

Arsène Wenger: Ja, ich wäre beinahe dorthin gegangen, insbesondere zum FC Bayern. Ich kannte Deutschland. Ich war zum Teil mit dem deutschen Fußball groß geworden, der damals Europa dominierte, von den Bayern und die drei Europapokalsiege, vom Fußball von Borussia Mönchengladbach. Ich litt, denn jedes Mal wenn die Deutschen auf die Franzosen trafen, verloren wir. Im Elsass wurden wir nach dem Krieg zu einer unversöhnlichen Haltung Deutschland gegenüber erzogen. Ich wollte, dass Frankreich gewinnt. Inzwischen bin ich klüger.

RUND: Verfolgen Sie die politischen Prozesse?

Arsène Wenger: Die französische Politik verfolge ich sehr genau. Einerseits ein wenig als intellektuelles Spiel, ein wenig aber auch aus Überzeugung, selbst wenn heute das politische Schicksal eines Landes nicht mehr so sehr von der Persönlichkeit des einen oder anderen Lagers abhängt. Gleichzeitig finde ich es interessant, weil die wichtigen Politiker die Mentalität von Wettkämpfern haben. Wenn Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy an der Spitze ihrer jeweiligen Partei stehen, dann, weil den Appetit von Hochleistungsathleten haben. In diesem Sinne fand ich den Wahlkampf wirklich interessant.

RUND: Und in England, verfolgen Sie dort die Politik?

Arsène Wenger: In England interessiert sie mich weniger, da ich Franzose bin, aber ich beobachte sie ein bisschen, denn ich kenne Blair. Ich bewundere seinen politischen Mut. Man kann ihn kritisieren, aber das ist ein Bursche, der jedenfalls nicht kneift. Hat er die richtige Entscheidung für den Irak getroffen? Ich tendiere dazu, nein zu sagen. Aber er verantwortet sie.

RUND: Ist er ein Anhänger von Arsenal?
Arsène Wenger: Nein, er unterstützt die Magpies von Newcastle.

RUND: Wie ist Ihr Verhältnis zum Geld?
Arsène Wenger: Ich verdiene enorm. Ich habe aber kein besonderes Verhältnis dazu, denn ich hab mich niemals wirklich damit beschäftigt. Das einzige, was ich dem Geld zugute halte ist, das es eine Form von Sicherheit darstellt. Der Zufall wollte, dass ich die finanzielle Explosion dieses Spiels begleitet und davon profitiert habe. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal so genau, was ich im Moment verdiene, denn das hängt von den Ergebnissen ab, von möglichen Trophäen, davon, ob wir das Finale in der Champions League erreichen, und ähnliches. Aber auch wenn dies nicht so gekommen wäre, wäre ich heute derselbe Trainer.

RUND: Steht Ihre Karriere also auch für die Entwicklung des modernen Fußballs?

Arsène Wenger: Die Menschen lieben den Fußball und ihren Verein, beides ist miteinander verzahnt; heute jedoch befindet sich beispielsweise der britische Fußball in einem tief greifenden Wandel. Bisher wuchsen die Menschen an der Nuckelflasche des Klubs auf, und waren sie später in ihrem beruflichen und gesellschaftlichen Leben erfolgreich, dann kauften sie ihren Verein. Früher wurden Anhänger die Besitzer, heute gehören Chelsea, Manchester, Aston Villa, Portsmouth Investoren. Es handelt sich um einen grundsätzlichen Bruch mit der Tradition des britischen Fußballs. Aber da es in England möglich ist, Gewinne zu machen, sich zu kapitalisieren, ist sind solche Entwicklungen wohl unvermeidlich.

RUND: Sie sind sehr widersprüchlich, zugleich menschenfreundlich und sehr liberal. Zum Beispiel verteidigen Sie gewisse sehr liberale Ideen der G14.

Arsène Wenger: Hier gelten die Regeln des Wettkampfs. In der Elite kämpfen die besten gegen die besten. Das macht die Schönheit des Spektakels aus. Wer 50 Pfund für ein Fußballspiel bezahlt, dem muss man die bestmögliche Vorstellung bieten, denn er ist nicht gekommen, um sich zu langweilen. In diesem Zusammenhang frage ich Sie: Worin wohl besteht der Nutzen einer Nationalmannschaft?

RUND: Was wollen Sie damit sagen?
Arsène Wenger: Nehmen wir als Beispiel einen Verein wie Arsenal: 60 Prozent der Gehaltsmasse sind für die Spieler bestimmt. Doch heutzutage verbringen unsere besten Spieler eine ziemlich lange Zeit bei ihrer jeweiligen Nationalelf, werden aber für das ganze Jahr bezahlt, als ob nichts wäre. Das Interesse für den Wettkampf von Nationalmannschaften ist entweder Spitzenfußball zu bieten, den man in den Klubs nicht sieht, oder, weil es dem Nationalismus schmeichelt. Für mich existiert der erstgenannte Grund in 90 Prozent der Fälle nicht. Es tut mir leid, aber wenn Frankreich gegen die Färöer spielt, sehe ich nicht, was da fußballerisch von Interesse ist.

RUND: Qualifikationswettbewerbe sind obligatorisch; sie sind Teil der großen Wettkämpfe und die kleinen Nationen brauchen sie auch, um Fortschritte zu machen.
Arsène Wenger: Ja, aber diese Begegnungen machen 90 Prozent eines Wettkampfs aus.

RUND: Was genau deuten Sie da an?
Arsène Wenger: Was ich damit sagen will ist, dass ein rein fußballerisches Interesse schlicht und einfach begrenzt ist. Die Endrundenspiele sind zunehmend unausgewogen. Wenn die Weltmeisterschaft mit 32 Mannschaften, die Europameisterschaft mit 24 stattfindet, kann man nicht sagen, dass damit die Spiele qualitativ besser und interessanter werden. Sie sollen trotzdem nicht meinen, dass ich gegen internationale Wettkämpfe bin, denn diese schaffen trotz allem heutzutage größte Aufmerksamkeit und Publikum. Man sollte diese Wettkämpfe nur einmal überdenken.


Das Interview ist in RUND #21_04_2007 erschienen



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