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Wenn das Unbegreifliche geschieht  
Cristiano Ronaldo reckt die EM-Trophäe in den Himmel von Saint-Denis. Die Portugiesen sind nach dem verlorenen EM-Finale 2004 also doch noch Europameister geworden. Die Pressestimmen – gesammelt von indirekter-freistoss.de

 

 

Cristiano Ronaldo mit der EM-Trophäe
Cristiano Ronaldo mit der EM-Trophäe. Foto Pixathlon

 
Finn Rütten (stern.de) applaudiert: „An der Seitenlinie flippt ein bandagierter Ronaldo beim Siegtor völlig aus, bricht erneut in Tränen aus, während die Mannschaft in einer großen Traube ohne ihn feiert. Dann der erlösende Abpfiff. Es ist vollbracht! Für die Siegerehrung bekommt der leicht humpelnde Ronaldo seine Kapitänsbinde zurück. Das Team weiß, was er für diese Mannschaft geleistet hat, vor dem Turnier und währenddessen. Und so ist es Ronaldo, der den EM-Pokal in den Pariser Nachthimmel heben darf – und sich einreiht bei den anderen ganz Großen in der Geschichte des Fußballs.“

Matthias Becker (sport1.de) klatscht mit allen Portugiesen ab: „Dieser Triumph ist ein Sinnbild für das Geheimnis der Portugiesen, die ihrem Land erstmals einen großen Titel beschert haben. Diese Truppe von Trainer Fernando Santos besteht eben nicht nur aus Ronaldo und seinen zehn Hilfskellnern. Mit Portugal hat sicher nicht die aufregendste Mannschaft den Titel gewonnen. Unverdient ist der Erfolg trotzdem nicht. Santos hat es geschafft, ein Team zu formen, das als Gruppe hervorragend funktioniert.“

Carlos Ubina (Stuttgarter Zeitung) freut sich vor allem für den Coach der Portugiesen: „Dem Trainer ist es gelungen, eine Einheit zu bilden, die den egozentrischen Ronaldo einschließt – aber auch ohne ihn auskommt, wenn er sich wie am Sonntag verletzt. Santos ist es auch gelungen, eine Siegermentalität zu entwickeln – aller Kritik am defensiven Spielstil zum Trotz und der Geschichte ein Schnippchen schlagend: 2004 unterlag Portugal im EM-Finale von Lissabon dem Außenseiter Griechenland.“

Wer das EM-Finale gewinnt, ist Europameister

Christian Spiller (Zeit Online) bringt es auf den Punkt: „Auch wenn es vielleicht ein wenig überraschend kommt und einige meinen, es sei unverdient – die Regeln sind in diesem Fall unmissverständlich: Wer das EM-Finale gewinnt, ist Europameister. Da spielt es eine eher untergeordnete Rolle, dass Portugal während dieser EM eine Mannschaft war, die eher nicht Generationen von neuen Fußballern inspiriert haben dürfte.“

Während man in Portugal feiert, ist man in Frankreich fassungslos. Christoph Ruf (Spiegel Online) leidet mit: „Das Team von Coach Didier Deschamps hatte im Spiel ein halbes Dutzend richtig gute Torchancen – 17 Abschlüsse hatte die Équipe allein in der regulären Spielzeit, sieben davon kamen aufs Tor, den Portugiesen gelang das nur einmal. Doch spätestens, als der eingewechselte André-Pierre Gignac in der Nachspielzeit bei der Ballannahme alles richtig machte, den bis dato unbezwingbar scheinenden Keeper Rui Patricio überwand und dennoch nur den Pfosten traf, da dämmerte es vielen französischen Fans, dass dieses Spiel tragisch enden könnte.“

Thomas Hummel (SZ) steht nach Spielschluss mit großen Augen vor der Ehrentribüne: „Als das Undenkbare wahr geworden war, hatte man tatsächlich einmal einen unverstellten Blick auf die Charaktere dieser oft so glatten Branche. Im Moment der totalen Enttäuschung reagiert eben jeder anders. Blaise Matuidi, auf dem Spielfeld ein knochenharter Zweikämpfer und Schufter, kam oben auf der Haupttribüne an, am Laufsteg der Siegerehrung. Sein Körper bebte unrhythmisch, er heulte. Der schluchzende Matuidi gab all den Anzugträgern und Funktionären da oben die Hand, er weinte sie förmlich an. Die alten Herren wussten nicht recht, was sie nun tun sollten, sie blickten betreten, schüttelten seine Hand. Einer von ihnen hing Matuidi die Silbermedaille um den Hals. Der heulte einfach weiter.“

Irgendwann platzt diese völlig überhitzte Fußball-Blase

Tobias Schall (Stuttgarter Zeitung) braucht jetzt erst einmal eine längere Fußball-Pause: „In ihrer grenzenlosen Geldgier überfluten die Verbände die Welt mit Spielen, bis es selbst dem fanatischsten Fan irgendwann zum Hals rauskommt – übrigens geht das Bläh-Programm auch auf Kosten vieler anderer toller Sportarten, denen die Supermacht Fußball wie nun bei der EM wieder eine Woche abgeknöpft hat. Gefühlsmäßig ist das Limit erreicht. Irgendwann platzt diese völlig überhitzte Fußball-Blase.“

Auch Lutz Wöckener (Welt) hat die Faxen dicke: „Müde Profis und ein um acht Teilnehmer aufgeblähter Modus machten das Turnier zu einer zähen Veranstaltung. Viele Spieler befanden sich nicht mehr am Rande der Belastbarkeit, sondern darüber. Auf den Trikots stand Ibrahimovic, Müller, Sterling und Lewandowski. Doch darin steckten Stars, die wie Gespenster über den Platz huschten. Unfähig, nach 70 Saisonspielen noch einmal Spannung aufzubauen.“

 
 


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