A N Z E I G E

Zurück  |  

presseschau
Turnier der Basis  
Diese Euro zieht sich in die Länge, aber Teams wie Island bringen den Fußball zurück zu seinen Wurzeln. Die Pressestimmen – gesammelt von indirekter-freistoss.de

 

 

Fans aus Island
Behelmte Fans aus Island. Foto Pixathlon

 
Die Fans bei dieser EM kommen aus dem Feiern nicht mehr raus. Benjamin Kuhlhoff (Tagesspiegel) tanzt mit: „Isländer, Nordiren, Waliser, Ungarn, sie alle haben ihre einmalige Chance, bei einem großen Turnier dabei zu sein, in den Sommer ihres Lebens verwandelt. Man kann getrost von einem Comeback des 12. Manns sprechen. Von einer Rückkehr jenes Mythos’, der besagt, dass die Fans auf den Rängen die Profis auf dem Rasen zum Sieg brüllen können – und eben nicht nur, wie schon zu befürchten stand, als Kunden deklariert werden und zum Konsum diverser Fanartikel eingeplant sind. In den Reihen der Kleinen herrscht ganz offenbar eine extrem kraftvolle Mischung aus Anarchie und Euphorie, die sich zum aus der Kurve dröhnenden „Roar“ auftürmt und nominell chancenlosen Mannschaften übermenschliche Fähigkeiten verleiht.“ 

In Deutschland hingegen hält sich die öffentlich zur Schau gestellte EM-Begeisterung in Grenzen. Arno Makowsky (Tagesspiegel) berichtet aus Berlin: „Wo sind eigentlich die schwarz-rot-goldenen Fahnenmeere geblieben, die noch bei der WM vor zwei Jahren an der Fanmeile und bei jedem Public Viewing das Bild bestimmten? Und wo die Fans? Gerade 10.000 verirrten sich beim Spiel der Deutschen gegen Nordirland auf die lange Straße des 17. Juni – 2014 waren es noch mindestens dreimal so viele. Sicher, hin und wieder sieht man ein Auto mit den früher üblichen Fähnchen herumkurven, und gelegentlich sitzt auch eine fröhliche Mädchen-Clique mit schwarz-rot-goldenen Hawaiiketten in der U-Bahn. Mehr ist nicht. Das früher obligatorische „Schland“-Gegröle, es wirkt schal und wie von gestern.“

Schafft es ein Überraschungsteam ins Finale? Christian Eichler (FAZ) macht den Fußballzwergen Hoffnung: „Mit zunehmender Dauer ähnelt die EM einer Neuversion von Gullivers Reisen: erst Liliput, dann Brobdingnag. Erst der Besuch bei den Zwergen (Vorrunde), dann bei den Riesen (K.o.-Spiele). Wobei sich die Riesen des Turniers durch eine romanhafte Laune des kuriosen Modus‘ nun allesamt in der einen Hälfte des Tableaus wiederfinden – zwanzig WM- und EM-Titel versammelt in der einen, null in der anderen. So werden einige verbleibende Restzwerge günstiger denn je die Chance erhalten, am Ende einen EM-Finalisten zu stellen.“

Ach, wäre ich doch in Island geboren

Johannes Kopp (taz) fühlt sich an den Ursprung erinnert: „Wenn man so will, ist der europäische Fußball mit dieser EM der Basis so nah gekommen wie noch nie. Er ist weniger elitär. Manch ein mittelbegabter Fußballer mag sich in diesen Tagen denken: Ach, wäre ich doch in Island geboren. Und vermarkten lässt sich das Ganze – so der bisherige Eindruck – mindestens ebenso gut. Der Preis, den man dafür zahlen muss, ist eine retardierende Entwicklung auf dem Rasen: die Nordirlandisierung des Fußballs.“

Christian Spiller, Monika Pilath und Tobias Potratz (Zeit Online) langweilen sich: „Das spannendste war das Finale der Gruppe F und da spielten Ronaldo, Österreich und Island ums Weiterkommen. Die meisten Teams verteidigen in einer Zehnerkette ohne selbst anzugreifen. Ist zwar verständlich, wenn Außenseiter versuchen, gegen Mario Götze nicht unterzugehen. Ist aber auch sehr zäh. Ohnehin kommen zu viele Teams weiter. Neben den zwei Gruppenbesten ja auch noch vier Gruppendritte. Fürs Weiterkommen reichen schon ein Sieg und ein Unentschieden, wenn überhaupt. Habe ich diese Punkte in der Kiste, kann ich entspannen. Auszuscheiden ist schwieriger als weiterzukommen. Das führt, man ahnt es, zu niedrigem Spielniveau.“

Christian Schlüter (Berliner Zeitung) präsentiert sich schon zum Frühstück im Island-Trikot: „Bis zu 30.000 Isländer sollen sich bei der EM in Frankreich tummeln – das ist bei einer Gesamtbevölkerungszahl von rund 334 000 eine ganz beträchtliche Menge. Beinahe schon eine Völkerwanderung. Natürlich sind die Elfen da gleich mitgewandert. Das sich leerende Island kam ihnen nämlich selbst etwas unheimlich vor. Zwar gelten Elfen als menschenscheu, weil sie sich so wenig blicken lassen. Aber dieser Schein trügt, denn eigentlich sind sie immer dort, wo so richtig was los ist, zumal dort, wo Menschen sind. Zum Beispiel kickende Österreicher, mit denen man dann seinen Schabernack treiben kann. Oder glauben Sie wirklich, dass ein verstolperter Ball irgendetwas mit Zufall zu tun hat? Eben!“

Albanien wird wieder Albanien

Die halbe Tagesspiegel-Sportredaktion verabschiedet tapfer kämpfende Albaner: „Albanien wird wieder Albanien. Es war ja zwischenzeitlich leer, ein Land auf kollektiver Dienstreise anlässlich der Europameisterschaft in Lens, Marseille und Lyon, drei französische Gemeinwesen, die während der Gastspiele der Rot-Schwarzen den Status exterritorialer albanischer Gebiete annahmen. Keine andere Mannschaft hatte einen ähnlich lauten und emotionalen Anhang. Das lange Zeit abgeschottete Albanien hat bei seinem Debüt auf der internationalen Bühne so nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht wie zuletzt in Karl Mays imaginärer Reise „Durch das Land der Skipetaren“. Schade, dass es damit erst einmal vorbei ist.“

EM-Kicker mit Zahnschmerzen? Dann ab ins Hotel der Isländer. Christian Eichler (FAZ) weiß, an welcher Zimmertür man im Notfall klopfen sollte: „Viele der Männer, die mit ihren EM-Teams bisher positiv aufgefallen sind, hatten oder haben eine erstaunliche berufliche Zweitkarriere. So muss kein isländischer Spieler vor einer wichtigen Partie Angst vor Zahnschmerzen haben, denn Trainer Heimir Hallgrimsson ist Zahnarzt. Bisher betreibt er neben dem Job als Trainer des Nationalteams noch eine Praxis in der Heimat, wird sie aber aufgeben, wenn er nach der EM den Trainerjob, den er bisher im Duo mit dem Schweden Lars Lagerbäck ausübt, in alleiniger Verantwortung übernimmt.“

 



Zurück  |