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LÄNDERSPIEL-GESCHICHTE
Von der Fankurve ins Nationaltrikot
Gegen Belgien fand 1910 eines der kuriosesten Länderspiele überhaupt statt: Die Nationalelf musste durch Zuschauer aufgefüllt werden. Einer der Fans wurde später DFB-Präsident, ein anderer sogar noch einmal berufen. Von Justus Meyer.

Peco Bauwens
Drei Jahre vor seinem ersten Länderspiel: Peco Bauwens,
der spätere DFB-Präsident 1907 im Alter von 20 Jahren.



Immmer wieder schauten sieben junge Männer zum Eingangstor, ob nicht doch noch ein jemand zum Platz kommen würde, der wie ein Funktionär aussah. Niemand kam, kein Trainer oder Betreuer ließ sich blicken, von den Offiziellen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ganz zu schweigen. Das erste Länderspiel Deutschlands gegen eine belgische Auswahl im Grunewaldstadion in Duisburg stand unter keinem guten Stern, aber das war eigentlich nicht verwunderlich, wenn man auf den Terminplan schaute. Es war der 16. Mai 1910 und erst am Tag zuvor hatte in Köln das Endspiel um die deutsche Meisterschaft stattgefunden. Der Karlsruher FV hatte Holstein Kiel 1:0 nach Verlängerung geschlagen, und erwartungsgemäß reisten die nominierten Spieler beider Vereine nicht weiter nach Duisburg. Das Organisationschaos im DFB und Kompetenzgerangel mit den Landesverbänden hatten einen peinlichen Höhepunkt erreicht, die sieben Nationalspieler auf dem Platz mussten es ausbaden.

Die Belgier wollte man aber nicht ohne Spiel wieder nach Hause schicken, soviel war klar. Wer konnte mitspielen? Auf der Tribüne fanden sich einige Männer, die offenbar auch Fußballer waren. Vier von ihnen fühlten sich der Aufgabe gewachsen, sie zogen das Nationaltrikot über, und retteten das Länderspiel: Lothar Budzinski und Christian Schilling vom Duisburger SV, Alfred Berghausen von Preußen Duisburg und der Kölner Peco Bauwens.

Einen Sieg konnte man von der deutschen Verlegenheitself unter diesen Umständen nicht erwarten. Belgien führte nach 48 Minuten verdient mit 2:0, beide Tore hatte Saeys, der belgische Mittelstürmer geschossen. Als sich Bauwens sieben Minuten später einen Muskelfaserriss zuzog, begann die Suche nach einem Spieler auf der Tribüne erneut. Der fünfte Debütant aus der Fankurve war Andreas Breynk von Preußen Duisburg. Immerhin hielt sich die Niederlage mit 0:3 noch in Grenzen, die Zufalls-Nationalspieler hatten ihre Sache gut gemacht.

Einer der fünf Helden muss seine Mitspieler durch Fitness und Ballgefühl besonders beeindruckt haben. Christian Schilling war ein passabler Leichtathlet und Tennisspieler. Er machte sogar noch ein Länderspiel am 16. Oktober 1910 in Kleve gegen die Niederlande. Für den damals 23-jährigen Peco Bauwens war seine erste internationale Begegnung der Auftakt zu einer großen Karriere als Schiedsrichter und Funktionär, der es bis zum DFB-Präsidenten brachte. Bauwens ist damit bis heute der einzige Präsident, der jemals ein Länderspiel bestritten hat.


Leider existieren weder Fotos noch offizielle Spielberichte von diesem Länderspiel. Das Archiv des DFB wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend vernichtet, so dass nur noch zwei kurze Zeitungsartikel zu diesem Spiel vorliegen. Zu Lebzeiten der beteiligten Spieler wurde es versäumt, Einzelheiten zu dem Spiel aufzuzeichnen. Vieles bleibt also im Unklaren. Wer hat die Ersatzspieler ausgesucht? Mussten sie deutsche Pässe vorlegen? Und was hat der Schiedsrichter dazu gesagt?





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