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STARGAST
Der Hunter jagt weiter
Klaas-Jan Huntelaar wird Schalker. Auf seinem Weg vom Jungen vom Dorf zum erfolgreichen Stürmer überzeugte er alle – oder zeigte es ihnen hinterher. Von Peter Wollring.

Klaas-Jan Huntelaar
Neu-Schalker: In Gelsenkirchen will Klaas-Jan Huntelaar nicht auf der Bank hocken

Illustration Herr Mueller/ilikeyourbadbreathdaddy

Melkboerenhondenhaar. So nennt man in den Niederlanden Haare von undefinierbarer Farbe: Milchmännerhundehaare. Lausbuben vom Land tragen sie und gewiss auch Klaas-Jan Huntelaar. Aber dieses Wort verrät mehr als die Haarfarbe. Es erzählt vom Toben im Lehm mit geröteten Wangen, und abends bringt die Mutter einen großen Topf Hutspot auf den Tisch, das traditionelle niederländische Gericht, einen Eintopf aus Kartoffeln, Zwiebeln und Wurzelgemüse. Lecker.

Der 24-jährige Stürmer von Ajax Amsterdam wuchs in Hummelo auf, 15 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, in einer Welt von Rüben, Kartoffeln, Kühen und Schweinen. Auf dem jährlichen Erntedankfest, der Hummelse Kermis, gab es beim traditionellen Vogelschießen ein Fahrrad zu gewinnen. Klaas-Jan ist klar, dass er vom Dorf kommt. Dennoch sieht er sich selbst nicht als Bauernjungen – wahrscheinlich weil seine Eltern Dirk Jan und Maud keine Bauern sind sondern Lehrer und Hebamme.

Als er zu Ajax ging, fiel ihm auf: „Es war da so ruhig, irgendwie ein lahmer Haufen.“ Auf der knallharten Fußballakademie fand er wenig dörfliche Fröhlichkeit vor. Er hatte das Fußballspielen beim „gemütlichsten Fußballverein der Niederlande“ gelernt, wo die dritte Halbzeit am längsten dauerte und er „hin und wieder kräftig mitsoff“. Sonntagnachmittags stand er als Fan des lokalen Proficlubs De Graafschap auf der Tribüne – das alles ist noch nicht allzu lang her. In der Welt von Klaas-Jan Huntelaar spielen Superlative eine ebenso große Rolle wie die fleischgewordene niederländische Nüchternheit, die er wie kein anderer repräsentiert.

Seine vergangene Saison war seine beste. Er spielte vor der Winterpause für den SC Heerenveen und danach für Ajax. In 46 Pflichtspielen machte er 43 Tore. Ob es nun Ehrendivision war, Pokal, Uefa-Cup oder Champions League: Klaas-Jan Huntelaar traf aus allen möglichen Positionen. Mit dem Kopf, einem Volley, einem Lupfer, einem Schlenzer, einem Abstauber, einem Fallrückzieher, aus Frei- oder Strafstößen und sogar sitzend, mit links und mit rechts. „Wie machst du ein Tor?“ – „Ecke aussuchen und so gut schießen, dass der Torwart nicht rankommt.“ – „Zweifelst du manchmal?“ – „Ich habe noch nie gezweifelt.“

Seinen schönsten Treffer machte er im Halbfinale des Pokalspiels gegen Roda Kerkrade. In der Nachspielzeit setzte er zwischen fünf Verteidigern einen Fallrückzieher zum Ausgleich ins Tor. Noch berühmter wurde er mit dem Gesichtsausdruck, den eine Fernsehkamera eine Minute später festhielt. Huntelaar steht am Mittelkreis, noch ganz versonnen. Sein Kopf ist groß im Bild, er beugt sich ein wenig vor und spuckt auf den Boden. Dann zieht er eine Augenbraue hoch und berührt mit der Zungenspitze seine Oberlippe. Lächelnd schaut er an der Kamera vorbei zu einem Mitspieler und zwinkert mit dem Auge. Die Botschaft: „Hast du es gesehen? Ich habe es wieder gedeichselt. Und ich werde es immer deichseln.“ Alle hatten es gesehen.

The Hunter war die schönste Blume der Fußballnation und sollte im Sommer auch in Deutschland blühen. Der Mann, der ihn schließlich stoppte war kein Verteidiger, sondern ein Stürmer: Bondscoach Marco van Basten. Der entschied sich für die Mittelstürmer van Nistelrooy, Kuyt und Vennegoor. „San Marco“, einer der beliebtesten Niederländer, löste einen Sturm der Entrüstung aus. Eine öffentliche Debatte war die Folge, in der van Bastens Fußballkenntnis – zum ersten Mal – ernsthaft in Zweifel gezogen wurde. „Kein Weltmeister“, schlussfolgerten Millionen Niederländer frustriert. Und das nicht nach, sondern dieses Mal schon vor der WM.

Huntelaar dagegen spielte im Sommer bei der U21-Europameisterschaft. Die Niederlande gewannen, zum ersten Mal in der Geschichte, Torschützenkönig des Turniers wurde natürlich er. Seitdem ist er auch beim großen Oranje der erste Stürmer. In seinem ersten Spiel gegen Irland schoss er zwei Tore, ein Treffer wurde wegen vermeintlichem Abseits zu Unrecht verweigert. Dafür lieferte Huntelaar auch noch die Vorlagen für die anderen beiden Tore.

Marco van Basten ist nicht der erste Trainer, der es wagte, Huntelaar zu unterschätzen. Mit 16 Jahren unterschrieb er seinen ersten Profivertrag bei PSV. Nach eineinhalb Jahren und nur 15 Spielminuten in der ersten Mannschaft reichte es ihm in Eindhoven. Startrainer Guus Hiddink fand ihn nicht gut genug. „Er sagte, dass ich ein wenig schüchtern sei“, sagt Huntelaar rückblickend, „aber das bin ich echt nicht. Nur lauf ich als Junge von 18 auch nicht einfach so zu Hiddink, um mit ihm ein Schwätzchen zu halten.“ Guus Hiddinks letztes Spiel als PSV-Trainer war das Pokalfinale gegen Ajax im Mai letzten Jahres. Amsterdam gewann mit einem 2:1. Jeder sollte inzwischen begriffen haben, wer die beiden Ajax-Treffer machte.

Der Text ist in RUND #19_02_2007 erschienen.


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