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INTERVIEW
„Podolskis Fuß war sehr schön gestreckt“
Ewald Hennig ist Professor im Biomechanik Labor der Universität Duisburg-Essen. In einem Projekt für den Sportartikelhersteller Nike forscht er nun seit mehr als zehn Jahren an der Verbesserung von Fußballschuhen.

Lukas Podolski
Sehr gute Schusstechnik: Lukas Podolski erzielt ein Tor, hier gegen England bei der WM 2010 Foto Pixathlon



RUND: Herr Hennig, was ist Ihnen als Experten für Biomechanik an Lukas Podolski aufgefallen?
Ewald Hennig: Sehr gut war ihm zu sehen, wie schön gestreckt der Fuß war. Das hängt alles ein wenig mit unseren Forschungen zusammen, wie man hohe Ballgeschwindigkeiten erzielen kann. Ich schaue mir solche Einzelheiten an: Wie jemand über den Rasen rutscht oder zum Schuss ansetzt.

RUND: Worum kümmern Sie sich in Ihrem Labor?
Ewald Hennig: Wir forschen im Bereich Hochleistungssport und Verletzungsprophylaxe. Wir machen regelmäßig die Laufschuhtests für die Stiftung Warentest und betreiben Grundlagenforschung in einem breiten Spektrum. Wir haben uns auch mal um das Problem des Tennisarms gekümmert und um die Effekte von Aufwärmen und Stretchen zur Verletzungsprophylaxe. Und wir kümmern uns um die Verbesserung von Fußballschuhen.

RUND: Hat sich durch Veränderungen an den Schuhen etwas am Spiel verändert?
Ewald Hennig: Mit diesen Schuhen können sich die Spieler schneller und wendiger bewegen, was einem schnellen Spiel entgegen kommt. Die Schuhe sind leichter geworden. Es ist doch logisch: Wenn ich eine große Masse unten bewegen muss, brauche ich dazu mehr Kraft und das verlangsamt das Spiel. Deshalb gehen alle Schuhhersteller davon aus, möglichst geringes Gewicht im Fußballschuh zu integrieren. Das ist nicht ganz einfach, weil man die Stabilität und den Halt im Schuh gewährleisten möchte. Und deshalb kommen vermehrt neue Materialien wie z.B. Karbonfasern zum Einsatz.

RUND: Wie viel wiegt ein Schuh, wie er bei der Europameisterschaft getragen wird?
Ewald Hennig: Die Gewichte gehen runter auf einen Bereich von etwas weniger als 200 Gramm pro Schuh. Früher spielte man in Schuhen, die 400, 500 Gramm wogen. Wenn es dann nass war, wurden die auch schon mal ein Kilo schwer. Mit den neuen Materialien, die heute verwendet werden, saugt sich auch das Leder nicht mehr so voll.

RUND: Was hat sich neben dem Gewicht noch verändert?
Ewald Hennig: Die Schuhe sind jetzt relativ eng geschnitten. Das kommt den Spielern insofern zugute, dass sie besonders viel Ballgefühl haben, wenn der Schuh relativ eng anliegt. In der Vergangenheit haben viele Spieler den Schuh eine Nummer zu klein gekauft, was natürlich nicht besonders komfortabel ist. Die Schuhe werden deshalb heute etwas enger, dem Fuß mehr angepasst, gebaut. Es werden Ledermaterialien verwendet, die elastisch sind, so dass sich das Material über den Fuß spannt.

RUND: Als Spieler im Rasen hängen blieben und sich am Knie verletzten, gab es Kritik an den Stollen. Zu Recht?
Ewald Hennig: Gerade die Stollen, die für weiche Böden gebaut worden sind, sind ins Gerede gekommen. Die waren zum Teil relativ lang ausgebildet worden und dann noch rund. Dann gab es auch schon mal die eine oder andere hässliche Fleischverletzung.

RUND: So wie bei Ewald Lienens aufgeschlitztem Oberschenkel vor einigen Jahren. Aber wie verhindert man Knieverletzungen?
Ewald Hennig: Für eher traumatische Verletzungen, wie das Verdrehen des Knies, muss man im Vorfußbereich darauf achten, dass der Schuh eine gewisse Drehung erlaubt, ohne zu stark zu blockieren. Es ist unsere Aufgabe, herauszufinden, wo man Stollen etwas flacher oder breiter gestalten sollte, damit eine gewisse Rotation möglich ist. In dem Moment, wo es zu Rotationsbewegungen kommt, sollte der Schuh nachgeben, sich nicht zu sehr in den Boden beißen. Sonst geht es häufig auf die Knie. Wir wollen wissen, wie viel Traktion man braucht, um das Spiel gut zu absolvieren

Ewald Hennig
Forscht gegen den Tennisarm und Verletzungen
bei Fußballspielern: Professor Ewald Hennig von Universität Duisburg-Essen



RUND: Im Duden wird Traktion mit Zugkraft übersetzt.
Ewald Hennig: Wir meinen damit die Reibungseigenschaft zwischen Schuh und Rasen. Wenn ich wenig Traktion habe, rutsche ich einfach weg.

RUND: Was ist den Spielern noch wichtiger als Standfestigkeit?
Ewald Hennig: Der Tragekomfort. Wir machen das für Nike jetzt schon seit zehn Jahren und haben in dieser Zeit immer wieder Fragebogenaktionen gemacht. Die mussten ein Ranking machen, immer kam heraus, dass der Komfort mit Abstand das Wichtigste ist. Das können Sie gut mit Druckverteilungsmesssohlen innerhalb des Schuhs überprüfen. Die Punkte auf denen man läuft, die Stollen, verursachen örtliche Druckstellen im Fußbereich. Die hohen Drücke kann man durch die Gestaltung der Stollen und der Sohle weitgehend reduzieren.

Lesen Sie morgen in Teil 2 des Interviews, warum moderne Bälle stärker flattern und was es mit der Magnus-Kraft auf sich hat.


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