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Vienna Calling
Ein vergilbtes Foto zeigt einen tragischen Helden aus der Gründerzeit des Fußballs: Karl Pekarna, der erste Spieler vom Kontinent, der auf der britischen Insel gespielt hat und einer der ersten Torhüter des FC Bayern München. Von Carsten Germann

Karl Pekarna

Die Mannschaft des First Vienna Football Club: Karl Pekarna (stehend mit Ball in der Hand)
galt als einer der besten Tormänner seiner Zeit Foto Benne Ochs



Herr Schwind ist ein Sammler. Ein liebenswerter Fußball-Nostalgiker und Archivar. Mit Humor und der typischen Wiener „G`scheitheit“ erzählt er von Originalen aus über 100 Jahren Fußball in Österreich. Vom Eipeldauer, vom englischen Exil-Stürmer Stansfield - und vom „Pekarna-Karl.“ Schwind tippt auf das Foto, das er in einem alten Wiener Archiv gefunden hat, und verweist auf den Mann mit dem Ball in der Hand.

Das Bild zeigt die Mannschaft des First Vienna Football Club, des ersten Fußballklubs in Österreich. Es entstand an Pfingsten 1904 in Wien, ein sonniges Wochenende in der Hauptstadt der Donaumonarchie: Im Stadion an der Hohen Warte im 19. Bezirk in Döbling hatte die Vienna zu ihrem zehnjährigen Bestehen namhafte Vereine eingeladen. Zu Gast sind der dänische Bolden Cluben 1893 Kopenhagen und die Glasgow Rangers aus Schottland. Die Dänen haben vor dem Spiel gegen die Rangers ein Problem. Ihr Torhüter fällt aus und der 25-jährige Wiener Karl Pekarna stellt sich zur Verfügung.

Eigentlich ist Pekarna auch bei der Vienna nur Ersatzmann. Der etatmäßige Keeper heißt Karl Molisch. Doch Pekarnas Spiel und vor allem seine Sprungkraft beeindrucken trotz eines 0:9 aus Sicht der Dänen Gegner und Zuschauer. Und weil Versprechen nach Siegen immer leichter fallen, wollen die Rangers den stillen Wiener vom Fleck weg verpflichten. Sie bieten ihm an, „Professional“ zu werden. Profis gibt es in Schottland schon seit 1893. Die Rangers zahlen ihren Spielern dreieinhalb Pfund in der Woche. Eine schöne Stange Geld. Ein Profivertrag ist in der hölzernen Doppelmonarchie, wo die „narrische Ballschupferei“ gegen viele Vorurteile zu kämpfen hat, ein Fremdwort.

Pekarna lässt sich Zeit. Ein Wechsel ist beinahe ein Tabubruch. Noch nie hat ein Spieler vom europäischen Kontinent, geschweige denn ein Österreicher, auf der britischen Insel gespielt. Mit dem Zug reist Pekarna, von Beruf Postbote, an Weihnachten 1904 nach Glasgow. Er ist beeindruckt und schreibt Anfang 1905 an die Wiener Sport-Illustrierte: „Hier hat der Goalmann keine Zeit, die Bälle schön zu fangen, weil einem sofort drei Stürmer auf dem Leibe sind. Gewöhnlich wird der Ball nicht gefangen, sondern mit der Faust herausgeschlagen.“ Pekarna weiter: „Die Rangers sind mit mir zufrieden und wollen mich zum besten Goalkeeper Schottlands machen, was nicht ausgeschlossen erscheint.“ Stimmt. Nach einigem Zögern bleibt Pekarna in Glasgow und schlägt sich prächtig. Am Ende der Saison 1904/05 wird er Schottlands „Fußballer des Jahres“.

Doch dann packt ihn das Heimweh. Er will zurück nach Wien, zu seiner Vienna. „Es war für mich eine große Ehre, das Leiberl der Rangers getragen haben zu dürfen“, erzählt er später. Aber erst als ihn der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) 1905 mit einem eigens entworfenen Gesetz („Lex Pekarna“) reamateurisiert hat, kann Pekarna wieder in der Nationalmannschaft spielen. Am 9. Oktober 1904 hatte er beim 5:4 gegen Ungarn sein Debüt gegeben. Nach dem Schottland-Abenteuer wird er nur noch einmal, am 3. Mai 1908, für Österreich spielen. Im Jahr 1907 zieht es Pekarna nach Deutschland, nach München. Hier spielt er erst beim FC Wacker und wechselt 1910 zum südbayerischen Meister FC Bayern München. Dank ,,nicht unerheblicher Zahlungen“, wie der Autor Christoph Bausenwein in „Die letzten Männer“ vermerkt.

Die Bayern lieben Kahns Urgroßvater. Pekarna führt dem staunenden Münchner Publikum ein Torwartspiel vor, das man auf dem Kontinent bis dahin noch nicht kennt. Mit Paraden im Flug und mit einer kraftvollen Faustabwehr. Die Münchner machen Pekarna schließlich zum Abteilungsleiter eines Sportartikelgeschäfts. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 lebt Pekarna mit seiner Frau und den beiden Töchtern in München, ehe er zum Militärdienst eingezogen wird. Er überlebt das Inferno, aber seine beste Zeit als Torhüter ist vorbei. Ab 1919 spielt er bei dem völlig unbekannten „Tschechenklub“ Slovan Wien. Im Jahr 1920 stirbt sein jüngerer Bruder Eduard (Pekarna II), ebenfalls ein Torhüter. Er bricht sich bei einer verunglückten Faustabwehr in einem Freundschaftsspiel in Ohlings im Rheinland das Genick. Vier Jahre später ist Pekarna nach einem Schlaganfall für immer gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Der Mann, den der deutsche Reichstrainer Dr. Otto Nerz einmal als den ,,besten Torhüter seiner Zeit“ würdigte, stirbt 1946 völlig verarmt und unbeachtet in Wien.

Außer dem Foto ist nicht viel vom „Pekarna-Karl“ geblieben, seufzt Schwind. Aber irgendwie, so meint er, müssten sie bei Bayern München schon immer ein Gespür für herausragende Spieler gehabt haben.


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