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INTERVIEW
„Es waren doch ragazzini“

RUND-Autor Rico Rizzitelli war der einzige ausländische Journalist, der die schweren Krawalle vom 2. Februar im Stadion von Catania miterlebte. Er bezeichnet die Nacht der Katastrophe als „Intifada von Catania“. Der Polizist Filippo Raciti starb an inneren Blutungen, nachdem ihn ein Jugendlicher mit einem Waschbecken beworfen hatte, das er aus den Toiletten des Stadio Massimino herausgerissen hatte. Vincenzo Prestigiacomo, auf den sizilianischen Fußball spezialisierter Historiker und Journalist, spricht im RUND-Interview mit Rizzitelli darüber, wer hinter der Eskalation der Gewalt steckt.


Überschattet von Krawallen: Das erste Erstligaderby seit 1963 wird den Sizilianern in schrecklicher Erinnerung bleiben Foto Maurizio Il Grande


RUND: Signore Prestigiacomo, in den letzten Wochen wurde viel über die Unruhestifter des 2. Februar und über eventuelle Manipulationen gesprochen. Was sind das für Leute?
Vincenzo Prestigiacomo: Zunächst muss Ihren Lesern klar gesagt werden, dass der Großteil der Unruhestifter nichts mit dem Fußball zu tun hat. Es handelt sich um ragazzini (Anm. d. Red.: Minderjährige), die größtenteils aus den benachteiligten Vierteln der Vorstädten von Catania kommen. Normalerweise bauen sie überall in der Stadt ein bisschen Mist. Auf Konzerten, auf dem Markt, in der Schule, eigentlich so ziemlich überall. Am 2. Februar haben sich Ultras unter sie gemischt, doch sie waren weit in der Minderheit. Bei den siebenhundert Aufrührern ist es schwer zu sagen, wer wer ist, wer wen manipuliert und mit welchem Ziel. Ich würde nur sagen, dass die mehreren Hundert ragazzini offensichtlich als Arbeitskräfte, als kleine Soldaten für die sizilianische Mafia wie auch für die außerparlamentarische Rechte dienen können. Die „tifoserie“ Catanias hat den Ruf, rechts zu sein, sogar rechtsextrem. Ich glaube allerdings nicht, dass die Mafia oder die Organisationen der radikalen Rechten alle Verantwortung auf sich nehmen müssen.


Vor dem Stadion: Jugendliche griffen Polizisten an Foto Maurizio Il Grande


RUND: Es fällt trotzdem schwer zu glauben, dass sich die Cosa Nostra auf keinerlei Weise in die sizilianischen Fußballvereine mit ihrem hohen Umsatz oder auch in die Intifada vom 2. Februar eingeschaltet haben soll.
Vincenzo Prestigiacomo: Ich glaube, dass man aus intellektueller Faulheit und der Einfachheit halber am liebsten alles auf dem Rücken der Cosa Nostra ablädt. Würde die Mafia in den Fußball auf Sizilien eingreifen, hätte einer unserer Vereine angesichts ihrer Mittel schon längst die Champions League gewonnen. Ich glaube nicht einmal, dass die drei Vereine die pizzo (Anm. d. Red.: eine Form der Mafiasteuer) bezahlen.

RUND: Mit Palermo, Catania und Messina spielen drei sizilianische Klubs in die Serie A. Wie erklären Sie sich diesen Boom?
Vincenzo Prestigiacomo: In den letzten Jahren haben sich die Vereine der Insel insbesondere durch die Unternehmer, die nun an ihrer Spitze stehen, ausgezeichnet. Bevor sie kamen, wollte niemand in die Unternehmen der Region investieren. Zudem lässt sich sagen, dass der Einfluss der Mafia auch nicht mehr der ist, der er einmal war. Seit dem Tode Giovanni Falcones 1992 hat die Cosa Nostra ihre Vorgehensweise geändert. Es gibt keine blutigen Vendettas mehr, selbst wenn die Logik der Hoheitsgebiete immer noch besteht und die Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaft die Unternehmen weiterhin erpressen, indem sie sie die pizzo zahlen lassen. Dieser Rückzug der Mafia hat die Unternehmer-Präsidenten dazu angeregt, mehr zu investieren.


Rauchbomben: Das Derby vom 2. Februar war kein normales Spiel Foto Maurizio Il Grande


RUND: Ist das ein Beleg für den leichten wirtschaftlichen Aufschwung der Region?
Vincenzo Prestigiacomo: Genau, der Fußball ist ein Beweis dafür, dass die Dinge nun langsam besser laufen. Von diesem Standpunkt aus gesehen, werden uns die Ereignisse vom 2. Februar in Catania großen Schaden zufügen. Es ist übrigens trotzdem paradox, dass wir Sizilianer von den Norditalienern immer als Ganoven gesehen werden. In die hier als Moggipoli bekannt gewordenen Mauscheleien zu Beginn der Saison beispielsweise war keiner unserer Vereine verwickelt. Dies beweist letztlich zwei Dinge: zum einen, dass die Mafia immerhin in den Vereinsleitungen keinen Platz hat, und vor allem, dass besagte Vereine Stück für Stück ganz sauber Fortschritte gemacht haben. So haben wir uns ein gewisses Kapital an Sympathien erworben, denn wir repräsentieren ein wenig den calcio pulito, den sauberen Fußball von Mannschaften, die bescheiden sind und nicht betrügen.

RUND: Wie wird es mit dem Fußball auf Sizilien weiter gehen?
Vincenzo Prestigiacomo: Ich hoffe, dass die Unruhen von Anfang Februar keine irreparablen Schäden in der Geschichte des Fußballs der Region hinterlassen, dass die Wiedergeburt des calcio siciliano kein Strohfeuer ist. Ich wünsche mir außerdem, dass Messina sich hält, dass Catania noch eine halbe Saison lang als geschlossene Gesellschaft bei allen Heimspielen überlebt und dass Palermo es schafft, sich auf den Gipfel des italienischen Fußballs zu hieven.

Interview Rico Rizzitelli


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