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BUNDESLIGA
Punkrock bei Werder
Nach dem 0:6 von Werder Bremen in Stuttgart versuchen die Beteiligten zu verstehen, was da auf dem Platz passiert ist. Von Christoph Ruf, Stuttgart.

Thomas Schaaf und Klaus Allofs

Sie sahen Werder als Sparringspartner des VfB Stuttgart: Thomas Schaaf und Klaus Allofs
Foto Pixathlon


Es ist eher unwahrscheinlich, dass viele Werder-Spieler gerne Punkrock hörten Aber selbst dann dürfte ihnen die kalifornische Hardcore-Band Pennywise seit Sonntag Abend gründlich verhasst sein. Beim VfB Stuttgart haben sie nämlich die Angewohnheit, jeden eigenen Treffer nach dem gleichen Ritual zu feiern. Sechsmal erklang deshalb ein „Tooooor für den VfB“ aus den Stadionboxen, sechsmal fand der Mann am Mikrofon, dass „das auch gut so“ sei. Und sechs Mal ertönte der Refrain der „Bro Hymn“ aus den Boxen: „Oohohoho ...“

Eine halbe Stunde nach Abpfiff schlichen die ersten Werder-Spieler mit ziemlich großen Kopfhörern auf den Ohren in Richtung Mannschaftsbus. „Eine schwierige Situation“ sei das, aus der man „aber gemeinsam wieder herauskommen“ werde, sagte Verteidiger Sebastian Prödl und schaute dabei so emphatisch, als beantworte er auf dem Einwohnermeldeamt ein paar Fragen zu seiner Person. Nach demselben Muster antwortete auch Per Mertesacker („Tiefpunkt in der Werdergeschichte, haben aber das Potenzial“), nur Tim Wiese verzichtete auf den zweckoptimistischen Nachsatz und stellte mit mahlenden Kiefern fest, dass sich „jeder von uns schämen muss.“

Dabei hatte der Keeper noch Schlimmeres verhindert, an ihm lag es nicht, dass Werder in ähnlichen Dimensionen unterging wie Mönchengladbach beim 0:7 Mitte September. Wie damals hatte man allerdings den Eindruck, als wisse der ein oder andere Akteur der Gastmannschaft nicht einmal, welche Sportart die knapp 40.000 Zuschauer gerne sehen würden: Oftmals klafften 40 Meter große Lücken zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Deren Einzelbestandteile wiederum wirkten, als habe man ihnen zu starke Beruhigungsmittel verabreicht. Wenn sich doch einmal jemand etwas zutraute, wurde das ganze Ausmaß der Bremer Probleme offenbar: Claudio Pizarro blieb regelmäßig an seinen Gegenspielern hängen, winkte aber jedes Mal genervt ab, anstatt nachzusetzen. Marko Marin verlor sich wie so oft in aussichtslosen Eins-zu-eins-Situationen, während sich seine Mittelfeld-Kollegen versteckten. Und Mikael Silvestre nährte auf der linken Außenbahn einmal mehr die hartnäckigsten Zweifel an seiner Bundesligatauglichkeit. Ein Großteil der Stuttgarter Angriffe kam ungebremst über seine Abwehrseite, im Offensivspiel misslangen dem Franzosen auch die billigsten Flanken.

„Wir haben gespielt wie ein Sparringspartner“, sagte Trainer Thomas Schaaf, „wie ein Boxer, der gewisse Dinge andeutet, dem Gegner aber nicht wehtun darf. Wenn man sich nicht wehrt, darf man sich nicht wundern, wenn man viele, viele Tore kassiert.“ Schaafs Stuttgarter Pendant Jens Keller schaute derweil ein wenig gallig aus der Wäsche. Er legte Wert auf die Feststellung, dass sein Team ein tolles Spiel gezeigt habe: „Aber ich kenne das ja schon. Immer, wenn wir gewinnen, war der Gegner schlecht.“ Tatsächlich zeigte der VfB ein Kombinations- und Direktpassspiel, das in der Liga nicht viele Mannschaften beherrschen. Allein: Gegen diese unorganisierte, schwerfällige und planlose Bremer Mannschaft hätte auch eine Mannschaft aus übergewichtigen Kreisliga-Spielern Spaß am Kombinieren entwickelt.

Bei Werder hingegen wird es allmählich Zeit für grundsätzliche Fragen. Man ist es ja seit Jahren gewohnt, dass die Defensive anfällig ist und im Zweifelsfall viel zu hoch steht. Warum das notorische Werder-Problem dennoch nicht abzustellen ist, bleibt rätselhaft. Bedrohlich wird diese Untugend, weil die traditionelle Offensivstärke in dieser Saison verschüttet gegangen zu sein scheint. Dass Mesut Özil weder zu halten, noch gleichwertig zu ersetzen sein würde, wie Allofs auch am Sonntag wieder betonte, mag richtig sein. Im Kader findet sich aber ganz offensichtlich niemand, der in der Lage wäre, dem Spiel auch nur Struktur zu verleihen. „Das wird kein kurzer Weg“, hat Thomas Schaaf erkannt, „sondern ein sehr langer, weil wir mittlerweile doch sehr viel falsch machen.“


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