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Mit dem Bongartz-Trick nach oben
Von wegen graue Maus: Der 2009 verstorbene Boss Klaus Steilmann und Trainer Hannes Bongartz sorgten für den sensationellen Aufstieg der SG Wattenscheid 09 in die Erste Liga. Von Sebastian Eilers.

Klaus Steilmann

Ehrung für Klaus Steilmann: Der langjährige Präsident von Wattenscheid 09 (Bildmitte) starb im November 2009
Foto Hoch zwei


Es ist der 1. Juni 1991: In der letzten Spielminute gelingt Thorsten Fink der entscheidende 3:2-Siegtreffer für die SG Wattenscheid 09 gegen den großen FC Bayern München. Die Niederlage bedeutet für die Gäste das Ende im Kampf um die deutsche Meisterschaft zugunsten des 1. FC Kaiserslautern. Dieser Sieg markiert für den Club aus dem Westen Bochums den Höhepunkt der Vereinshistorie. Die Schwarz-Weißen hatten bereits am drittletzten Spieltag den Klassenerhalt sichern können und werden schließlich sensationell Elfter. Der Vater dieses Erfolgs der SG Wattenscheid 09, von gegnerischen Fans despektierlich Graue Maus genannt: Der Mäzen Klaus Steilmann, schlicht Boss genannt.

In den fünfziger Jahren startete der gewiefte Geschäftsmann (Motto:
Mode für Millionen, nicht für Millionäre) mit acht Nähmaschinen sein Textilunternehmen. In den Jahren des Wirtschaftswunders stieg seine Firma, die Steilmann-Gruppe, zum größten Textilunternehmen Europas auf – mit zu Hochzeiten 1,6 Milliarden Mark Jahresumsatz. Seine Freizeit und sowie ein Großteil seines Vermögens investierte der Boss in seine große Liebe, die SG Wattenscheid 09. Anfangs als Sponsor, später in Funktion des Präsidenten. Als alleiniger Macher und Identifikationsfigur lenkte er, mit beachtlichem Erfolg, die Geschicke des Vereins.

Parallel zum Einstieg Steilmanns stellten sich erste Erfolge ein: Im Sommer gelang dem Verbandsligisten als Meister der Aufstieg in die Regionalliga, der damals zweithöchsten Spielklasse. „Wir wollen in die Bundesliga“, kündigte Steilmann Anfang der siebziger Jahre vollmundig an.
Er verstärkte das Team mit namhaften Spielern: Ewald Hammes, Riza Adelkhani, Werner Kontny, Hannes Bongartz, Jupp Koitka oder Jürgen Jendrossek. Als Trainer gewinnt er den jungen Karl-Heinz Feldkamp.

Insbesondere der technisch versierte Bongartz, wegen seiner schmalen Statur „Spargeltarzan“ genannt, entzückte Fans und Verantwortliche. Unvergessen die Art und Weise, wie er, mit dem von ihm perfektionierten Übersteiger (damals „Bongartz –Trick“), seine Gegenspieler alt aussehen ließ. Bereits in der Spielzeit 1973/74 spielte das Team um den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Nach einer berauschenden Saison mit 102:39 Toren unterlag man jedoch im Relegationsspiel der hoch favorisierten Eintracht Braunschweig.

Es folgten 14 Jahre Zweitklassigkeit, ehe am 10. Mai 1990, durch ein 5:1 gegen Hertha BSC Berlin der Aufstieg in die oberste deutsche Spielklasse gelang. Doppeltorschütze Maurice Banach avancierte zum Held des Tages und ließ die 7.200 Zuschauer im Loheidestadion jubeln. Der zu Saisonbeginn als Trainer engagierte Ex-Spieler Bongartz tanzte auf der Bank. Nur einer feierte nicht mit: „Das Schlimmste, was der Bundesliga passieren kann“, grantelte Uli Hoeneß vom FC Bayern.

Egal, was Hoeneß davon hielt: Die Zusammenarbeit der beiden Wattenscheider Legenden sollte sich auch in den kommenden Jahren als äußerst fruchtbar erweisen. Der Boss sorgte für adäquate infrastrukturelle und ökonomische Rahmenbedingungen und Bongartz lehrte dem Team einen Fußball moderner Prägung. Er ließ sein Team mit Viererkette und Raumdeckung spielen, während die meisten Gegner noch mit einem Libero antraten. Verstärkt durch Souleyman Sané und Ali Ibrahim startete die SG furios in die Belle Etage des deutschen Fußballs. Gleich zum Auftakt wurde Werder Bremen mit einem 2:0 Sieg nach Hause geschickt. Es folgten fünf weitere Spiele ohne Niederlage, und auch im weiteren Verlauf der Saison

1990/91 gelang es, sich von unteren Tabellenrängen fernzuhalten. Die gemeinschaftlichen Frühstücke mit dem „Boss“ im Vereinsheim neben dem Loheidestadion, bei denen Plunderteilchen und reichlich Filterkaffee gereicht wurden, schienen sich außerordentlich gut auf den Teamgeist auszuwirken. Ökotrophologen heutiger Topteams würden empört den Kopf schütteln.

Im zweiten Jahr der Erstligazugehörigkeit lief es schon deutlich schlechter. Am letzten Spieltag war ein Sieg gegen Mönchengladbach Voraussetzung zum Erhalt der Klasse. Zum Entsetzen der Fans stand es bereits nach einer guten Viertelstunde 2:0 für die Fohlen. Es bedurfte eines Wunders, den Abstieg noch abzuwenden. Tatsächlich gelang den Wattenscheidern im Verlauf der zweiten Hälfte der Ausgleich, und als Uwe Tschiskale kurz vor Ende der Partie zum 3:2 einnetzte, kannte der Jubel keine Grenzen. Bongartz nach dem Spiel euphorisch: „Wenn Totgesagte wirklich länger leben, dann steht uns noch eine lange Bundesliga-Zugehörigkeit bevor.“

In der Saison verschärfte sich die sportliche Situationen weiter. Knietief im Abstiegskampf war Steilmanns Vaterherz offenbar größer als sein Fußballsachverstand, und so ließ er sich von Tochter Britta überreden, sie als Managerin zu inthronisieren.

Fortan glänzte die sendungsbewusste Lieblingstochter Britta primär mit Omnipräsenz in Gazetten, Funk und Fernsehen. Dort erklärte sie dem staunenden Publikum ihre Idee vom
„sozial-ökologischen Fußball und kündigte den Aufbau einer biologisch-dynamischen Vereinsküche an. „Ein bisschen Public Relation kann nicht schaden“ glaubte sogar der eher bodenständige 1.Vorsitzende Günther Ritter erkannt zu haben. Von den Rängen fliegende Plastikbecher wollte Britta Steilmann jedenfalls künftig im Loheidestadion ebenso wenig sehen wie Trainer Hannes Bongartz, dessen Rauswurf sie kurz nach Amtsantritt initiierte (Bild: 1. Trainer von Frau gefeuert).

Wattenscheid wurde am Ende Siebzehnter und stieg ab. Das Fußballmärchen war vorbei. Ein jähes Ende fand ebenfalls Britta Steilmanns Engagement beim Verein. Das Zweitligageschäft schien ihr zu trist und sie stieg aus. Eine rasante Talfahrt nahm seinen Lauf. Die SG spielte in den kommenden fünf Spielzeiten zwar noch vier Mal zweitklassig, wurde aber dann durchgereicht bis in die Westfalenliga, wo heute ihre sportlich Heimat ist.

„Hier wird es nie wieder Profifußball geben", sagt Hannes Bongartz wehmütig über die aktuelle sportliche Situation. Einen Hoffnungsschimmer gibt es allerdings: A-, B- und C- Junioren spielen in der höchsten Spielklasse. Wie gern wären sie in Wattenscheid wieder „die graue Maus der Bundesliga.


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