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PORTRÄT
Der Deutsche und der Brasilianer
Cacau gibt es gleich zweimal – er ist Brasilianer und er ist Deutscher. „Beides zu 100 Prozent“, wie er vor dem heutigen Länderspiel gegen sein Geburtsland sagt. Als Brasilianer kam er nach Deutschland, als Deutscher möchte er 2014 mit zur WM nach Brasilien fahren. Von Oliver Lück. Ein Auszug aus dem Buch „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg."

 

Cacau

Jubel im DFB-Trikot: Cacau traf im WM-Spiel gegen Brasilien, Mesut Özil gratuliert Foto Pixathlon

 

Wenn Fußballer singen, klingt das meist krumm und schief und irgendwie jämmerlich. Die hochempfindlichen Mikrofone, die während der Nationalhymnen jeden Atemzug ins heimische Wohnzimmer übertragen, entlarven das Gebrummel mitleidlos. Eine Hymne kann aber noch viel mehr über einen Nationalspieler erzählen – über Claudemir Jeronimo Barreto zum Beispiel, Künstlername: Cacau. „Für mich ist es selbstverständlich, dass ich die deutsche Nationalhymne mitsinge. Den Text habe ich schnell gelernt, das war mir wichtig“, sagt der gebürtige Brasilianer, „für mich ist das einer der emotionalsten Momente, denn im Herzen bin ich Deutscher.“

Cacau gibt es gleich zweimal. Cacau ist Brasilianer, dort ist er geboren, dort hat er gelebt, bis er 18 war. Und Cacau ist Deutscher, hier landete er im Juli 1999 am Münchner Flughafen, hier erfüllte sich sein Traum vom Profifußball. Seit Februar 2009 hat er neben dem brasilianischen auch einen deutschen Pass. Doch Cacau ist nicht Deutscher geworden, um Nationalspieler zu werden. Er ist Nationalspieler geworden, weil er Deutscher ist. „Meine Einbürgerung war eine rein private Entscheidung“, sagt er. Seine zwei Kinder sind in Deutschland geboren, „hier ist unser Zuhause“.

Vermutlich weiß Cacau mehr über seine neue Heimat als viele seiner deutschen Landsleute. Beim Einbürgerungstest hat er keine der mehr als 30 Fragen falsch beantwortet. Vermutlich ist Cacau auch der einzige Brasilianer der Welt, der den deutschen Fußball gebraucht hat, um die brasilianische Spielfreude in sich zu wecken. Heute ist er ein ebenso spielender wie arbeitender Angreifer. „Das Arbeiten musste ich erst lernen“, sagt er selbst. Er ist ein Laufstürmer mit enormer Schnelligkeit, hinzu kommen eine brillante Schusstechnik und die spielerische Übersicht.

Überblickt man seine Karriere, hat es den trügerischen Anschein, als sei alles ganz einfach gewesen. Sein brasilianischer Jugendtrainer kannte einen, der in München einen kannte. Etwas später unterschrieb er seinen ersten Vertrag bei Türk Güçü München in der fünften Liga. „Da stand plötzlich so ein dunkler Typ mit zwei Aldi-Tüten in der Hand und fragte, ob er mitspielen kann“, erinnert sich einer der damaligen Mitspieler, „als wir dann sahen, wie gut der war, haben wir den ganz schnell integriert.“ Es dauerte nicht lange und Cacau war der Auffälligste in einem durchschnittlichen Team. Und dann sollte alles noch viel schneller gehen: Nur ein Jahr später wechselt er zu den Amateuren des 1. FC Nürnberg, nur sechs Monate später ins Profiteam. Dann kommt ein Angebot vom VfB Stuttgart, mit dem er 2007 Deutscher Meister wird. 2009 macht er sein erstes Länderspiel für Deutschland, ein Jahr später wird er Dritter bei der WM in Südafrika. Cacau sagt: „Der Traum ist wahr geworden.“

Cacau gibt es gleich zweimal – den Guten und den Bösen. Außerhalb des Fußballplatzes ist er stets höflich und zurückhaltend, er wirkt fast schüchtern. In Interviews spricht er leise, man dürfe Cacau zu ihm sagen, „es muss nicht Herr Cacau sein“. Und er ist ein Dauerlächler mit einem Lächeln, das ansteckt. In Korb, einem schwäbischen Örtchen mit 300 Menschen, rund 20 Kilometer von Stuttgart entfernt, lebt er mit seiner Frau und den Kindern. Als dort die Wahl des Bürgermeisters anstand, bekam er sechs Stimmen, obwohl er gar nicht kandidiert hatte. Cacau ist jemand, den man gerne zum Freund hätte.

Betritt er aber das Spielfeld, verändert er sich. Plötzlich kann er auch schreien und gestikulieren, sich beim Schiedsrichter beschweren. „Ich will gewinnen, es geht um Emotionen“, sagt er, „manchmal kann ich dabei so wütend werden, dass ich schubse oder sogar nachtrete.“ Im Pokalfinale 2007, gegen den 1. FC Nürnberg, waren innerhalb weniger Minuten beide – der gute und der böse Cacau – zu sehen. Zunächst traf der Gute zum 1:0, wenig später boxte der Böse seinem Gegenspieler in den Magen und wurde vom Platz gestellt. Der VfB Stuttgart verlor das Endspiel mit 2:3 in Unterzahl und nach Verlängerung.

Wenn deutsche Fans seinen Namen rufen, klingt das wie Kakao – mit hartem K statt weicherem C. Gerne macht man sich hierzulande einen Spaß daraus, dass sein Name und seine dunkle Hautfarbe so gut harmonieren. „Der heißt ja so, wie er aussieht“, freut sich so mancher Fußballfan noch immer. Doch ihn selber stören derart mäßige Scherze nicht. „Ich hatte in Deutschland nie Probleme mit Rassismus“, sagt Cacau, im Gegenteil, das Land und der Fußball hätten ihm geholfen, sich schnell zurechtzufinden.

Auch ein Grund, warum er sich heute als Integrationsbotschafter des DFB engagiert. „Ich möchte mit meiner Geschichte Vorbild für andere Migranten sein“, erklärt er, „als Beispiel dafür, wie es einer mit viel Arbeit und Leidenschaft nach oben geschafft hat. Man muss wissen, wer man ist, man muss kämpfen, dann kann man etwas erreichen.“ Cacau spricht nun längst nicht mehr nur vom Fußball, er spricht über die Gesellschaft, die ja auch so etwas ist wie eine große Mannschaft. „Auch Minderheiten haben eine Chance“, sagt er, „sie sollten die Sprache lernen und sich mit dem Land identifizieren. Dann bietet Deutschland eine einmalige Chance.“

Eine Chance, die Cacau für sich genutzt hat. Wenn 2014 die WM in Brasilien gespielt wird, hofft er, noch einmal dabei sein zu können im deutschen Team. Dann wird er 33 sein, vielleicht zu alt. „Doch ich werde dafür arbeiten“, sagt er, „wie immer in meinem Leben.“ Es wäre ein ganz besonderes Turnier für alle beide Cacaus, den Deutschen und den Brasilianer.

 

Buch Nationalelf

Weitere Porträts der Nationalspieler und Interviews – auch mit Cacau – lesen Sie in „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" vom Matthias Greulich (Hg.) und Sven Simon. 176 Seiten, 19,90 Euro, Copress Verlag. ISBN 978-3-7679-1048-5

 



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