ZWEITE LIGA
Den Montag ganz abschaffen
Das Spitzenspiel der Zweiten Liga: Fortuna Düsseldorf siegt am Hamburger Millerntor und spielt wie ein Aufsteiger. Dem FC St. Pauli werden die Grenzen aufgezeigt. Von Matthias Greulich
Es hat bumm gemacht: Der eine wurde als Schauspieler ausgepfiffen, der andere mit gelb-rot vom Platz gestellt. Düsseldorfs Sascha Rösler und Markus Thorandt vom FC St. Pauli schenkten sich nichts.
Foto Pixathlon
Solche Spiele, das war herrschende Meinung von 22.000 Hamburgern an diesem kühlen Oktoberabend, gehören verboten. Der FC St. Pauli hatte 1:3 gegen Fortuna Düsseldorf verloren und das verdient, wobei die Gäste im Millerntorstadion über die gesamten 90 Spielminuten wie ein Aufstiegskandidat aufgetreten waren. So feierten nur die 2.000 Fans aus Düsseldorf, einige von ihnen wünschten den Passanten in Kieznähe noch einen "wunderschönen Abend". Warum auch nicht: Ihre Mannschaft hat jetzt 18 Zweitligaspiele nacheinander nicht verloren.
Die Profis müssen ihrem Trainer Norbert Meier sehr gut zugehört haben, wenn er ihnen predigt, dass die Abwehrarbeit bereits am gegnerischen Strafraum beginnt. Die Fortuna-Profis eroberten ungewöhnlich viele Bälle in der Hälfte des Gegners, wobei ihnen insbesondere St. Paulis Innenverteidiger Markus Thorandt und Ralph Gunesch den Gefallen taten, das Spielgerät so umständlich zu kontrollieren, dass Zeit für die Balleroberung blieb. Anfangs kamen die schnell nach vorne gespielten Pässe zwar selten an, doch die Fortunen blieben auch am stimmungsvollen Millerntor erstaunlich abgeklärt, was sich selbst nach der glücklichen St. Pauli-Führung durch Max Kruse nicht änderte. Torwart Michael Ratajzak hatte einen mittelgenau platzierten Ball nach einer Viertelstunde ins Tor durchrutschen lassen. Eine sehenswerter Angriff der Hamburger, die sich danach allerdings zurückzogen.
Die Düsseldorfer hatten mehr Ballbesitz, insbesondere über rechts ging vieles, wo es Maximilian Beister, die Leihgabe vom Hamburger SV, mit seiner Schnelligkeit versuchte, doch am aufmerksamen St. Paulianer Sebastian Schachten hängenblieb. Sascha Rösler, bislang sechs Saisontore, reklamierte viel, wenn der Ball nicht in der Nähe war. So schrie er in die Nacht, dass er elfmeterwürdig gefoult worden sei, was nur er so empfunden hatte. Fortan wurde er vom Publikum leidenschaftlich ausgepfiffen. Am Geschehen auf dem Platz änderten die Emotionen um den Blondschopf nichts: Der Ball blieb zu häufig in der Gefahrenzone der Platzherren. So auch in der Nachspielzeit der ersten Hälfte: Andreas Lambertz traf zum insgesamt verdienten Ausgleich in den Winkel.
In der zweiten Halbzeit bekam Fortunas Offensive größere Räume. St. Pauli machte Druck, drängte auf die erneute Führung hatte aber Pech, als Schachten aus acht Metern den Pfosten traf. Unmittelbar im Anschluss an diese Szene ging es ganz schnell. Wie an der Schnur gezogen lief der Ball bei den Düsseldorfern und landete bei Rösler, der den unmittelbaren Gegenzug zum 1:2 nutzte.Noch einige Male spielten die Profis aus dem Rheinland so präzise in die Spitze, wie man es am Millerntor zuletzt in der Erstligasaison im Sommer gesehen hatte.
St. Pauli zeigte wie so häufig großes Bemühen: Kevin Schindler und Fabian Boll trafen den Pfosten, bzw. die Torlatte, aber für die eigene Viererkette bekam nun richtige Probleme. Der gelbbelastete Thorandt ließ sich vor den Augen des Schiedsrichterassistenten provozieren und zu einem Ellenbogencheck hinreißen. Günter Perl aus Pullach unterbrach das Spiel, hörte wie sein Assistent ihm den Sachverhalt schilderte und zeigte dem Sünder gelb-rot. Ohne Absicherung hatte dann Beister, zwei Bundesligaspiele für den HSV, seinen großen Auftritt. Der U21-Nationalspieler sprintete am müde gewordenen Gunesch vorbei: 3:1.
Trainer Norbert Meier hat ein gutes Gleichgewicht im Team gefunden, das in der Vorsaison lange gegen den Abstieg kämpfen musste. Neben den Torschützen war auch Assami Lukimya herausragend. Der Kongolese gehört zu den stärksten Abwehrspielern der Zweiten Liga. Davon hätten sie in Hamburg derzeit auch gerne einige: Beim FC St. Pauli fallen die Innenverteidiger Lasse Sobiech und Carlos Zambrano noch länger aus. Es sieht so aus, als ob die ersatzgeschwächten Hamburger bei denen auch Angreifer Marius Ebbers wadenverletzt fehlte, vorerst lediglich ein Verfolger des Spitzentrios Greuther Fürth, Düsseldorf und Eintracht Frankfurt bleiben.
Gegen den ungeliebten Termin am Montagabend hatten die Fans, wie es Tradition am Millerntor ist, wieder Transparente gemalt. Beim übertragenen Sender Sport 1 waren sie nur so kurz wie nötig zu sehen, während die „tolle Stimmung“ mit Wunderkerzen formatfüllend medial ausgeschlachtet wurde. Was die sonst üblichen Sprechchöre betraf, war das Engagement auf den Rängen allerdings eher lustlos. Nur aus der Südtribüne gab es rhythmische Rufe gegen den Privatsender. Das hatte man schon leidenschaftlicher gehört, was auch daran liegen mag, dass sich „Scheiß DSF“ jahrzentelang griffiger hinausschreien ließ. Es könnte aber auch der allgemeinen Situation auf den Rängen geschuldet sein, wo Anhänger auf ihren Stammplätzen alt werden und Neuankömmlinge zu belehren pflegen, sie hätten "hier immer schon ihren Platz". Spätestens nach dem Abpfiff konnte dann allerdings auch der letzte grau gewordene Fan in die Forderung der Ultras einstimmen, die ihre Transparente einrollten, auf denen „Montagsspiele abschaffen“ stand. Ein Trost in diesem Herbst: Es ist nicht leiser geworden im Millerntorstadion nach dem Erstligaabstieg. Ist ja auch schon was.