BUNDESLIGA
Die Zähmung der Welpen
Das neue Trainerteam um Holger Stanislawski findet für die verspielte Hoffenheimer Elf offenbar das richtige Korsett. Von Christoph Ruf.
Zufrieden nach dem Sieg seiner Hoffenheimer gegen Mönchengladbach: Trainer Holger Stanislawski Foto Pixathlon
„Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, dass unser Sieg gefährdet
ist“, fand Hoffenheims Verteidiger Andreas Beck, „dazu standen wir
hinten zu sicher.“ Dass er vor diesem Satz ein paar
Sekundenbruchteile zögerte, dann aber offensichtlich den Gedanken
verwarf, man könne das als unbotmäßige Kritik am Gegner
interpretieren, war unnötig. Schließlich zeigte sich Borussia
Mönchengladbach sympathisch selbstkritisch, allen voran Trainer
Lucien Favre. „So wie wir gespielt haben, war hier maximal ein 0:0
drin. Hoffenheim hat sehr aggressiv gespielt, gut gepresst und sein
enormes Offensivpotenzial ausgespielt.“
Ein verdienter Sieg also, wie nach dem Spiel alle Beteiligten artig
betonten. Vor allem aber ein Sieg, den sich der Hoffenheimer Trainer
als Etappensieg ans Revers heften kann. Schließlich bedurfte es gegen
diesen Gegner genau der Geduld und Hartnäckigkeit, die er seinem
ungestümen Team seit Anfang Juli einzuimpfen versucht. So
bereitwillig sich die Gladbacher für ihre Offensivleistung geißelten
– in der Defensive war die Favre-Elf spektakulär gut organisiert. Die
beiden Viererketten verschoben so konsequent, dass die Hoffenheimer
auf ihrem Weg nach vorne in Ermangelung von Anspielstationen anfangs
immer wieder frühzeitig gebremst wurden. Zeitweise waren beide Ketten
in einem Abstand von vier, fünf Metern unterwegs, das Spielfeld
erhielt so Kleinfeld-Dimensionen. Was Stale Solbakken seinen Kölnern
mit wechselndem Erfolg beizubringen versucht – sich verzahnende
Ketten auf geringstmöglichem Abstand – und die meisten Berufskollegen
ob der Ambitioniertheit des Projekts erst gar nicht auf der Agenda
haben, beherrscht diese Gladbacher Elf also bereits nahezu perfekt.
Wenn Stanislawski nach dem Spiel davon sprach, man habe „den Sieg
errungen, nicht wirklich erspielt“, ist das in diesem Fall also
durchaus als Kompliment zu verstehen.
Offensivfreund „Stani“ ist ja durchaus begeistert von den
spielstarken Individualisten in seinem Team, zuweilen befürchtet er
aber, dass es doch noch eine Weile dauern könnte, bis er ihm die
Schlampigkeit und die geradezu welpenartige Verspieltheit
ausgetrieben hat. Dieser Mentalitätswandel, findet der Übungsleiter,
soll aber unbedingt vonstatten gehen, ohne das Team in ein Korsett zu
zwängen, das ihm die Luft abschnürt. „Die offensive Grundordnung“, so
der Coach am Samstag, sei deshalb der „rote Faden“, an dem sich das
Team orientieren kann. „Wir haben mit nur einer Sechs gespielt, um
den Sieg zu erzwingen.“ Daniel Williams, den der SC Freiburg
masochistischerweise kurz vor Ende der Transferperiode für nur
200.000 Euro hat ziehen lassen, stabilisierte erneut ein Ensemble,
dem Stanislawski beibringen will, sein Offensivpotenzial zu nutzen,
ohne sich dabei durch mentale Schlampigkeiten selbst um den Lohn des
eigenen Talents zu bringen. Nicht auszudenken, wo dieses spielstarke
Team stünde, wenn es sich beispielsweise bei gegnerischen Freistößen
nicht immer wieder durch zu spät (Hannover) oder gar nicht gestellte
Mauern (Stuttgart) der Lächerlichkeit preisgeben würde. Stanislawski
hat das intern und öffentlich ziemlich deutlich kritisiert, er steht
aber im Ruf, auch zu fühlen, wenn seine jungen Spieler Rückendeckung
brauchen. Wenn es wie in der Halbzeit des Gladbach-Spiels so
aussieht, als sei das gegnerische Abwehrbollwerk trotz aller Dominanz
nicht zu knacken, erteilt er seinem Team auch schon mal präventiv die
Absolution: „Verlieren ist nicht schlimm“, habe er seinem Team in der
Pause erklärt, „schlimm ist es, wenn man mutlos agiert.“
Vor Rückschlägen ist diese junge Mannschaft nicht gefeit, bei mancher
Aktion von Isaac Vorsah oder Gylfi Sigurdsson stockte den Betrachtern
auch gegen Gladbach der Atem. Dennoch scheint es, als gelinge es dem
neuen Trainerteam, das Ensemble in die Spur zu bringen, die die
Verantwortlichen vor der Saison als Leitschnur ausgegeben haben. Eine
klare spielerische Identität soll „1899“ ja haben, möglichst auch
junge, selbst ausgebildete Spieler nachziehen und überhaupt
gelassener und „sympathischer“ auftreten, wie Manager Ernst Tanner
auch am Samstag Abend formulierte. Am Samstag standen mit Williams
(22) und Fabian Johnson (23) zwei Spieler in der Starformation, denen
vor der Saison niemand diesen Status zugetraut hatte. Knowledge
Musona (21) und Jannik Vestergaard (19) wurden eingewechselt. Und in
der Regionalliga eilt die U 23 von Sieg zu Sieg. Nach 13 Spielen hat
das Team bereits 14 Tore mehr erzielt als die Mannschaft mit den
zweitmeisten Treffern. Kein Wunder, dass Profi-Coach Holger
Stanislawski bei den Spielen des Nachwuchses zu den Dauergästen zählt.