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INTERVIEW
„Ich wollte mich um alles kümmern“
Philipp Lahm über das Kapitänsamt, flache Hierarchien in der Nationalelf und wie Joachim Löw die Spieler bei Entscheidungen beteiligt. Interview Elisabeth Schlammerl

 

Philipp Lahm

Kapitän beim FC Bayern und bei der Nationalelf: Philipp Lahm

 

Buch die Fußball-Nationalmannschaft

Das komplette Interview mit Joachim Löw lesen Sie in „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" vom Matthias Greulich (Hg.) und Sven Simon. 176 Seiten, 19,90 Euro, Copress Verlag. ISBN 978-3-7679-1048-5

 

 

Herr Lahm, trotz des Lobes aus aller Welt für die deutsche Mannschaft: Mit Platz drei oder der Finalteilnahme mag man sich vermutlich beim nächsten Turnier nicht mehr zufrieden geben.
Philipp Lahm: Man muss klar sagen: Dieser Generation würde ein Titel sehr, sehr gut stehen.  Ich komme immer wieder auf  die Spanier zurück, die sicher derzeit die beste Mannschaft haben. Sie spielen einfach schon länger in ihrem System und sind deshalb etwas weiter.

Und haben deshalb vielleicht schneller den Zenit erreicht
Kann sein. Wir waren dieses Mal auch schon viel näher dran als beim EM-Finale 2008. Spanien war zwar überlegen, aber nicht so zwingend, dass man sich sagte: Es geht nichts für uns. Unsere Mannschaftsleistung war im Halbfinale nicht so wie davor.

Kann man reagieren auf dem Platz, wenn man als Kapitän spürt, dass es an diesem Tag nicht rund  läuft in der Mannschaft?
Manchmal schon. Wenn die Mannschaft an einem Tag weniger Leidenschaft zeigt als der Gegner, ist es wichtig, dass man eine starke Gruppe hat, die sich gegenseitig pusht, dass mehrere Spieler dies miteinander aktiv zeigen. Diesen Charakter einer Mannschaft muss man sich erarbeiten.

Sie haben die Kapitänsbinde erst kurz vor der WM übernommen, weil Michael Ballack sich verletzt hat. Haben Sie sich auf diese Aufgabe vorbereitet?
Davor habe ich mir keine Gedanken gemacht, erst als ich dann Kapitän war. Im Nachhinein musste ich feststellen, auch für mich war es das anstrengendste Turnier, das ich bisher gespielt habe, weil ich mich um alles kümmern wollte.

Ein Turnier birgt Konflikte, selbst im Erfolgsfall: Der berühmte Lagerkoller oder eine Grüppchen- und Fraktionsbildung. Wie kann man das verhindern?
Man muss einfach versuchen, dagegen zu arbeiten. Die Stimmung war immer sehr, sehr positiv. Wir haben abends manchmal zusammen Karten gespielt oder die Fußballspiele angeschaut. Das wurde von der Mannschaftsleitung organisiert. Wichtig ist, dass man in der Mannschaft für ein gutes Klima sorgt. Dass sich alle wohlfühlen und gemeinsam an einen Tisch setzen können und gemeinsam etwas unternehmen. Bei der Nationalmannschaft sitzen nicht nur die Bayern-Spieler oder Bremen-Spieler zusammen, sondern es ist bunt gemischt. Der Vorteil ist auch, wir kennen uns alle schon von den Junioren-Nationalmannschaften. Deshalb war es bei dieser WM sehr einfach, Lagerkoller zu vermeiden.

Was zeichnet einen guten Kapitän aus? Haben Sie Vorbilder?
Ich habe von jedem Kapitän, den ich hatte, etwas mitgenommen. Von Oliver Kahn zum Beispiel, wie er gearbeitet hat, das war schon beeindruckend und vorbildlich. Aber wichtig ist vor allem, dass man viel  miteinander redet, nicht nur mit den Stammspielern, sondern vor allem auch mit den Spielern, die gerade hintendran sind. Und natürlich ist es auch wichtig als Kapitän die Unterstützung vom Trainer zu spüren.

Wird man zum Kapitän geboren?
Es ist schon eine Typsache. Im Vordergrund steht aber immer die Leistung, das darf man nicht vergessen.

Wie war das bei Ihnen in der Jugend der FT Gern?
Da wurde ich ins Amt reingezwungen. Aber man wächst ja mit den Aufgaben. Und man muss das Amt auch erst eine Zeit ausüben, ehe man weiß, ob es einem Spaß macht.

Sie haben schon früh eine Stiftung gegründet und engagieren sich für soziale Projekte wie den Welt-Aids-Tag. Gehört das auch zum Profil eines modernen Kapitäns, der Vorbild ist?
Ich glaube, so etwas wird von daheim mitgegeben, sonst fehlt einem das Vorbild. Meine Eltern sind in Gern schon lange ehrenamtlich engagiert, da habe ich das früh gesehen. Ich hatte schon immer viele Anfrage von sozialen Projekten und habe diese auch gerne unterstützt. Ich denke, es gehört dazu, dass man etwas Gutes tut, von seinem Glück etwas weitergibt, wenn man Vorbild sein will und in der Öffentlichkeit steht. Nach dem ich 2007 im Rahmen eines Aids-Projektes in Südafrika war, entstand die Idee, selbst etwas zu machen.

Der Führungsstil eines Kapitäns scheint sich geändert zu haben. Täuscht es oder geht der Trend grundsätzlich hin zu flachen Hierarchien?
Ich denke, das trifft nicht nur im Fußball zu. Auch in Unternehmen gibt es nicht mehr nur einen Chef, der alles entscheidet, sondern die Verantwortung ist auf mehreren Schultern verteilt. In der Nationalmannschaft gibt es einen Mannschaftsrat mit fünf Spielern, der die größeren Entscheidungen gemeinsam trifft.

Bundestrainer Joachim Löw hatte Bastian Schweinsteiger bei der WM zum emotionalen Leader ernannt. Ist diese Arbeitsteilung in Ihrem Sinne?
Jeder Spieler muss Verantwortung übernehmen. Es war wichtig und richtig, den Bastian auch zum Kapitän zu ernennen. Im Mannschaftsrat sind mit Miroslav Klose, Per Mertesacker, Arne Friedrich, Basti und mir fünf Spieler, die sehr, sehr viel Erfahrung haben und wir verstehen uns alle sehr gut.  Wir entscheiden im Sinne der Mannschaft und versuchen auf dem Platz zu führen.

Kommt es auch zu kontroversen Diskussionen?
Es gibt immer Punkte, über die man diskutiert. In Südafrika ging es mal darum, ob wir vor einem Spiel einen Tag vorher anreisen oder bei uns im Hotel bleiben und  erst  am Spieltag die knappe Stunde ins Stadion nach Johannesburg fahren. Da gab es unterschiedliche Meinungen, aber das gehört dazu.

Das heißt, Joachim Löw bindet die Mannschaft in viele Entscheidungen ein.
Wir werden immer gefragt, wenn es die gesamte Mannschaft betrifft. Und das ist auch absolut richtig.



Philipp Lahm wurde am 11.11.1983 in München geboren. In seinem ersten Klub, der FT Gern hat auch sein Vater gespielt. Mit zwölf Jahren kam Lahm in die Jugendabteilung des FC Bayern, wo er 2001 und 2002 den Deutschen Meistertitel in der A-Jugend gewann. Im Jahr darauf wurde der Abwehrspieler für zwei Spielzeiten an den VfB Stuttgart ausgeliehen. Seit 2004 ist er Nationalspieler, bei der WM 2006 erzielte er das 1:0 im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica und war als linker Außenverteidiger einer der herausragenden Spieler der DFB-Elf. Nach der Verletzung von Michael Ballack übernahm er bei der WM in Südafrika 2010 das Kapitänsamt, das er nun auch seit Anfang 2011 auch beim FC Bayern inne hat.



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