ENTLASSEN
Auf einen Streich
Die letzte Trainer-Entlassung des Jahres: Der SC Freiburg trennt sich von Marcus Sorg. Überraschend an der Personalie ist allenfalls der Zeitpunkt. Von Christoph Ruf, Freiburg.

 

Marcus Sorg

Als Trainer in Freiburg entlassen: Marcus Sorg
Foto Pixathlon

 

Es ist nicht unbedingt überraschend, dass ein Verein, der auf dem 18. Tabellenplatz liegt, seinen Trainer entlässt. Dass er das zwei Tage vor Sylvester tut, verwundert hingegen durchaus. Zumal, wenn wie beim SC Freiburg geschehen, sowohl Manager Dirk Dufner als auch Präsident Fritz Keller in den vergangenen Wochen nicht müde geworden sind, Marcus Sorg ihre uneingeschränkte Rückendeckung zu versichern. Dass das Krisenmanagement des SC in den vergangenen Wochen nicht eben stringent war, ließ dann auch Dufner im ersten Satz durchblicken: „Es gibt Tage im Fußball, da macht es nicht so viel Freude. Der Tag heute gehört dazu." Am Mittwoch habe man sich entschieden, Sorg „mit sofortiger Wirkung von allen seinen Aufgaben zu entbinden“, fuhr er fort. „Christian Streich wird die Aufgaben übernehmen." Ex-SC-Profi Streich, der seit 1995 als Trainer im Verein aktiv ist, hat nun einen Vertrag als Chefcoach bis 2014 unterschrieben. Er gilt für die erste und die zweite Liga.

Die sportliche Lage war offenbar nicht allein ausschlaggebend bei dem Club, der in seiner Bundesliga-Geschichte noch nie vorzeitig einen Trainer entlassen hat. Vielmehr scheint es, als hätten die Verantwortlichen in den vergangenen Tagen noch einmal neu nachgedacht. Und das aus gegebenem Anlass. In dem traditionell ruhigsten deutschen Bundesligastandort war die Empörung über die Freistellung von sechs Spielern so groß, dass davon offenbar selbst der Ur-Badner im  Präsidentenamt, Fritz Keller, überrascht wurde. Dass unter den Spielern, die man kurz vor Heiligabend aussortierte, auch Kapitän Heiko Butscher war, empfanden viele SC-Sympathisanten als regelrechten Sündenfall. Sie kritisierten in hunderten Leserbriefen und Forumsbeiträgen, dass sich da ein Club von einem verdienten Führungsspieler trennt, dessen menschliche Qualitäten immer gelobt wurden. Und sie kritisierten, dass das dann auch noch mit der Logik einer Zeitarbeitsfirma („Nur die Leistung zählt“) begründet wurde. Und auch wenn die Suspendierung von Yacine Abdessadki ebensowenig zurückgenommen werden soll wie die Freistellung der anderen fünf Akteure, dürften sich die SC-Verantwortlichen durch den Trainer-Rauswurf erst einmal selbst aus der Schusslinie gebracht haben.

Schließlich war die Kluft zwischen Vereinsführung und -basis auch deshalb entstanden, weil die gleichen (Leistungs-) Kriterien, die angeblich an die aussortierten Spieler angelegt worden waren, für den Posten des Cheftrainers eben nicht zu gelten schienen. Den Eindruck, dass Sorg das Ruder herumreißen könne, hatten zuletzt offenbar nicht mehr viele Zuschauer. Als die Freiburger Ultras beim letzten Heimspiel „Sorg muss gehen“ anstimmten, fanden sich deshalb nur wenige Fans, die gegen den Gesang aufbegehrten.

Inhaltlich ist die Trennung von Sorg nachvollziehbar. Abgesehen von einer arg nichtssagenden Rhetorik sorgte auch manche Auswechslung und Nicht-Berücksichtigung von Spielern für Stirnrunzeln – und das offenbar auch in der Mannschaft. Wie der „kicker“ jüngst berichtete, monieren zahlreiche Spieler, dass weder die Videoanalysen noch die Gegnervorbereitungen auch nur annähernd die Qualität seines Vorgängers Robin Dutt hatten. Wenn der neue Coach Christian Streich gestern durchblicken ließ, dass negative Einschätzungen der Trainingsarbeit allenfalls aus dem Kreis der sechs Spieler stammen könnten, von denen man sich trennen wolle, ist das deshalb wohl eher dem Bemühen geschuldet, sich dem ehemaligen Vorgesetzten gegenüber loyal zu verhalten. Die Einschätzung, dass Sorg der Aufgabe nicht gewachsen sei, teilten in Wahrheit am Schluss viele Spieler.

Streich soll nun gegenüber der Mannschaft entschiedener auftreten, wie
Dufner durchblicken ließ: „Christian Streich ist ein anderer Typ.“ Wohl wahr. Im Gegensatz zu dem zurückhaltenden Sorg ist Streich ein energischer, temperamentvoller Zeitgenosse. Befürchtungen, dass er in Stresssituationen zu aufbrausend sein könnte, haben offenbar am Ende der Ära Dutt die Beförderung Streichs verhindert. Sie waren wohl schon damals unbegründet. Streich ist klug genug, seine Äußerungen den Erfordernissen der Mediengesellschaft anzupassen. Die Verschleierung seines südbadischen Dialekts dürfte ihm da deutlich schwerer fallen.

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