FANKONGRESS
„Keine Good-will-Veranstaltung“
Es ist der erste selbstorganisierte Fankongress: 500 Fanvertreter wollen alle Vereinsrivalitäten in Berlin ruhen lassen. Auch DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus wird "konstruktiv mitdiskutieren" – beim Thema Pyrotechnik scheint allerdings keine Einigung möglich. Von Christoph Ruf.

Fans und Polizei: Der Der Dialog geht weiter
Foto Pixathlon
An diesem Wochenende findet der erste selbst organisierte Kongress der deutschen Fanszene statt – mit auffallend prominenten Diskutanten aus den Fußballverbänden. Doch in Sachen Pyrotechnik sind die Fronten verhärtet.
Am kommenden Wochenende werden in Berlin über 500 Vertreter aller größeren Fan- und Ultragruppierungen über die Themen diskutieren, die die (wie sie sich nennen) „aktiven Fans“ in der Kurve bewegen. Der „Fankongress“ findet erstmals in diesem Jahr als von der Szene selbst organisiertes Treffen statt, „Vereinsrivalitäten ruhen“, heißt es – selbst BVB-und Schalke - Fans hätten ja punktuell ähnliche Interessen. Bemerkenswert ist, dass neben mehreren Dutzend Journalisten auch einige Diskutanten nach Berlin kommen, die zu den Prominenten im deutschen Fußball gehören. Hendrik Große Lefert, seit Sommer DFB-Sicherheitschef wird ebenso vor Ort sein wie die Fanbeauftragten von DFB und DFL und der Hannoveraner Präsident Martin Kind, der sein Plädoyer für eine weitergehende Öffnung der Clubs für Investoren erneuern dürfte.
Auch Holger Hieronymus hat sein Erscheinen angekündigt. Der DFL-Geschäftsführer will seine Teilnahme auch als „Signal“ verstanden wissen. „Wir dokumentieren damit natürlich auch, dass wir an einem konstruktiven Dialog weiter interessiert sind. Reden hilft schließlich immer.“ Geredet werden dürfte in Berlin allerdings hauptsächlich über das Thema Pyrotechnik. Und in diesem Punkt sind die Fronten klarer denn je. Nichts ist zwischen den Ultras, den zumeist jugendlichen Hardcorefans in der Kurve – und den Verbänden umstrittener als dieser Bereich. Während die einen auf die Gefahren (die Fackeln werden bis zu 2000 Grad heiß) und die Gesetzeslage (Pyrotechnik ist verboten) hinweisen, hält die Ultraszene die bunten Feuer für ein unverzichtbares Stimmungsaccessoire, verwahrt sich aber dagegen, dass „Pyros und Gewalt in einen Topf geworfen werden“, wie es bei zahlreichen Ultragruppierungen heißt. Zuletzt gab es einige Versuche, einen Kompromiss zu erzielen, beispielsweise über die Einrichtung eigens ausgewiesener und kontrollierbarer „Pyrozonen“. Im Gegenzug sollte auf das wilde Abbrennen in anderen Stadionbereichen verzichtet werden. Für das Scheitern der Gespräche zwischen Verbänden und Fans von der Initiative „Pyrotechnik legalisieren“ schieben sich beide Seiten seither gegenseitig den schwarzen Peter zu. Während DFB und DFL bezweifeln, dass die Initiativen-Vertreter repräsentativ für die Geisteshaltung in der Kurve sind und lancieren, dass die Zahl der pyrotechnischen Vorfälle trotz des guten Willens der Initiativenmitglieder zu- statt abgenommen habe, widersprechen die Fanvertreter vehement. Beim DFB hätten sich seit dem Weggang des ehemaligen Sicherheitsbeauftragten Helmut Spahn die Hardliner durchgesetzt.
„Da sind in der Vergangenheit sicher Fehler gemacht worden“, sagt Hieronymus, „es ist bedauerlich, wenn dadurch ungerechtfertigte Erwartungen geweckt wurden.“ Allerdings, so Hieronymus, sei es auch in der Vergangenheit nie um eine „Legalisierung“ von Brandfackeln oder gar Böllern gegangen (letztere wollen allerdings auch die meisten Ultras aus den Kurven verbannt wissen.) Das, so heißt es unisono bei DFB und DFL sei rechtlich auch gar nicht möglich. Zudem seien die Signale aus der Politik und aus den Clubs eindeutig ablehnend. So hätten sich 33 der 36 Sicherheitsbeauftragten gegen Pyrotechnik ausgesprochen. Die Fronten sind inhaltlich also wieder reichlich verhärtet – auch wenn das den Verbandvertretern durchaus auch unangenehm zu sein scheint. „Wir bleiben im Gespräch“, betont Hieronymus, „nur nicht über Pyrotechnik.“
Sigmund Zelt, Sprecher von „Pro Fans“, ist nicht der Einzige, der nach den neusten Entwicklungen kontroverse Diskussionen erwartet. „Die Verbände haben ja am Dienstag eine Studie veröffentlich, wonach 84 Prozent der Fußballinteressierten gegen Pyrotechnik seien. Wir verstehen nicht so recht, warum jetzt noch mal Stimmung gemacht werden soll, anstatt das am Wochenende in die Diskussion einzubringen.“ Zumal die aktiven Fans und die Stadiongänger zu der Thematik eine andere Meinung hätten als die „Fußballinteressierten“, die die Studie befragt habe: „Interessiert ist in Deutschland doch jeder zweite Bürger.“ Auch der immanente Vorwurf, die kritische Fanszene distanziere sich nicht deutlich genug von Gewalt, will er nicht auf sich sitzen lassen: „Wenn wie in Rostock mit Leuchtspurmunition in den Gästeblock gezielt wird, schockiert das doch jeden von uns. So etwas darf nicht sein.“ Pro-Fans-Sprecher Philipp Markhardt hofft ebenfalls, dass es in Berlin trotz der aus Pro-Fans-Sicht „oberflächlichen Verlautbarungen“ aus Frankfurt zu einem echten Dialog kommt. „Wir stehen weiterhin für seriöse, an Lösungen orientierte Gespräche bereit.“ Das allerdings würden DFL und DFB auch von sich behaupten. Gerald von Gorrissen, DFB-Fanbeauftragter, ist dann auch sicher, dass es in Berlin genug zu diskutieren gibt: „Wir sehen das keinesfalls als Good-will-Veranstaltung. Es gibt ja auch abseits der Pyrotechnik-Thematik viele Themen, bei denen wir uns ein Bild von den Stimmungen und Bedürfnissen der Fans machen können und vielleicht gemeinsam zu Lösungen kommen.“