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INTERVIEW
„Ich habe alles selbst in der Hand!“
Charles Takyi war einer der Spieler, die einen großen Anteil am Aufstieg des FC St. Pauli in die Erste Liga hatte. In der Bundesliga wurde er allerdings seinen Stammplatz los, den er sich nun zurückerobern will. Im RUND-Interview spricht er über seine aktuelle Situation, sein Verhältnis zu Trainer Holger Stanislawski und über ein hartnäckiges Vorurteil. Interview Fabian Kieselbach.

Charles Takyi

Feiner Techniker: Charles Takyi vom FC St. Pauli stand
zum Rückrundenauftakt gegen Freiburg endlich mal wieder von Beginn an auf dem Platz
Foto Pixathlon




Herr Takyi, wie geht es Ihnen?

Mir geht es sehr gut. Die Winterpause war in diesem Jahr sehr kurz, so dass ich mich dazu entschieden habe, nicht in Urlaub zu fahren, sondern die Zeit über zu Hause zu bleiben. Ich habe viel trainiert und mich fit gehalten. Ich wollte meinen Rhythmus nicht verlieren, damit ich beim Trainingsstart gleich Vollgas geben konnte.

Was haben sie trainiert?
Ich bin laufen gegangen in Schenefeld, habe Krafttraining gemacht, und habe mit meinem Cousin gekickt.

Wie kam der Wechsel von Greuther Fürth zum FC St. Pauli zu Stande?
Der Kontakt nach Hamburg zu Freunden, ehemaligen Mitspielern und Herrn Stanislawski ist nie abgerissen. Ich merkte in Fürth schnell, dass mir die Lebensqualität aus Hamburg fehlt und fühlte mich dort nie richtig wohl. In einem Telefonat mit Holger Stanislawski sagte er mir, dass er mich gerne wieder in seiner Mannschaft in Hamburg haben möchte. Aufgrund meiner Situation in Fürth war ich begeistert von dieser Idee. Holger Stanislawski besuchte mich dann in Fürth und wir besprachen alles genauer, er sagte mir dass ich sein Wunschspieler bin und das er aufsteigen möchte. Diese beiden Aussagen gaben den Ausschlag. Den Rest regelten dann die Vereine.

Der Stammplatz ist weg. Und nun?

Zuerst war das eine große Enttäuschung für mich. Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich in dieser für mich neuen Situation zu Recht zu finden. Sicherlich war ich beim Hamburger SV oder bei Schalke 04 damals auch kein Stammspieler und ich kannte die Situation, nicht zur ersten Elf zu zählen. Der große Unterschied zu damals ist momentan, dass ich damit überhaupt nicht gerechnet hatte. Es gab für mich keinen Anlass davon auszugehen.

Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Mittlerweile habe ich diese neue Rolle angenommen und versuche im Training alles, um wieder in die Startelf zu kommen.

Bei wem haben Sie sich Rat geholt?
Ich habe natürlich viel mit Freunden und meiner Frau und mit meiner Mutter gesprochen. Auch mit meinem Berater Cristian Djordjevic sowie mit Gerald Asamoah, der seit dem Sommer bei uns spielt. Gerald selbst kannte die von mir gerade durchlebte Phase aus Gelsenkirchen. Die Ratschläge, die man bekommt, sind allerdings immer die gleichen. Man muss selbst die Zügel in die Hand nehmen, sich nicht aufgeben und weiter an sich glauben. Ich bin davon überzeugt, dass ein Spieler, der im Training herausragende Leistungen bringt, auch spielt.

Was unternehmen Sie, um wieder Stammspieler zu werden?

Ich kann da nur eines machen: Mich im Training anbieten. Es ist doch so, ich habe alles selbst in der Hand. Es liegt ausschließlich an mir und meinen Leistungen. Wenn ich nicht spiele, dann habe ich meine Aufgabe im Training nicht erfüllt. Dann heißt es für mich auf die Zähne beißen und in der nächsten Woche wieder alles probieren. Außerdem habe ich die Winterpause genutzt, um weiter an mir zu arbeiten. Ich habe teilweise zwei Mal täglich trainiert.

Hat sich das persönliche Verhältnis zwischen Ihnen und Holger Stanislawski verändert?
Wir schätzen und respektieren uns nach wie vor sehr. In den letzten Monaten war es so, dass wir nicht mehr so häufig miteinander gesprochen haben wie zuvor. Ich beanspruche für mich aber auch nicht, dass der Trainer mir jede seiner Entscheidungen erklärt oder einmal die Woche mit mir spricht. Wir haben nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Ich respektiere seine Entscheidungen.
Hat der Trainer Ihnen erklärt woran es liegt, dass Sie momentan nicht von Anfang an spielen?
Nein, so direkt hat er es mir nicht erklärt. Das muss er doch aber auch nicht.
Gab es irgendwann mal ein längeres Gespräch mit dem Trainer?
Ja, im November. Da hat er mich aufgebaut, mir gesagt dass ich mich aus der Situation selbst wieder rausholen muss und dass er daran glaubt, dass mir dies auch gelingen wird.

Und was haben Sie zu ihm gesagt?
Ich habe ihm gesagt, dass ich nach wie vor von Herzen gerne Fußball spiele. Ich habe versprochen, dass ich da sein werde, wenn er mich braucht. Außerdem war es mir wichtig ihm zu sagen, dass er sich zu 100 Prozent auf mich verlassen kann. Wenn ich im Trikot des FC St. Pauli spiele, gebe ich immer alles für den Verein und die Fans.

Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie den Ball zu lange halten und in Zweikämpfen nicht robust genug für die Erste Liga sind. Was entgegnen Sie Ihnen?
Ich bin ein Spieler, der den Ball dann abspielt, wenn der Passweg sicher ist oder es eine reelle Chance gibt, dass der Ball auch ankommt. In der Aufstiegssaison konnte ich Bälle teilweise blind spielen. Da musste ich nicht erst schauen, ob der Mitspieler da ist wo ich ihn vermutete. Das lag daran, dass wir fast immer mit derselben Mannschaftsaufstellung gespielt haben. Mechanismen und Laufwege meiner Mitspieler waren mir klar.

Also ist die Kritik unberechtigt?
Ich denke, dass es grundsätzlich falsch ist, mir vorzuwerfen, dass ich den Ball zu lange halte. Ich spiele die Bälle am liebsten mit nur einem Kontakt. Dazu muss ich aber eine Anspielstation haben, die den Ball bekommen kann. Die Härte und Qualität der Gegenspieler ist in der Bundesliga natürlich eine andere als in der Zweiten. Ich habe gegen Dortmund, Leverkusen, Gladbach, Köln von Beginn an und gegen Mainz eine halbe Stunde gespielt. Dortmund, Leverkusen und Mainz zählen zu den stärksten Mannschaften der Liga, wie die Tabelle zeigt. Und auch wenn wir diese spiele verloren haben, so denke ich, haben wir im Verhältnis zu anderen Teams in der Liga keine schlechte Figur gegen diese drei Mannschaften abgegeben.

Ihnen wird nachgesagt, ein besonders sensibler Spieler zu sein. Stimmt das?
Ich bin nicht sensibler als andere Spieler. So ist zumindest mein persönlicher Eindruck. Es ist eine falsche Darstellung, die durch die Medien entstanden ist.

Wie sind die Medien da drauf gekommen?
In der Schlussphase der 2. Liga bin ich beim Heimspiel gegen Oberhausen nicht zum Einsatz gekommen. Danach gab es ein sehr ausführliches Gespräch mit dem Trainer, danach wurden meine Leistungen wieder besser. Das hat nicht nur mit diesem einen Gespräch zu tun. Auch meine Familie, Freunde und mein damaliger Mitspieler Thomas Meggle und mein Berater haben mir sehr geholfen. All das zusammen hat mich wieder aufgebaut.

Die typischen Tugenden des FC St. Pauli sind Kampf und Leidenschaft. Ihre Qualität liegt im spielerischen Bereich. Wie funktioniert dieser Gegensatz?

Ich denke, dass gerade in der Aufstiegssaison unsere Qualität im Spielerischen lag. Kampf und Leidenschaft sind im heutigen Fußball die Basis. Alleine damit ist es schwierig langfristig erfolgreich zu spielen. Mit dem Trainer Holger Stanislawski änderte sich die Fußballkultur bei uns. Der Trainer legt viel Wert darauf, dass wir Fußball spielen und Spaß auf dem Platz haben. Kampf und Leidenschaft setzt er bei jedem voraus.

Also passen Sie zum FC St. Pauli?
Ich fühle mich hier sehr wohl, ja. Die Spielphilosophie unseres Trainers gefällt mir sehr. Unser Spiel ist flach, schnell, direkt und immer mit Zug zum Tor. Das sind auch meine Qualitäten.

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