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INTERVIEW
„Ein Tabu, das gebrochen werden muss!“
Homosexualität ist ein Tabuthema im Fußball. Tanja Walther-Ahrens hat das Buch „Seitenwechsel“ geschrieben. Im RUND-Interview spricht sie über die momentane Situation im Profigeschäft, eigene Erfahrungen und die Frauenfußball-WM. Interview Natalie Ben-Shimon

Tanja Walther-Ahrens
„Wer etwas gegen Homophobie tut, tut etwas für einen freundlicheren, offeneren und bunteren Fußball“:
Buchautorin Tanja Walther Ahrens („Seitenwechsel“)


RUND: Was hat Sie dazu gebracht, ein Buch über Homophobie und Homosexualität im Fußball zu schreiben?Tanja Walther-Ahrens: Ich arbeite seit einigen Jahren ehrenamtlich für die European Gay & Lesbian Sport Federation (EGLSF) und beschäftige mich auf vielen Ebenen mit dem Sporttreiben von Homosexuellen. Vor allem die Situation Homosexueller im Fußball interessiert mich, als ehemalige Bundesligaspielerin und Lesbe. Außerdem bin ich sehr aktiv für meinen „Heimatverein“ Seitenwechsel Berlin. Als das Gütersloher Verlagshaus auf mich zu kam und fragte ob ich nicht ein Buch zum Thema schreiben würde, empfand ich das sofort als eine gute Idee.

 

Die EGLSF richtet die EuroGames aus, wie ist die Resonanz? Die EGLSF vergibt die Spiele an Städte, die die EuroGames dann organisieren. Tendenziell steigen die Zahlen bei solchen Veranstaltungen, wobei das unterschiedlich zu bewerten ist: „Wo findet das ganze statt, wer kann es sich leisten zu kommen?“ EuroGames sind ein völliger anderer Rahmen als der Alltag. Hier sind auf einmal ganz viele Homosexuelle untereinander. Homosexualität stellt kein Ausgrenzungsmerkmal mehr dar. Es geht darum Miteinander zu Wettkämpfen, aber auch, sich miteinander auszutauschen oder miteinander zu feiern. Angst gibt es sicher nur dann, wenn es darum geht wieder zurück in den Alltag zu gehen. „Was erzähle ich im Job, in meiner Familie, meinem Umfeld wo ich war?“

 

Warum ist die Homosexualität heutzutage immer noch ein Tabuthema, egal ob im Profisport oder im Alltag?Meiner Einschätzung nach liegt das daran, dass Klischees, Bilder und völlig veraltete Annahmen immer noch sehr in den Köpfen der Menschen verankert sind. Homosexualität ist für viele immer noch etwas unnatürliches, krankes und sündhaftes. Wer will das schon sein? Daher verschweigen viele Menschen immer noch ihre Homosexualität und fühlen sich nicht wohl mit ihrer sexuellen Orientierung. Es wird nicht darüber geredet und so wird es schnell zum Tabu. Im Sport, im Job oder in der Familie.

 

Das Klischee über Schwule passt nicht zum harten Profifußballer, das der lesbischen Frau. In ihrem Buch kritisieren Sie die Typisierung dieser Klischees. Wie, glauben Sie, kann man solch ein Denken in eine andere Richtung lenken? Ist dies vielleicht sogar schon geschehen?Teilweise werden solche Denkweisen schon irritiert, zum Beispiel durch Menschen wie David Beckham oder durch ein Nationalteam der Frauen, das ganz unterschiedliche Frauentypen auf dem Fußballfeld präsentiert. Solche Klischees sind aber über viele Jahre gewachsen und lassen sich nur langsam verändern. Dazu gehört für mich, sich von den Vorstellungen „typisch männlich/weiblich“ zu lösen. Wer sagt uns denn, wie ein Mann oder eine Frau zu sein oder auszusehen hat? Am Ende sagen wir uns das doch alle selbst. Somit können wir auch alle etwas zu der Veränderung beitragen.

 

Die Frauenfußball WM im Sommer steht bevor, Euphorie ist im Ausrichterland Deutschland noch nicht zu spüren. Was denken Sie, sind die Gründe dafür? Die WM 2011 ist eine WM der Frauen. Es wird sicherlich die bestbesuchteste WM, die es je gab, aber der Frauenfußball ist eben kein Männerfußball und einfach kein Selbstläufer. An den Medien ist zu erkennen, dass die WM 2011 eine andere Wichtigkeit hat als die 2006, da wurde schon Jahre vorher berichtet. Wahrscheinlich kommt da ganz viel zusammen. Es ist ein Teufelskreis: Frauenfußball ist nicht so interessant, es wird nicht drüber berichtet, dadurch wird er nicht interessanter und beliebter. Trotzdem bin ich mir sicher, die WM wird für alle, die sich davon begeistern lassen eine tolle Sache. Ich freu mich drauf.

 

DFB-Präsident Theo Zwanziger schätzt und begrüßt Ihr Engagement im Kampf gegen die Homosexualität, aber was wünschen Sie sich von all den anderen Verantwortlichen im Profifußball? Aussagen wie „Im Profifußball gibt es keine Schwule“ sind sowohl von Trainern, Mitspielern als auch von Fans zu hören.
Die Fußballwelt ist eine sehr konservative. Ich würde mir mehr Menschen wie Theo Zwanziger wünschen, die bereit sind sich darauf einzulassen, dass Sport bzw. Fußball auch eine soziale Verantwortung hat und zwar in vielfältigster Form. Diskriminierung ist vielfältig und keine einzige Form sollte hingenommen werden. Wer etwas gegen Homophobie tut, tut etwas für einen freundlicheren, offeneren und bunteren Fußball. Das tut allen gut, nicht nur Betroffenen.

 

In anderen Ländern ist die Toleranz der Homosexualität gegenüber noch nicht ansatzweise so hoch, wie in Deutschland. Ist es hier nicht schwierig sich dem Mitspieler aus einer anderen Kultur so zu offenbaren? Natürlich hinken uns andere Länder noch etwas hinterher, wenn es um die rechtliche Gleichstellung von Homo- und Heterosexualität geht. Aber ich empfinde es manchmal so, dass wir nicht unbedingt deswegen so viel weiter sind als diese Länder. Hier wissen viele, was sie nicht sagen dürfen, das heißt aber nicht, dass sie die erweiterten Gesetze auch gut finden. Das ist im Fußball nicht anders als in der Restbevölkerung.‚Ä®Die Vielfalt, die im Fußball schon vorherrscht muss doch eher eine Möglichkeit sein, noch mehr Vielfalt zuzulassen als umgekehrt oder? Sonst müssten Spieler auch sagen: „Da spiele ich nicht, die haben nicht die richtige Religion/Kultur/Nationalität“.

 

Es gibt noch keinen Fußballprofi in Deutschland, der sich geoutet hat. Welche Hemmschwelle muss hier überwunden werden?Ein Coming-Out beinhaltet immer eine große Hemmschwelle. Weil ich nie weiß, was passiert. Ich kann mir eine Million Szenarien ausmalen und dann wird es doch anders. Jedes Coming-out ist ein Wagnis. Egal ob in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, im Job oder eben im Sport. Immer spielt dabei die Angst, die Angst nicht mehr gemocht zu werden eine große Rolle. Im Profi-Sport kommt hier zusätzlich noch die nicht zu kalkulierende Reaktion der Medien hinzu und immer wieder Aussagen, die deutlich machen, das Homosexuelle eben nicht immer und überall erwünscht sind.

 

In Ihrem Buch reden viele Sportler und Sportlerinnen, die sich dazu bekennen schwul oder lesbisch zu sein. War es schwierig, die Interviews zu führen?Das ist glaube ich sehr unterschiedlich. Imke Dupltzer und John Ameachi haben schon viel über ihre Homosexualität gesprochen und sie tun es gerne. Sie sehen sich dabei auch als Vorbilder. Andere wie Patric oder die beiden Schiris sind vorher noch nie interviewt worden und fanden es am Anfang eher ungewöhnlich, dass ich mit ihnen reden wollte, aber sie haben gerne und offen berichtet. Sie sind für mich auch Vorbilder. Ich war sehr froh, solche GesprächspartnerInnen zu haben.

 

Was war Ihre persönlich prägendste Erfahrung in diesem Bereich, die Sie selbst miterlebt oder auch mitbekommen haben?Es gab immer wieder viele kleine Erlebnisse und Geschichten über Diskriminierungen verschiedenster Art, die mir erzählt wurden, wobei aber auch gleich gesagt wurde, dass ich darüber nicht schreiben soll bzw. es nicht erwähnen darf. Das hat mich schon immer sehr berührt. Ich bin mir sicher, dass mit Offenheit gegen die Leute vorgegangen werden kann, die immer noch meinen, ungestört andere diskriminieren zu können. Wir müssen es nur aus der Schmuddelecke rausholen. Ich bin lesbisch und daran ist nicht böses, schlimmes, ansteckendes, sündhaftes oder sonst was. Ich bin gerne bereit, dass zu verteidigen.Was würden Sie sich von jedem Einzelnen in der Gesellschaft wünschen?Im Grunde das, was ich mir auch von mir wünsche: Offenheit und Neugier für Neues und Anderes auch wenn es mir auf den ersten Blick völlig fremd ist. In diesem Zuge dann auch bereit dazu zu sein, eine bzw. meine Meinung zu ändern, aber auch zu äußern. Nur wenn wir alle sagen, was wir denken, kommen wir irgendwann mal dazu, uns auch zu verstehen. Ich wünsche mir die Größe andere so sein zu lassen wie sie sind und das wünsche ich mir auch von anderen.

 

Tanja Walther-Ahrens: Seitenwechsel. Coming-Out im Fußball176 Seiten, ISBN: 978-3-579-06699-8, 14,99 Euro

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