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KOLUMNE
Merci bien!
Die Bilanz der Europameisterschaft, die unsere Kolumnistin in Frankreich erlebte. Von Samira Samii.

 

Samira SamiiSportmanagerin Samira Samii in St. Tropez

 

Ich war fast während der gesamten EM in Frankreich. Am Anfang überwiegend für meinen Job, später teilweise privat und am Ende sogar im Urlaub in Saint Tropez. Ich besuchte das Eröffnungsspiel und viele weitere Spiele. Teilweise wurden mein Team und ich von Verbänden eingeladen und teilweise wollten wir einfach nur neue Mannschaften und junge Talente beobachten.
 
Das Wichtigste war jedoch, dass die schlimmsten Befürchtungen nicht eingetroffen sind. In dieser Hinsicht war die EM eine große Erleichterung und ein Triumph der Menschlichkeit über Angst und Grauen. Wir alle erinnern uns noch mit Schrecken an die Ereignisse vom 13. November 2015 und die Anschläge der Terroristen. Gott sei Dank war die EM friedlich, bis auf einige fanatische Fans aus Russland und England, welche jedoch in diesen Tagen nur ein kleines Randproblem darstellten. Die Sicherheitsvorkehrungen während der EM 2016 waren allgegenwärtig und ausgezeichnet. Letztendlich hatte die Polizei die Lage im EM-Land Frankreich im Griff. Die Sicherheitskräfte mussten Höchstleistungen bringen und das taten sie auch. Die gute Nachricht ist, dass vier Wochen lang ein Großereignis gefeiert werden konnte und alles bis zum Finale sicher und friedlich ablief.
 
Die schlechte Nachricht ist der Sport! Wir haben vier Wochen lang eine Fußball-Europameisterschaft erlebt, welche durch neue Regularien aufgebläht wurde. Ohne neue Regeln würde es auch nicht den neuen Europameister Portugal gaben. Aber mal von Anfang an.
 
Die Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich war die 15. EM und die erste mit 24 anstatt nur 16 Mannschaften. So änderte sich auch der Qualifikationsmodus und es kamen die 6 Gruppenersten und Gruppenzweiten sowie die vier besten Gruppendritten in das Achtelfinale und somit in die K.O.-Runde. Dadurch konnten wir in 4 anstatt 3 Wochen mehr Fußball auf überwiegend durchschnittlichem Niveau erleben. Viele Spiele waren kaum erträglich und einige Mannschaften hatten mehr Angst vor der Niederlage als Spaß am Spiel. Für die Zuschauer in den Stadien und am TV war das eher ermüdend als begeisternd. Positiv betrachtet kann man auch sagen, dass die kleinen Mannschaften gelernt haben zu verteidigen. Kritisch betrachtet gab es zu wenig Tore und zu wenig Spaß und Freude am Fußallspiel. Wir erlebten eine EM mit durchschnittlich weniger als 2 Toren pro Spiel und eine K.o.-Runde mit sehr vielen Verlängerungen.
 
Wir haben einen neuen Europameister mit Portugal, der bei vergangenen Europameisterschaften nicht einmal die Vorrunde überlebt hätte. Ich freue mich für Portugal und für Cristiano Ronaldo, der ein Teil des Märchens war. Ausgerechnet der große Star verletzte sich im Finale und musste lange zusehen wie das restliche Kollektiv für ihn den Titel gewann. Den ersten großen Titel für Portugal, trotz früheren Superstars wie Figo und Eusebio. Cristiano Ronaldo brachte Portugal als Kapitän die erste große Trophäe. Aber es ist auch allen klar, dass Portugal nicht den Fußball der Zukunft gespielt hat und nicht als Vorbild dienen sollte. Es reichten drei Unentschieden in der Vorrunde, zwei Verlängerungen, ein Elfmeterschießen und ein einziger Sieg in 90 Minuten im Halbfinale gegen Wales. Vor zwölf Jahren gewann bei der EM in Portugal mit Griechenland ein Außenseiter den Titel und 2016 war es ähnlich mit Portugal. 2004 war es der Beginn einer Weltkarriere von CR7 und 2016 war es die Krönung.  –  Portugal ist der verdiente Europameister!   
 
Es war nicht alles schlecht! Wir hatten viel Spaß mit den „kleinen“ Mannschaften aus Island und Wales. Ausgerechnet Island kegelte England 2 Tage nach dem Brexit aus der Europameisterschaft und Wales stand überraschender Weise im Halbfinale. Schön daran ist, dass die Hälfte des Wales-Teams in England geboren wurde und sie erst viel später ihren Vorfahren und dem Ruf des Drachens folgten - dem mystischen Wesen auf der Waliser Flagge. Über 10 Prozent der Isländischen Bevölkerung (Gesamt: 333.000 Einwohner) war während der EM in Frankreich. Wir haben mit Dimitri Payet und Kolbeinn Sigthorsson Sterne aufgehen und mit Spanien sowie Wayne Rooney Sterne untergehen sehen.
 
Vielleicht war es Karma, Schicksal oder einfach nur der absolute Siegeswillen, der Deutschland den ersten Sieg in einem großen Turnier über Italien bescherte. Ebenso wie die schlechter spielenden Franzosen den ersten Sieg seit mehr als 50 Jahren über Deutschland feiern konnten. In einem durchschnittlichen Finale war es dann wieder Portugal, welches vom Schicksal begünstigt wurde. In meinen Augen war das Viertelfinale zwischen Deutschland und Italien das beste und intensivste Spiel zwischen den beiden besten Mannschaften des Turniers. Es spielte ein viermaliger Weltmeister gegen einen viermaligen Weltmeister. Deutschland spielte den souveränsten Fußball mit dem meisten Ballbesitz und den meisten Pässen (Danke an Toni Kroos!), doch leider hat der Weltmeister etwas das Toreschießen verlernt.
 
Am Ende bleiben uns vier Wochen Europameisterschaften in Frankreich in guter Erinnerung mit einem überragenden Antoine Griezmann und einem weinenden Superstar Cristiano Ronaldo, der seit 12 Jahren mit Portugal versucht einen großen Titel zu gewinnen. Ronaldo hat alles gewonnen, wurde auch in diesem Jahr Championsleague-Sieger und mehrfach Weltfußballer, aber ausgerechnet in seinem ersten Finale mit Portugal verletzte er sich nach wenigen Minuten und sein Team gewann ohne, aber für seinen Superstar den Titel. Es bleiben die traurigsten und die glücklichsten Tränen des arrogant wirkenden Superstars in Erinnerung. – Es war eine gute EM mit vielen Emotionen und einem würdigen Europameister, dem ich von Herzen gratuliere.
 
Un grand Merci à France et félicitations sur le Portugal!



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