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DOSENWURF
Der Dosenwurf: Die Blechbüchse vom Bökelberg
Vor 50 Jahren hat Coca Cola Fußballgeschichte geschrieben, und Jef Dorpmans hat das sofort geahnt. Am 20. Oktober 1971 durfte der Holländer sein erstes großes internationales Spiel pfeifen, Europacup der Landesmeister auf dem Gladbacher Bökelberg gegen Inter Mailand. Und Dorpmans hat sich ein Souvenir von damals mitgenommen. Von Peter Ahrens

Coladose
Die echte Dose: Der Auslöser des Skandals steht heute in Arnheim
Foto David Klammer



Eine Büchse, ach, was,
die Büche, das berühmteste Stück Blech der Sporthistorie. Das Corpus Delicti, das den Inter-Stürmer Roberto Boninsegna wie ein Fallbeil zu Boden stürzen und den größten Gladbacher Europacuperfolg zur Makulatur werden ließ. Im kleinen Fußballmuseum des Ehrendivisionärs Vitesse Arnheim ist sie heute ausgestellt. Dank Jef Dorpmans.

Es war die 29. Minute an diesem Mittwochabend. Borussia führte mit 2:1, als Boninsegna nach dem Büchsenwurf aus der Gladbacher Fanecke den Halbtoten markierte und sich vom Feld tragen ließ. „Bei den Italienern konnte man seinerzeit fast generell davon ausgehen, dass es sich bei der Aktion um Schauspielerei handelte“, so Exschiedsrichter Dorpmans in einem Interview mit dem Gladbacher Fanportal torfabrik.de. „Aber ich hatte keine Beweise.“

81 Jahre ist Dorpmans heute alt, aber er erinnert sich an jede Einzelheit dieses Abends. Wie er das Spiel anschließend sieben Minuten unterbrach und in die Kabine ging. „Dann kam der Polizeihauptkommissar von Mönchengladbach und bat mich, das Spiel fortzusetzen, weil auch 7000 bis 8000 Italiener im Stadion waren.“ Der damalige Uefa-Beobacher Matt Busby erwähnte den Büchsenvorfall seltsamerweise nicht einmal in seinem Spielbericht und formulierte über den Schiedsrichter lediglich lakonisch: „The referee was helped considerably with his linesmen and they were a good team.“ Der vermeintliche Büchsenwerfer vom Bökelberg hingegen wurde noch am Tatort abgeführt. Er hat sich seitdem kein Fußballspiel mehr im Stadion angeschaut. Noch 25 Jahre danach beteuerte er in der „Bild“-Zeitung: „Ich habe nicht geworfen.“

Die italienischen Stars hatten bereits im Jahr zuvor, beim Jahrhundertspiel gegen Deutschland im WM-Halbfinale 1970, ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, auf dem Platz unvermittelt zu verscheiden, um anschließend der Wiederauferstehung zu frönen. Boninsegna wollte nach dem Büchsenwurf , so erinnern sich zumindest die Gladbacher Spieler, wieder aufstehen und weiterspielen, doch Inter-Coach Invernizzi habe ihn rasch wieder zu Boden gedrückt.

Der Rest ist Legende: Borussia spielte sich quasi in einen Cola-Rausch, 5:1 zur Pause, 7:1 am Schluss, zweimal Netzer, zweimal Heynckes, zweimal Le Fèvre, einmal Sieloff. Protest von Inter. Annulierung des Spiels. Wiederholung in Berlin 0:0, Sieloff verschießt einen Elfmeter, Libero Luggi Müller wird zusammengetreten. Der Täter: Roberto Boninsegna. Gladbach scheidet aus.

Die Büchse bekam Dorpmans vom Polizeikommissar in die Hand gedrückt, „nach meiner Wahrnehmung war sie leer, als sie geworfen wurde“. Vitesse Arnheim war schon immer sein Klub gewesen, und da war es Ehrensache für Dorpman, das berühmte Objekt dem Vereinsmuseum zu stiften. Dort steht sie heute unscheinbar zwischen anderen Devotionalien der holländischen Ehrendivision.

Vor der Disziplinarkommission der Uefa in Genf sagte Dorpman übrigens artig aus, dass er keinerlei Verletzung bei Boninsegna festgestellt habe. „Ich war damals einer derjenigen, die eine Wiederholung unnötig fanden. Es gab aber eine Menge Italiener damals in den Uefa-Gremien, und ohne jetzt suggestiv werden zu wollen: Inter hatte die richtigen Leute an der besten Stelle.“

Dorpmans pfiff 1971 übrigens auch ein Spiel zwischen Ajax Amsterdam und Den Haag in der holländischen Ehrendivision. Mitten im Spiel flog – na, was wohl – eine Büchse. Dorpmans forderte Ajax-Kapitän Johan Cruijff auf, die Büchse aufzusammeln und wegzuräumen. Danach wurde weitergespielt. So kann es auch gehen.






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