INTERVIEW
„Ein bisschen was von Klassenkampf“
Claude Makelele spielt heute mit Paris Saint Germain bei Borussia Dortmund. Im RUND-Interview spricht der 37-Jährige über nervige Trainer und seine afrikanischen Wurzeln. Interview Christine Sallès.

RUND: Monsieur Makelele, lassen Sie uns zunächst ein wenig in die Vergangenheit blicken. Sind Sie über Ihren Vater zum Profifußball gekommen?
Claude Makelele: Nein. Mein Vater war zwar zairischer Nationalspieler, ein Leopard, aber hat mich nie zum Fußball gedrängt.
RUND: Sprechen Sie mit ihm über Fußball?
Claude Makelele: Nein, auch das nicht. Das wird Ihnen vielleicht seltsam vorkommen, aber als ich jung war, wurde mit meinem Vater nicht über Fußball gesprochen. Ich weiß, dass er ein sehr guter Spieler war, weil meine Onkels und Tanten immer zu mir sagen: "Ach, wenn du nur die Hälfte des Talents deines Vaters hättest." In Kinshasa bin ich der "Sohn des Fußballers". Aber wir sprechen weder über Fußball noch über seine Karriere.
RUND: Kehren Sie häufig in die Demokratische Republik Kongo zurück?
Claude Makelele: Jedes Jahr, es sei denn, es geschieht etwas Unvorhergesehenes. Ich habe mir ein Haus in Kinshasa bauen lassen und fahre auch mit meinen Kindern dorthin, denn mir liegt daran, dass sie ihre Wurzeln kennen.
RUND: Auf welcher Position haben Sie früher gespielt?
Claude Makelele: Ich war Mittelstürmer und bin mit dem Alter auf dem Platz immer weiter nach hinten gerutscht. Vermutlich werde ich hinter den Toren auf der Tribüne enden. Mit zunehmender Reife habe ich aufgehört, auf meine Trainer zu schimpfen, die mich zurückversetzten. Einem nach dem anderen muss ihnen klar geworden sein, dass ich die Qualitäten eines Scheibenwischers habe und mein technisches Rüstzeug und meine Fähigkeiten vor der Abwehr am besten eingesetzt werden.
RUND: Haben Sie denn früher mehr Tore geschossen als heute?
Claude Makelele: Ich will nicht lügen: Ich war nie ein großer Torjäger. Schon gar nicht in der französischen Nationalmannschaft.
RUND: Welche Trainer haben Sie geprägt?
Claude Makelele: Letztlich sind sie mir alle irgendwann einmal auf die Nerven gegangen, aber ich habe mir gesagt, dass mir das helfen würde, Fortschritte zu machen.
RUND: Ein bestimmter?
Claude Makelele: Der mir auf die Nerven gegangen ist? Eigentlich alle ein wenig. Derjenige, der mich dafür am meisten geprägt hat, ist zweifelsohne Jean-Claude Suaudeau, unter dem ich beim FC Nantes gespielt habe, denn er war seiner Zeit voraus, revolutionär. Das ist er übrigens immer noch. Er ist mein Bezugspunkt. Kein Trainer, ein Lehrer. Ein Meister des Lebens. In Europa gab es niemanden, der seine Vorstellung vom Kurzpassspiel teilt, der uns wie er antrieb, auf diese Art schnell zu spielen. Die Erinnerungen, die ich aus dieser Zeit an ihn habe, drehen sich vor allem um seinen taktischen Unterricht. Mich hat er dabei nicht ausgelassen.
RUND: Weil Sie mit seiner Tochter ausgegangen sind!
Claude Makelele: (Gelächter) Das ist mittlerweile Geschichte. Wir stehen uns noch nahe, telefonieren von Zeit zu Zeit miteinander. Sie hat inzwischen auch zwei Kinder.

RUND: Sie waren im französischen, spanischen und englischen Fußball erfolgreich – wie erklären Sie sich diese Beständigkeit?
Claude Makelele: Ich passe mich leicht an. Selbst wenn mir manchmal nachgesagt wird, dass ich bei Olympique Marseille nicht so erfolgreich war wie bei Madrid, so hat mir diese Etappe doch geholfen und mich gestärkt. Ich glaube, dass ich da das erste Mal in meiner Karriere wirklich in Schwierigkeiten gesteckt habe.
RUND: Kommen wir auf Marseille zurück. Wie so viele ehemalige Spieler von Nantes, die aus der Schule von Suaudeau stammen, hatten Sie Probleme, sich an einen anderen Spielstil zu gewöhnen ...
Claude Makelele: ... nein, es war nicht schwierig, sich anzupassen. Es geht eher um das Umfeld, die neuen Denkweisen. Deswegen meine ich, dass es mir geholfen hat. Ich brauchte sicher einige Etappen zwischen Nantes, dem Familienverein, und Real. Celta Vigo war zum Beispiel eine wesentliche Etappe. Dort bin ich ruhiger geworden, habe ich die Freude am Spiel und paradoxerweise zugleich meinen Ehrgeiz wieder gefunden. All diese Dinge, von denen ich den Eindruck hatte, ich hätte sie in Marseille nach meinen goldenen Jahren in Nantes verloren.
RUND: Als Sie aus Madrid weggegangen sind, gab es eine Affäre um das große Geld. Sie waren der Ansicht, man würde Sie nicht gut genug bezahlen. Man muss es doch aber wohl nicht übertreiben.
Claude Makelele: Es ging dabei mehr ums Prinzip und um Respekt als um Geld. Das ist ein bisschen wie bei den Jungendlichen, die in den Pariser Vorstädten revoltiert haben. Wenn du die Nase voll davon hast, dass man auf dir herumtrampelt, dass man dich wie Dreck behandelt und dich für ein Arschloch hält, dann machst du das zu einer Frage der Ehre. Also habe ich nein gesagt. Ich habe Real niemals schlecht gemacht, ich habe nur verlangt, dass man mir denselben Respekt zollt wie den anderen Spielern. Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit.
RUND: Das hört sich wie eine Gewerkschaftsparole an.
Claude Makelele: Es hatte ein bisschen was von Klassenkampf, mal abgesehen davon, dass es sich bei den Summen natürlich nicht gerade um den Mindestlohn handelt. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich unanständig war. Außerdem hatte ich viele Verbündete. Es gab sogar Fans von anderen spanischen Vereinen, die mich unterstützt haben, andere Spieler, die selbst in ähnlichen Fällen keinen Erfolg hatten. Ich habe es auch ihrer Unterstützung zu verdanken, dass ich gehen konnte.
RUND: Nach der Trennung von Real Madrid, die Sie erzwangen, kamen Sie zum FC Chelsea. Können Sie sich an Ihr erstes Training erinnern?
Claude Makelele: Ich habe geglaubt, ich müsse darum bitten, auf der Trage vom Platz gebracht zu werden. Alle fünf Minuten hat mich so ein Bulldozer über den Haufen gerannt. Das war ein gewaltiger Unterschied zu Real. Das habe ich schmerzhaft lernen müssen.
RUND: Erzählen Sie uns etwas von den Methoden des ehemaligen Chelsea-Coaches José Mourinho?
Claude Makelele: Er verlangt einfach Disziplin, Strenge und Respekt von uns. Mourinho hat keine seelische Bindung an die Spieler, nur die Mannschaft zählt. Und natürlich sind die Ergebnisse wichtig. Er ist immer direkt. Er ist ein Profi, der die Spieler zum Nachdenken zwingt. Das heißt: Meistens ist man schon auf der Bank, bevor man überhaupt anfangen kann zu denken. Er ist ein Typ, der seine Prinzipien hat und der wirklich auf das Kollektiv baut, nicht auf den Einzelnen.
RUND: Fühlen Sie sich wohl in diesem System?
Claude Makelele: Jedem sein Job. Der Trainer entscheidet über die Mannschaft und das taktische Schema, und ich passe mich an.
RUND: Mourinho eckt häufig an. Macht er sich mit seiner Art Freunde?
Claude Makelele: Er ist ehrgeizig, er ist jemand mit mehreren Gesichtern. Wir als Spieler haben das Glück, den Menschen zu kennen. Wir kennen nicht nur das Bild, das er von sich zeigt, und wir wissen, dass das häufig ein Spiel ist.
RUND: Chelsea verdirbt den Fußball, indem der Verein mit geöffnetem Scheckheft Spieler anwirbt. Interessieren Sie sich für die Herkunft all dieses Geldes? Gibt es da keine Widersprüche zu ihren tiefsten Überzeugungen?
Claude Makelele: Ich gehöre nicht zu denen, die darüber reden. Das interessiert mich nicht, das entspricht nicht meinem Charakter.
RUND: Warum wollen Sie darüber nicht sprechen?
Claude Makelele: Ich habe keine Lust, das ist alles.
RUND: Möchten Sie lieber über die französische Nationalmannschaft sprechen? Was ist der beste Plan für diese Auswahl: mit einem oder zwei Stürmern?
Claude Makelele: Warum sollte das wichtig sein, solange wir gewinnen? Die Stärke der Mannschaft ist nicht das taktische Schema, sondern die Fähigkeit, sich dem Spiel entsprechend anzupassen, die kollektive Reaktion gegenüber dem Gegner auf dem Platz. Man kann gut mit drei defensiven Mittelfeldspielern spielen, und gegen eine andere Mannschaft fühlt man sich damit weniger gut, entweder weil der Gegner anders spielt oder weil einer der drei nicht so gut in Form ist wie beim Mal davor.
RUND: Sie sind Botschafter der Weltfriedenstage. Es ist kaum bekannt, dass Sie in diesem Maße gläubig sind.
Claude Makelele: Anfangs hat mich die Kritik an meinem Glauben getroffen. Mir wurde vorgeworfen, dass es nicht mit wahrem Glauben vereinbar sei, durch den Fußball enorme Summen zu verdienen. Das hat mich getroffen. Aber ich habe gelernt, Abstand zu gewinnen. Der Glaube gibt mir Gleichgewicht. Das kommt von meiner Erziehung. Gott hat mir erlaubt, Profi zu werden, er hilft mir, bei Problemen standzuhalten. Ich praktiziere meinen Glauben nicht zu einhundert Prozent, ich gehe nicht zum Beten in die Kirche, weil ich denke, dass man das jederzeit tun kann, zu Hause mit einer Bibel. Aber es beruhigt mich zu beten. Und dann hatte ich das Glück, vor einigen Jahren Johannes Paul II. zu treffen. Das prägt einen fürs Leben. Heute weiß ich, dass ich den lieben Gott treffen kann.
RUND: Nach Ihrem Tod, meinen Sie?
Claude Makelele: Wieso? Glauben Sie, es sei unmöglich, ihn zu Lebzeiten zu treffen? Ich nicht.
Das Interview ist in RUND #12_07_2006 erschienen.
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