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INTERVIEW TEIL 2
„Ich bin einfach kein Schnacker“
Sportchef Dietmar Beiersdorfer über die Gemeinsamkeiten von Ernst Happel und Martin Jol und was sich beim Hamburger SV in der Rückrunde ändern muss. Interview Rainer Schäfer.

Dietmar Beiersdorfer
Häufig unterschätz: Didi Beiersdorfer, der einst auch in Hamburg Profi war
Foto Hoch Zwei


RUND: Herr Beiersdorfer, nach gutem Saisonstart fehlte beim HSV zuletzt die spielerische Linie.

Dietmar Beiersorfer: Das ist momentan zweitrangig. Wir haben uns eine Zeit lang unprofessionell verhalten, weil wir in mehreren Spielen innerhalb weniger Minuten drei, vier Tore gekriegt haben. Jetzt muss ich sagen: Wir verhalten uns professionell, wir haben die Spiele gewonnen, die zu gewinnen sind. Auch wenn der Esprit und die Kreativität im Spiel nach vorne phasenweise gefehlt hat.

RUND: Dafür war auch Thiago Neves vorgesehen, der Rafael van der Vaart ersetzen sollte.
Dietmar Beiersorfer: Thiago hat sich bislang nicht in der Mannschaft etabliert. Wir müssen versuchen ihn in der Vorbereitung auf die Rückrunde zu integrieren.

RUND: Die Integration von brasilianischen Spielern bereitet vielen Klubs Kummer. Sie haben schon angekündigt, dass Neves in der Rückrunde die Pampers ablegen müsse.
Dietmar Beiersorfer: Er muss die Chancen nützen, die er bekommt. Er muss das Kunststück fertig bringen, sich als der herausragende Spieler zu präsentieren, der er in Brasilien war. Aber andererseits die Demut haben, sich ohne Allüren ins Spiel zu integrieren.

RUND: Sie mussten nach dem plötzlichen Abgang van der Vaarts nach Madrid innerhalb kurzer Zeit auf dem Transfermarkt aktiv werden. Haben Sie das Optimum erreicht?

Dietmar Beiersorfer: Ich finde, wir haben das alle zusammen sehr gut gemacht. Das muss man auch mal sagen dürfen. Ich bin nicht derjenige, der sich da immer vordrängt. Wir haben mit unseren Mitteln einen Kader zusammengestellt, der Perspektive besitzt und auch aktuelle Leistungsfähigkeit.

RUND: Ihnen wurden in der Vergangenheit mit den Verpflichtungen von Mohamed Zidan, Emile Mpenza, Benjamin Lauth und Danijel Ljuboja Fehler nachgesagt.
Dietmar Beiersorfer: Ich habe keine Lust, immer der einzige Idiot zu sein, der einen Fehler zugibt. Deswegen mache ich es heute auch nicht.

RUND: Der HSV hat vor kurzem ein Modell vorgestellt, das Transfers durch Sponsorengelder erleichtern soll. Was ist daraus geworden?

Dietmar Beiersorfer: Im Moment gibt es keinen solchen Transferfall und es ist auch keiner angedacht.

RUND: Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Umgangsformen unter den Managern in den Transferperioden rauer werden. Oft rangeln mehrere gleichzeitig um einen Spieler.
Dietmar Beiersorfer: Das ist wahrscheinlich die Angst von einigen, etwas zu verpassen und zu spät zu kommen. Wobei die Selbstbestimmung ein wenig verloren geht, wenn man noch auf Pferd drauf springen möchte, auf dem schon ein anderer sitzt. Ich glaube nicht, dass das in allen Fällen gerechtfertigt ist.

RUND: Es wird zu viel Hysterie um Spieler verbreitet, die so viel Aufmerksamkeit nicht wert sind?
Dietmar Beiersorfer: Ja, manchmal schon.

RUND: HSV-Trainer Martin Jol wirkt unantastbar und souverän. Er erinnert an den großen Ernst Happel, unter dem Sie noch trainiert haben.
Dietmar Beiersorfer: Jol erfasst ähnlich wie Happel die Komplexität und die verschiedenen räumlichen Dimensionen des Fußballspiels: Wenn man an einer Schnur zieht, kommt es an einer anderen Stelle zu Veränderungen. Diese Kausalität empfindet und erklärt er wie Ernst Happel.

RUND: Könnte Happel heute noch den HSV trainieren?
Dietmar Beiersorfer: Er war ein hervorragender Taktiker. Aber ich weiß nicht, wie das wäre, wenn man ihn in die heutige Zeit beamen würde. Er war in den 80er Jahren so, weil ihn die 50er, 60er und 70er Jahre geprägt hatten. Er würde vermutlich nicht mehr so auftreten wie damals.

RUND: Sie haben ihn zum ersten Mal gesehen, als er nackt mit einer fetten Goldkette um den Hals aus der Mannschaftsdusche kam und Sie grimmig anschaute.
Dietmar Beiersorfer: Solche persönlichkeitsbildenden Situationen, wie ich Sie mit Happel erlebt habe, müssen die heutigen Spieler nicht mehr durchstehen. Vermutlich hätte er heute seine eigene Dusche und seinen eigenen Umkleideraum.

RUND: Happel galt als Schweiger. Heute muss ein Trainer kommunizieren.
Dietmar Beiersorfer: Es war nicht so, dass Happel nichts zu sagen hatte. Aber er hat seinem innersten Kreis mehr Beachtung geschenkt als dem äußeren – was ich heute auch noch für richtig halte. Auch wenn von der Öffentlichkeit anderes verlangt wird. Er hat das gemacht, was wichtig für ihn und seine Mannschaft war, andere Erwartungen waren ihm egal.

RUND: Sie haben eine Doktorarbeit begonnen, „Strategisches Management in einem Bundesliga-Verein“. Würden Sie die Arbeit anders schreiben mit dem Wissen, das Sie heute haben?
Dietmar Beiersorfer: Ich bin ja nur bis Seite 93 gekommen. Diese Arbeit war der Versuch, Fußball als ein Instrument zu fassen, das aufgrund von Zahlen gesteuert werden kann. Das Steuern durch Zahlen ist gut und wichtig, wird aber der Kultur und Emotionalität des Fußballs nicht gerecht.

RUND: Ist das die Erkenntnis aus Ihrer praktischen Arbeit?
Dietmar Beiersorfer: Nicht nur, die politische Komponente in einem Verein habe ich unterschätzt. Die habe ich in meiner Gedankenwelt als nicht so elementar eingeschätzt.

RUND: Sie gelten als wenig spontan und werden aufgrund Ihres fränkisch-ruhigen Naturells gerne unterschätzt.
Dietmar Beiersorfer: Solange die Ergebnisse meiner Arbeit stimmen, ist mir das egal. Wenn man jedes Wort, jeden Satz immer wieder an seinem Wertesystem abprüft, dann ist es halt schwierig, schneller zu sprechen. Ich bin einfach kein Schnacker, wie der Hamburger sagt.


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