Taktik
Zu dynamisch für starre Systeme
Die Grundordnung nützt mittlerweile wenig, um den Spitzenfußball zu verstehen: Bei den Mannschaften von Pep Guardiola kann aus einer Viererkette innerhalb weniger Sekunden eine Dreierstruktur im Aufbau entstehen, während ein Innenverteidiger ins Mittelfeld vorrückt. Eine Analyse von Marius Thomas

Die Formationen werden im Fußball unwichtiger. Heute müssen die Situationen häufiger an der Taktiktafel aufgezeichnet werden Foto Pixathlon
Über Jahrzehnte begann jede taktische Diskussion im Fußball mit einer einfachen Frage: In welchem System spielt die Mannschaft? 4-4-2, 4-3-3 oder 3-5-2 – Formationen galten als Schlüssel zum Verständnis eines Teams. Sie waren taktische Identität, Orientierung für Spieler und Erklärung für Zuschauer. Wer ein Spiel analysieren wollte, zeichnete zunächst die Grundordnung auf das Papier. Heute reicht diese Beschreibung immer seltener aus. Moderne Mannschaften verändern ihre Struktur ständig – oft mehrmals innerhalb eines Spiels. Im Aufbau stehen plötzlich drei Verteidiger in einer Linie, während ein Außenverteidiger ins Mittelfeld rückt. Beim Pressing entsteht ein 4-4-2, im Ballbesitz ein 3-2-5, nach Ballverlust wieder eine völlig andere Ordnung. Die Formation ist kein fixer Zustand mehr, sondern ein Momentbild. Besonders deutlich wird diese Entwicklung bei Teams wie Manchester City oder Bayer Leverkusen. Unter Pep Guardiola kann aus einer Viererkette innerhalb weniger Sekunden eine Dreierstruktur im Aufbau entstehen, während ein Innenverteidiger ins Mittelfeld vorrückt. Auch Leverkusen unter Xabi Alonso veränderte seine Staffelung situativ: Mal wirken die Abläufe wie eine klassische Dreierkette, mal wie eine Viererformation. Entscheidend ist dabei nicht die Zahl der Spieler in einer Linie, sondern die Funktion, die sie gerade erfüllen. Damit verschiebt sich der Fokus der taktischen Analyse. Die Frage lautet nicht mehr primär: In welchem System spielt eine Mannschaft? Wichtiger ist: Was versucht sie in diesem Spiel zu erreichen? Der Matchplan – also die Idee, wie ein Team Räume bespielen, Druck erzeugen oder Tempo kontrollieren will – rückt ins Zentrum. Formationen verschwinden dadurch nicht. Sie bleiben eine Orientierung. Doch sie erklären das Spiel nicht mehr vollständig. Der moderne Fußball ist weniger ein Systemspiel als ein Ablaufspiel – geprägt von Mechanismen, Rollen und Entscheidungen, die weit über die Grundordnung hinausgehen.
Warum Formationen lange so wichtig waren
Dass Formationen im Fußball so lange eine zentrale Rolle spielten, hat mehrere Gründe. Vor allem boten sie Orientierung. Für Spieler, Trainer und Zuschauer gleichermaßen. Eine Grundordnung wie das 4-4-2 oder 4-3-3 machte sofort sichtbar, wie eine Mannschaft den Raum auf dem Feld verteilt. Vier Verteidiger, vier Mittelfeldspieler, zwei Stürmer – solche Strukturen gaben klare Bezugspunkte für Laufwege, Abstände und Zuständigkeiten. Gerade in einer Zeit, in der taktische Abläufe weniger komplex waren, funktionierte dieses Modell gut. Positionen waren relativ stabil, Spieler bewegten sich überwiegend innerhalb ihrer Zonen. Ein Außenverteidiger verteidigte außen, ein Flügelspieler blieb an der Linie, ein Mittelstürmer agierte zentral im Strafraum. Die Formation war damit nicht nur Ausgangspunkt, sondern auch weitgehend dauerhafte Struktur eines Spiels. Viele Trainer verbanden ihre Spielidee eng mit einer bestimmten Grundordnung. Arrigo Sacchi etwa machte das 4-4-2 in den späten 1980er-Jahren zum Inbegriff kollektiver Raumverteidigung. Seine Mannschaften verschoben als kompakter Block, hielten klare Linien und kontrollierten Räume über ihre Formation. Ähnlich prägend wirkte später das 4-3-3 bei Johan Cruyff und anschließend bei Pep Guardiola in Barcelona. Hier diente das System als Grundlage für Ballbesitz, Dreiecksbildung und Positionsspiel. Formationen wurden dadurch zu einer Art taktischer Sprache. Wer vom 4-4-2 sprach, meinte nicht nur eine Anordnung von Spielern, sondern eine ganze Spielphilosophie. Auch für Gegneranalysen war dieses Denken hilfreich. Trainer konnten sich relativ sicher sein, welche Räume besetzt sein würden und welche Bewegungsmuster zu erwarten waren. Doch genau diese Stabilität gerät im modernen Fußball zunehmend ins Wanken. Spieler rotieren häufiger, Rollen verändern sich innerhalb von Sekunden, und viele Teams lösen ihre Grundordnung bewusst auf, um neue Räume zu öffnen. Die Formation bleibt zwar der Ausgangspunkt – aber sie beschreibt das Spiel längst nicht mehr vollständig.
Der moderne Fußball ist zu dynamisch für starre Systeme
Der moderne Fußball hat sich in einer Geschwindigkeit entwickelt, die starre Formationen zunehmend überfordert. Spieltempo, Athletik und taktische Schulung der Spieler sind so hoch geworden, dass feste Positionen immer seltener über längere Phasen bestehen bleiben. Statt stabiler Linien entstehen bewegliche Strukturen, die sich je nach Spielphase verändern. Ein zentraler Grund dafür ist die zunehmende Bedeutung von Rotationen. Spieler verlassen bewusst ihre Ausgangsposition, um Räume zu öffnen oder Überzahlen zu schaffen. Ein Außenverteidiger rückt ins Mittelfeld, ein Flügelspieler zieht in den Halbraum, ein Achter startet in die Tiefe. Diese Bewegungen verändern die Formation innerhalb weniger Sekunden – oft ohne dass die grundlegende Idee des Spiels verloren geht. Manchester City unter Pep Guardiola gilt als eines der deutlichsten Beispiele für diese Entwicklung. In der Defensive kann das Team wie ein klassisches 4-4-2 wirken, im Aufbau entsteht häufig eine Dreierlinie mit zwei Mittelfeldspielern davor, während sich vorne eine fünfköpfige Offensivstaffelung formiert. Auf dem Papier wäre das kaum mit einer einzigen Formation zu beschreiben. Entscheidend sind vielmehr die Rollen der Spieler in den jeweiligen Momenten. Auch Arsenal unter Mikel Arteta arbeitet mit solchen strukturellen Verschiebungen. Außenverteidiger rücken regelmäßig ins Zentrum, um das Mittelfeld zu verstärken. Gleichzeitig besetzen Flügelspieler und Achter die äußeren Räume. Die Formation verändert sich abhängig davon, ob das Team den Ball hat oder verteidigt. Bayer Leverkusen unter Xabi Alonso zeigte eine ähnliche Flexibilität. Obwohl häufig von einer Dreierkette gesprochen wurde, konnte die Mannschaft im Spielverlauf problemlos zwischen verschiedenen Strukturen wechseln. Entscheidend ist dabei nicht die Zahl der Verteidiger, sondern die Balance zwischen Absicherung, Spielaufbau und Offensivpräsenz. Diese Beispiele zeigen, warum starre Systembeschreibungen immer weniger aussagekräftig sind. Der moderne Fußball ist zu dynamisch geworden, um dauerhaft in festen Linien organisiert zu bleiben. Formationen sind nur noch Startpunkte – das eigentliche Spiel entsteht in den Bewegungen dazwischen.
Der Matchplan als neues taktisches Zentrum
Wenn Formationen immer weniger über das Spiel erklären, rückt eine andere Ebene in den Mittelpunkt: der Matchplan. Darunter verstehen Trainer nicht mehr primär eine feste Grundordnung, sondern eine Sammlung von Prinzipien, Mechanismen und Abläufen, die festlegen, wie eine Mannschaft ein bestimmtes Spiel gestalten will. Der Matchplan beantwortet Fragen wie: Wo soll der Gegner unter Druck gesetzt werden? Welche Räume sollen bewusst geöffnet oder bespielt werden? Wann wird Tempo erhöht, wann kontrolliert? Der Unterschied zur klassischen Systemlogik ist entscheidend. Ein System beschreibt, wo Spieler stehen, ein Matchplan beschreibt, was sie tun sollen. Damit verschiebt sich die taktische Planung von der statischen Raumaufteilung hin zu dynamischen Verhaltensweisen. Trainer arbeiten weniger mit Linien auf der Taktiktafel, sondern mit Abläufen: Pressingtrigger, Aufbauprinzipien, Laufwege und Entscheidungsregeln. Ein gutes Beispiel ist Jürgen Klopp. Seine Mannschaften wurden oft mit bestimmten Formationen beschrieben – etwa dem 4-3-3 in Liverpool. Doch der eigentliche Kern seines Spiels lag nie in dieser Ordnung, sondern im Pressingmechanismus. Wann wird der Gegner angelaufen? Welche Passwege werden zugestellt? Wer sichert dahinter ab? Diese Abläufe bestimmten das Spiel stärker als die Grundformation. Auch Roberto De Zerbi verfolgt einen stark matchplanorientierten Ansatz. Bei Marseille ging es weniger um die äußere Struktur als um die Idee, Gegner durch kontrollierten Spielaufbau anzulocken und anschließend Räume hinter der ersten Pressinglinie zu öffnen. Spieler wechseln dabei ständig ihre Positionen, doch der Matchplan bleibt erkennbar: den Gegner locken, überspielen und in offenen Räumen attackieren. Xabi Alonso arbeitet ähnlich. Seine Mannschaft bei Bayer Leverkusen verfügte über klare Abläufe im Aufbau, im Gegenpressing und bei Tiefenläufen. Ob diese Bewegungen aus einer Dreier- oder Viererkette entstehen, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass die Mechanismen greifen. Der Matchplan wird damit zum taktischen Zentrum. Er bestimmt die Logik eines Spiels – während die Formation nur den Rahmen bildet, in dem diese Logik umgesetzt wird.
Spielerrollen statt Positionen
Mit der zunehmenden Bedeutung des Matchplans verändert sich auch die Rolle der einzelnen Spieler. Während früher klare Positionen dominierten – Außenverteidiger, Flügelspieler, Mittelstürmer – arbeiten viele Teams heute mit funktionalen Rollen. Entscheidend ist weniger, wo ein Spieler aufgestellt ist, sondern welche Aufgaben er in bestimmten Spielsituationen erfüllt. Ein Beispiel dafür ist John Stones bei Manchester City. Offiziell als Innenverteidiger aufgestellt, rückte er im Ballbesitz regelmäßig ins Mittelfeld vor und agierte dort wie ein zusätzlicher Sechser. Seine Aufgabe besteht darin, das Zentrum zu stabilisieren und Überzahl im Aufbau zu schaffen. In der Defensive fällt er wieder in die Abwehrreihe zurück. Seine Position verändert sich also je nach Spielphase – seine Rolle im Matchplan bleibt jedoch klar definiert. Ähnlich flexibel wird Joshua Kimmich bei Bayern München eingesetzt. Ob als Sechser, Aufbauverteidiger oder zusätzlicher Spielmacher aus der Tiefe – seine Funktion besteht darin, das Spiel zu strukturieren und Tempo zu kontrollieren. Die genaue Position auf dem Feld ist dabei weniger entscheidend als seine Rolle im Ballbesitzspiel. Auch im Angriff zeigt sich dieser Wandel. Spieler wie Kai Havertz oder Julián Álvarez interpretieren die Rolle des Stürmers nicht mehr ausschließlich als zentralen Zielspieler. Sie lassen sich fallen, verbinden Linien oder öffnen Räume für nachstoßende Mitspieler. Der Stürmer wird zum Verbindungsspieler, nicht nur zum Vollstrecker. Diese Entwicklung führt dazu, dass viele moderne Spieler hybride Profile besitzen. Außenverteidiger müssen im Mittelfeld spielen können, Mittelfeldspieler in die Tiefe starten, Stürmer Räume öffnen statt nur besetzen. Der Matchplan verlangt Anpassungsfähigkeit. Positionen verschwinden dadurch nicht vollständig, doch ihre Bedeutung verschiebt sich. Sie dienen weiterhin als Ausgangspunkt der Ordnung. Entscheidend ist jedoch, welche Rolle ein Spieler innerhalb der Spielmechanismen erfüllt. Der moderne Fußball denkt weniger in festen Positionen – und stärker in Funktionen, die sich im Verlauf eines Spiels verändern.
Coaching und Spielvorbereitung verändern sich
Mit der Verschiebung vom System hin zum Matchplan verändert sich auch die Arbeit der Trainer. Vorbereitung bedeutet heute weniger, eine feste Formation einzustudieren, sondern vielmehr, Mechanismen für unterschiedliche Spielsituationen zu entwickeln. Trainer analysieren Gegner nicht mehr nur danach, welche Grundordnung sie spielen, sondern danach, welche Räume sie öffnen, welche Bewegungsmuster sie bevorzugen und wo ihre Entscheidungslogik liegt. Das zeigt sich besonders in der Spielvorbereitung. Statt ausschließlich die eigene Formation zu trainieren, arbeiten viele Teams mit situativen Übungen: Pressingauslöser, Aufbauvarianten, Übergänge nach Ballgewinn oder Verhalten in bestimmten Zonen des Feldes. Spieler lernen nicht nur ihre Position, sondern auch die Prinzipien, die hinter den Abläufen stehen. Pep Guardiola ist ein prägnantes Beispiel für diese Herangehensweise. Seine Teams können unterschiedliche Strukturen annehmen, weil die Spieler klare Prinzipien kennen: Raum besetzen, Dreiecke bilden, Überzahlen schaffen, sofort nach Ballverlust reagieren. Die Formation kann variieren – der Spielplan bleibt konstant. Auch im internationalen Fußball zeigt sich diese Entwicklung. Nationalmannschaften haben deutlich weniger Trainingszeit als Vereinsmannschaften, weshalb ein starres System oft schwer umzusetzen ist. Stattdessen arbeiten viele Trainer mit klaren Matchplänen für einzelne Spielphasen: wann hoch gepresst wird, wann sich das Team zurückzieht oder wie Umschaltmomente gestaltet werden sollen. Ein weiterer Effekt dieser Entwicklung ist die zunehmende Bedeutung der Gegneranalyse. Matchpläne werden gezielt angepasst, um bestimmte Schwächen auszunutzen oder Stärken des Gegners zu neutralisieren. Trainer denken weniger in universellen Systemen, sondern in spezifischen Lösungen für konkrete Spiele. Coaching wird damit stärker prozessual. Es geht weniger darum, eine Formation zu perfektionieren, sondern darum, Entscheidungsprozesse zu trainieren. Spieler müssen Situationen erkennen und innerhalb des Matchplans eigenständig handeln können. Genau diese Fähigkeit entscheidet zunehmend darüber, ob ein taktisches Konzept im Spiel funktioniert.
Fazit und Ausblick: Fußball wird prozessual
Formationen werden den Fußball nicht vollständig verlassen. Sie bleiben eine Orientierung, eine gemeinsame Sprache für Trainer, Spieler und Beobachter. Doch ihre Bedeutung hat sich verändert. Während sie früher das taktische Zentrum eines Teams bildeten, sind sie heute vor allem der Ausgangspunkt für dynamische Abläufe. Der moderne Fußball wird stärker von Prozessen bestimmt als von starren Ordnungen. Mannschaften verändern ihre Struktur abhängig von Ballbesitz, Gegnerdruck oder Spielphase. Eine Viererkette kann im Aufbau zur Dreierstruktur werden, ein Mittelfeldspieler plötzlich zum zusätzlichen Verteidiger oder Stürmer. Entscheidend ist nicht mehr die Ausgangsformation, sondern wie flexibel ein Team auf unterschiedliche Situationen reagieren kann. Der Matchplan rückt damit in den Mittelpunkt. Trainer definieren Prinzipien, Mechanismen und Entscheidungsregeln, die den Spielern Orientierung geben. Diese Regeln gelten unabhängig davon, ob eine Mannschaft gerade im 4-3-3, im 3-2-5 oder in einer ganz anderen Struktur steht. Das Spiel wird weniger über Linien organisiert und stärker über Abläufe gesteuert. Auch für die Spieler verändert sich dadurch das Anforderungsprofil. Vielseitigkeit, Spielintelligenz und Anpassungsfähigkeit werden wichtiger als die perfekte Ausführung einer einzelnen Position. Wer mehrere Rollen innerhalb eines Matchplans erfüllen kann, wird für moderne Trainer besonders wertvoll. Der Trend deutet darauf hin, dass sich diese Entwicklung weiter verstärken wird. Mit zunehmender Intensität und taktischer Komplexität wird es immer schwieriger, ein Spiel allein über eine feste Grundordnung zu kontrollieren. Die besten Mannschaften werden jene sein, die ihre Struktur flexibel verändern können, ohne ihre Prinzipien zu verlieren. Der moderne Fußball ist deshalb weniger ein Formationsspiel als ein Entscheidungs- und Ablaufspiel. Systeme bleiben sichtbar – doch der eigentliche Schlüssel liegt im Plan dahinter.
Zurück |