INTERVIEW
„Wir wollen uns verbessern, verbessern, verbessern!"
Dieter Hecking trainiert das erfolgreichste Team der Rückrunde, den 1. FC Nürnberg. Ein Gespräch über nachhaltiges Arbeit im skeptischen Franken. Interview Christoph Ruf

Herr Hecking, in den derzeitigen Trainerdiskussionen sind die Schubladen klar etikettiert. Es gibt die alten Trainer, die jungen wie Dutt, Tuchel und Klopp. Und die erfahrenen wie Sie. Dabei sind Sie nur vier Monate älter als Dutt.
Dieter Hecking: Ja, komisch. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich so alt aussehe.
Trösten Sie sich. Angeblich gibt es ja nicht junge und alte, sondern nur gute und schlechte Trainer.
Hecking: Da kann ich nicht viel mit anfangen. Ich habe es bei meinen Stationen noch nie geschafft, um Titel zu spielen. Damit machst du natürlich keine Schlagzeilen. Bin ich deshalb ein schlechter Trainer?
Wenn der Tabellenplatz nicht das Kriterium ist - woran bemisst sich dann, ob ein Trainer ein „guter" ist? Das Wort vom Konzepttrainer passt den meisten in ihrer Zunft ja auch nicht.
Hecking: Ein Kollege von Ihnen hat kürzlich die Schubladen aufgezogen, mich in keiner gefunden und danach geschrieben: Hecking ist einfach nur Fußballlehrer. Deshalb passt er nach Nürnberg. Und ich dachte: Ach, ist das schön!
Seit ein paar Jahren reden ja alle Spieler von ihren „akribischen" Trainern. Die Charakterisierung würden Sie gelten lassen?
Hecking: Natürlich, aber wer in der Bundesliga nicht akribisch arbeitet, fällt bald durch den Rost.
Sind Sie sicher? Es gibt in der Branche Trainer, die von Freitag bis Dienstag blau machen, ihr Team aber gnädigerweise noch zum Spiel begleiten.
Hecking: Ob als aktiver Fußballspieler oder vorher in der Schule - ich musste mir immer alles hart erarbeiten. Als Fußballlehrer sage ich: Wenn wir die Inhalte immer wieder wiederholen, begreift auch jeder, was wir hier wollen.
Und obwohl das ganz gut klappt, treten Ihre jungen Spieler recht bescheiden auf. Von Europa ...
Hecking: .. brauchen wir aber auch nicht zu reden. Wir können aber rechnen: Wenn Mainz in Dortmund nicht gewinnt, was normal wäre, und wir gegen Werder zumindest einen Punkt holen
.. was auch normal wäre.
Hecking: ... sind wir vor ihnen. Und trotzdem: Wie bei den Pässen muss ich mental jeden Tag dafür sorgen, dass sich nicht die Euphorie verselbständigt, die eintritt, wenn du seit acht Spielen nicht verloren hast. Heute hat ein Spieler im Trainingsspiel eine Fahne umgetreten, weil ihm ein Pfiff nicht gefallen hat.
Das wiederum hat Ihnen nicht gefallen.
Hecking: Nein, weil er das vor sechs Wochen noch nicht gemacht hat, da hat er sich nur auf seine Leistung konzentriert. Ich will vermitteln: In der Zeit, die wir auf dem Platz stehen, geht`s nur um das eine: Wir wollen uns verbessern, verbessern, verbessern. Wir schimpfen nicht auf den Schiedsrichter, das lenkt nur ab.
Ihr Nachwuchskoordinator, Rainer Zietsch, behauptet, Sie wüssten immer, wie die U 15 des Clubs gespielt hat. Aber nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Aufstellung und wer verletzt ist.
Hecking: Als Cheftrainer muss ich alles im Auge haben, nur so kann ich gestaltend eingreifen. Wir haben wöchentlich einen Jour Fixe mit allen Trainern. Ich muss wissen, wer bei der U23 gut war und wer nicht. Allein schon, weil ich sonst sowohl den Trainer als auch die Spieler demotiviere, die in die erste Mannschaft wollen. Das kann man sich nicht leisten. Wir als 1. FC Nürnberg schon mal gar nicht.
Sie selbst fahren nach Auswärtsspielen im Norden oder Westen mit der Mannschaft nach Nürnberg zurück. Obwohl Ihre Familie in der Nähe von Hannover wohnt, und das morgendliche Auslaufen auch der Co-Trainer leiten könnte. Was soll das?
Hecking: Der Cheftrainer sollte immer vor Ort sein. Am Sonntag kommt viel raus, die Reservisten wollen gesehen werden, ich kann dann auch mal mit denen reden. Und privat ist der Sonntag Morgen eh kaputt, die Spannung weicht ja erst allmählich aus einem. Wenn ich dann abends um halb sechs zu Hause bin, ist sie weg.
Irgendwann werden auch Sie weg sein. Hat der Club mittlerweile Strukturen geschaffen, die den nächsten Trainerwechsel überdauern?
Hecking: In den letzten Wochen haben sechs Jungs ihr Bundesligadebüt gegeben, das spricht sich unter den süddeutschen Toptalenten herum. Deshalb ist die Nachhaltigkeit gegeben, so lange das vom Verein an den jeweiligen Cheftrainer vorgegeben wird.
Der Jour fixe bleibt?
Hecking: Das ist der Weg des 1. FCN - und der ist gut.
Wie Ihre letzten vier Vorgänger haben Sie sich als Nicht-Franke schon sehr verwundert über die hiesige Mentalität gezeigt.
Hecking: Wie bei allen Traditionsvereinen wird viel von der Vergangenheit gesprochen. Und dann sagen sie wieder: der Club is a Depp.
Herr Hecking, Sie trainieren einen Verein, der 1968 Meister wurde und 1969 als Tabellenletzter abgestiegen ist.
Hecking: Ich weiß. Aber ich kann es nicht mehr hören. Was soll ich damit anfangen, dass der Club 2007 Pokalsieger wurde und im Jahr darauf abgestiegen ist? Muss das automatisch wieder so kommen?

Trainert das beste Team der Rückrunde: Dieter Hecking, 1. FC Nürnberg Foto Pixathlon
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